Bad Staffelstein Der Dichter chillt barfuß am Bach

Bad Staffelstein ehrt Joseph Victor von Scheffel mit einem Denkmal. Am neuen Scheffel-Platz blickt der Verfasser des Frankenliedes versonnen nach Banz. Und lädt Passanten zum Fußbad ein.

Bad Staffelstein - Entspannt und barfuß hockt er da, lässt Bein und Seele baumeln und sinniert wohl gerade über ein Dankgedicht an seine fränkischen Fans. Joseph Victor von Scheffel ist angekommen: 121 Jahre nachdem er dem Gottesgarten am Obermain ein dichterisches Denkmal setzte, hat sich Bad Staffelstein revanchiert: In Lebensgröße residiert der Poet jetzt auf einem Granitsockel in der sanierten Bahnhofstraße und blickt versonnen gen Norden. Nach Banz.

Der Dichter

Joseph Victor (von) Scheffel, 1826 in Karlsruhe geboren, studierte zunächst Rechtswissenschaft, widmete sich aber ab 1852 ganz der Dichtkunst. Mit seinen Erzählungen, Versepen ("Der Trompeter von Säckingen") und Liedtexten wurde er zu einem populären Autor des Biedermeiers. Er vereinigte in seinen Werken die beiden Grundströmungen des damaligen Zeitgeistes: bürgerliche Bildungsbeflissenheit und nationale Begeisterung. 1876 wurde er in den Adelsstand erhoben.

Die "stromdurchglänzte Au" um Staffelstein, insbesondere der Staffelberg und Kloster Banz, wurden durch sein Gedicht "Wohlauf, die Luft geht frisch und rein" überregional bekannt und somit für den Fremdenverkehr deutschlandweit entdeckt. Das Gedicht wurde 1870 von Valentin Becker vertont und gilt heute als inoffizielle Frankenhymne.


Der Bildhauer

Andreas Krämmer, 1959 in Coburg geboren, studierte nach dem Abitur am Gymnasium Casimirianum Coburg und einer Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer Steinbildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich vor allem mit der menschlichen Figur. Der klassische Akt, der Torso, das Relief, die Tierplastik, das Porträt und Tanzdarstellungen gehören zu seinem bisherigen Schaffen. Bis 2003 wirkte Krämmer wiederholt als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Braunschweig. Seit 1998 ist er Mitglied im Künstlersonderbund Deutschland. Krämmer lebt als freischaffender Bildhauer in Seßlach.


Dort droben hatte der 33-Jährige im Sommer 1859 Quartier bezogen, keineswegs, um der irdischen Welt zu entsagen (die Wittelsbacher hatten die einstige Benediktinerabtei längst säkularisiert), sondern um am Busen der Natur Erbauung und Orientierung zu finden: Sollte er die ungeliebte Juristenlaufbahn fortsetzen oder seinen schöpferischen Neigungen frönen? Er entschied sich bekanntlich für die Dichtkunst, wurde zu einem Bestsellerautor der Romantik und bescherte den Franken mit seiner schwärmerischen Ode "Wohlauf, die Luft geht frisch und rein" ihre gar nicht so heimliche Hymne. In Bronze gegossen ist der Text des Frankenliedes auf der Steinstele nachzulesen, auf der Scheffel in der Blüte seiner Jugend lässig chillt.

So kannten ihn die Bad Staffelsteiner bislang noch nicht: Im Rathaus sitzt er als honoriger Hofrat mit Bart und Nickelbrille. Der Bildhauer Andreas Krämmer holt den Dichter aus der literarischen Ahnengalerie: Er zeigt ihn als Studiosus im Aufbruch, ein Wanderer in des Wortes vielfältiger Bedeutung. "Ich wollte den jugendlichen Antrieb, das Entdeckenwollen und die Begeisterung für Kultur und Natur zeigen", erläutert der in Seßlach lebende Künstler. Das Denkmal versteht er als Identifikationsfigur, das Touristen und Flaneure auf Augenhöhe anspricht und einlädt, Scheffels Spuren zu folgen.

Nach der sommerlichen Staffelberg-Bezwingung dürfte mancher auch gerne seinem Beispiel folgen und sich stracks des Schuhwerks entledigen. Der neue Scheffel-Platz lädt dazu ein: Am Treppenabgang zum freigelegten Lauterbach kann man rasten und seinen Füßen ein kühlendes Bad gönnen. Verwechslungen mit Scheffels Schuhen, die am Kai stehen, sind ausgeschlossen: Sie sind aus Bronze und natürlich fixiert.

Weniger selbsterklärend als dieser originelle Hingucker ist der Skizzenblock in Scheffels linker Hand, auf dem ein Saurierschädel prangt. "Er konnte den Ichthyosaurus aus der Banzer Petrefaktensammlung aus dem Kopf zeichnen", merkt Andreas Krämmer respektvoll an. Derlei Details weiß der Bildhauer von der Coburger Kunsthistorikerin und Künstlerin Nathalie Gutgesell, die 2014 über die Doppelbegabung von Scheffels promoviert hat und Krämmer bei den Recherchen unterstützte. So fand er auch zu jenen frühen Porträts des Dichters, an denen er sich bei der Gestaltung der Figur orientiert hat.

Sie ist Andreas Krämmers zweites Denkmal für Bad Staffelstein: Vor elf Jahren wurde im Stadtzentrum seine überlebensgroße Adam-Ries(e)-Bronzestatue eingeweiht. Um diese künstlerische Handschrift im Verlauf der Fußgängerzone fortzuführen, konnte die Stadt auf eine Ausschreibung des Scheffel-Denkmals verzichteten, erklärte Bürgermeister Jürgen Kohmann bei der Einweihung am Freitag. Er freute sich, den dritten von fünf Bauabschnitten der Sanierung der Bahnhofstraße damit abschließen zu können. 60 Prozent der Gesamtkosten für das Denkmal in Höhe von 75 000 Euro wurden nach seinen Worten aus Mitteln der Städtebauförderung finanziert, zehn Prozent steuerten die Sponsoren Sparkasse und VR-Bank bei.

Auch der vierte Teilbereich, der im kommenden Frühjahr in Angriff genommen wird, soll künstlerisch aufgewertet werden: mit einem "Zufallsbrunnen" in Gestalt des Rechenbretts von Adam Riese.

Die kirchliche Segnung verbanden die beiden Pfarrer Matthias Hagen und Georg Birkel mit dem Wunsch, das Denkmal möge zum Innehalten anregen, seinen Betrachtern Denkanstöße geben und sie zum Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung ermutigen.

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