Bündnis 90 / Die Grünen Die Zitterparty

Die Grünen freuen sich über die zugelegten Prozente, haben aber mehr erwartet. Und sie bangen um den Einzug des Coburger Kandidaten ins Parlament. Wird’s der Hannes schaffen?

Coburg - Das Bahnticket nach Berlin hat Johannes Wagner zwar noch nicht in der Tasche, aber er ist zuversichtlich, dass er es bald brauchen wird: „Ich bin fest überzeugt davon, dass es klappt!“ sagt der Bundestagskandidat und lächelt. Es ist Sonntag, 17.30 Uhr, bestes Open-Air-Wahlparty-Wetter und die Coburger Grünen machen es sich vor ihrem Pop-Up-Büro in der Judengasse 1 gemütlich: Sofa und Second-Hand-Tischchen holen sie ins Freie, Bio-Bier, Säfte, Sekt und Selters haben sie kaltgestellt und einen Corona-Checkpoint aufgebaut, um die 3G-Regeln einzuhalten.

Die Tests werden kaum gebraucht an diesem Abend, gute Nerven aber schon: Schafft es der Hannes – so nennen hier alle ihren Kandidaten – oder schafft er’s nicht? 15 Prozent auf Bundesebene müssten genügen, damit er als Sechzehnter auf der bayerischen Landesliste den Sprung nach Berlin schafft, rechnet Wagner vor. Kevin Klüglein, Vorstandssprecher des Kreisverbands, ist da vorsichtiger: „Bei 17 Prozent ist es sicher“.

Darum halten sie den Atem an, als Punkt 18 Uhr das ZDF seine Prognose veröffentlicht – und es bleibt beklommen ruhig im Raum, als der grüne Balken bei 14,5 stoppt. Wenig später brandet dann aber doch Applaus auf: 22 Prozent in Berlin – ein Triumph, der auch in Coburg guttut. „Wir haben uns deutlich gesteigert. Ich hätte mir aber einen Tick mehr gewünscht“, räumt Johannes Wagner im ersten Statement ein. Erleichtert ist er über die Verluste der CDU/CSU: „Die Union ist abgewählt, das ist die Botschaft!“. Und wie sieht er seine Chancen jetzt? „Es wird reichen!“, versichert der 30-jährige Arzt. Doch Gewissheit wird er so bald nicht bekommen, „das wird eine lange Nacht“ prophezeit Wagner. Mit seinem Erststimmenergebnis ist er zufrieden, mit dem von Jonas Geissler nicht: „So klar hätte ich das nicht erwartet“.

„Es wäre ein Traum, wenn Hannes es schafft“, sagt Antonia Riedel, die Sprecherin der Grünen Jugend. Und Ralf Schramm betont: „Jedes Prozent mehr ist ein Gewinn!“ Die 15 jungen Aktiven haben sich stark engagiert in den letzten Monaten, berichtet Wahlkampfmanager Michael Dorant. Und nicht nur sie: „Wir sind alle hochmotiviert rangegangen“. Dass nicht einmal der Absturz der Prognosen die Motivation trübte, führt Dorant auch auf den Hannes und seine begeisternde Ausstrahlung zurück: „Er brennt für die Sache!“. Aber auch Enttäuschung über das sich abzeichnende Ergebnis von unter 15 Prozent ist den Gesichtern anzusehen: „Ich hatte mir mehr kritischen Geist erhofft“, sagt Hubertus Habel, der die Kampagnen gegen Annalena Baerbock für die sinkende Popularität der Partei verantwortlich macht. Auch Dorothea Weiß vom Bund Naturschutz hat sich mehr Bewusstsein für den Klimaschutz erhofft. Ihr Mann Wolfgang Weiß, Stadtrat von B’90/Die Grünen, hält sich erst einmal bedeckt: „Vor 22 Uhr sage ich gar nichts“.

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