Der Schockmoment
Rückblick: Im Jahr 2012 entscheidet sich Jan Gorr für den nächsten Karriereschritt. Nach sieben Jahren in Hüttenberg ist es an der Zeit, den Schritt "in den absoluten Profibereich" zu gehen. Er unterschreibt einen Vertrag in Gummersbach zur Saison 2012/13, sucht sich eine Wohnung, arbeitet am Kader für die Saison. Alles scheint perfekt. Doch der Schein trügt. Vor seinem offiziellen Amtsantritt entscheiden sich die Gummersbacher Verantwortlichen, doch an Emir Kurtagic festzuhalten. Für Jan Gorr ein Schock. "Ich hatte ja schon einen Vertrag dort."
Kurze Zeit nach der Vertragsauflösung verpflichtet der HSC 2000 den Hessen als neuen Cheftrainer zur Saison 2013/14. "Ich hatte ein Jahr als Übergang. Das war schwierig für mich, da ich das überhaupt nicht kannte." Schließlich ist er es gewohnt, dem Handballsport vieles unterzuordnen.
Der Videoanalyst
In Coburg arbeitet er als Coach sowie Sportlicher Leiter. "Ich glaube, dass mich die Traineraufgabe nicht voll auslasten würde." Gorr hat unter anderem die Leitung einer Trainingseinheit Athletik-Coach Barsties übertragen. Diese Zeit nutzt der Chefcoach für die Videoanalyse. "Ich schaue fünf, sechs Spiele des jeweiligen Gegners. Dazu kommen eigene Partien. Dafür geht in Summe viel Zeit drauf", erläutert er und spricht über die Videosequenzen, die er für seine Spieler selbst zusammenschneidet.
Bis Donnerstagabend muss das Video bei Samstags-Spielen in der Regel fertig sein - für die dann anstehende Team-Besprechung. Gorr zieht aus seiner schwarzen Sporttasche, die er ins Café mitbringt, seinen Laptop hervor und zeigt, wie er einzelne Szenen in die Präsentation für seine Spieler einfügt. Alles geht schnell, in wenigen Handgriffen ist ein kurzer Ausschnitt einer Partie des kommenden Gegners Aue verarbeitet. Jan Gorr kann nicht einschätzen, wie viele Stunden Arbeit am Ende einer Woche zusammenkommen, die Übergänge zwischen Freizeit und Arbeitszeit seien fließend. So wie am Sonntag, als er das Erstliga-Spiel der Leipziger gegen Berlin verfolgt und möglicherweise das eine oder andere Detail für das eigene Spiel entdeckt.
Hat Gorr nicht Sorge, dass er sich eines Tages übernimmt? "Das weiß man ja nie. Das kann ich mir aber schwer vorstellen. Dazu liebe ich das, was ich mache, einfach zu sehr", macht er deutlich und gönnt sich anschließend einen Schluck Kaffee. "Ich finde es gerade im Profisport sehr wichtig, sich nicht von den Extremen treiben zu lassen. Weder wenn es sehr gut läuft, noch wenn es Phasen gibt, in denen nicht viel zusammengeht." Das helfe ihm, wie er sagt. Scheint zu stimmen, Gorr wirkt sehr gelassen, dabei klar und fokussiert in seinen Aussagen.
Am Sonntag reist der HSC zum Auswärtsspiel nach Aue, Abfahrt ist um 12.30 Uhr. Gegen Ende des Gesprächs im Café kommt Spielmacher Tobias Varvne an den Tisch, ein paar Minuten später Rückraumspieler Pontus Zetterman. "Wir wollen noch ein paar Szenen am Laptop schauen", klärt Jan Gorr auf und bittet seine Spieler, Platz zu nehmen. Es gibt keine Zeit zu verlieren. Schließlich ist für 16.30 Uhr die Team-Videoanalyse angesetzt, für 17 Uhr die nächste Trainingseinheit.