Coburg Das Aus für ein Herzensprojekt

Bettina Knauth

Seit 2008 bewirtet Gudrun Jöchner Gäste im "Hofcafé Mohnbiene" in Gemünda. Nun muss sie aufhören. Kleine Familienbetriebe werden Corona nicht überleben, meint sie.

Jetzt verhagelt der neue "Lockdown light" Hofcafé-Chefin Gudrun Jöchner auch noch das Abschiedsfest, das vom 6. bis zum 8. November geplant war. So verschwindet die "Mohnbiene" nach zwölf Jahren ganz leise. Foto: Knauth

Gemünda - Zwölf Jahre lebte Gudrun Jöchner ihren Traum. In ihrem Hofcafé in Gemünda verwöhnte sie Gäste mit Backwaren, Brotzeiten und Speisen. Doch nun das: "Die Mohnbiene verabschiedet sich", verkündete Jöchner kürzlich via Rundbrief.

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Leicht ist der Betreiberin dieser Schritt wahrlich nicht gefallen. "Ich habe bis zuletzt auf eine positive Entwicklung gehofft", gesteht die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin. Schon im Mai hatte sie auf den durch die Corona-Pandemie bedingten Abwärtstrend in ihrem Betrieb reagiert. Nachdem ihr Lockdown und Auflagen fast komplett die Einnahmen aus dem Hofcafé genommen hatten, kündigte Jöchner damals an, vorerst nur noch sonntags Kaffee und Kuchen anzubieten. Kurz zuvor war sie in ihren erlernten Beruf als Arzthelferin zurückgekehrt, was ihre Zeit zum Backen von Kuchen und Torten sehr einschränkte. "Es kann ja keiner absehen, wie lange und in welcher Form diese Auflagen anhalten", begründete sie ihren Schritt.

Neben dem Hofladen, den Jöchner seit über 25 Jahren mit ihrer Familie betreibt, hatte sich die Hauswirtschafterin vor zwölf Jahren mit dem Café ein zweites Standbein aufgebaut. Ein Projekt, in das sie viel Herzblut investierte. Egal ob für Familienfeiern, Seniorentreffs oder Vereinsversammlungen, für Busreisen, Wandergruppen oder Spaziergänger - die "Mohnbiene" galt als lohnenswerte Anlaufstelle. Durchschnittlich 13 Veranstaltungen pro Monat fanden noch im Jahr 2019 hier statt. "Das bedeutete zwar sehr viel Arbeit, aber es bescherte uns auch sehr viele schöne Erlebnisse und viel Freude", schildert sie rückblickend.

Neben Kaffee und Kuchen bot Jöchner auch Frühstücksbuffets und Mittagstisch an. Mit ausländischen Spezialitäten servierte sie in den Ferien "Urlaub für Daheimgebliebene" oder verwöhnte ihre Gäste mit saisonalen Gerichten. Großer Beliebtheit erfreuten sich Naturführungen, nach denen die gesammelten Kräuter in der "Mohnbiene" verarbeitet wurden. Oder der Kochkurs "Wenn Oma kocht, was Opa mag" - "er sollte dafür sorgen, dass alte Rezepte nicht verloren gehen".

Auch Kultur servierte das Hofcafé reichlich, mit Musik und Lyrik, Kino oder "Lesungen auf dem Lande". Meist gab es zum Thema passende Speisen. Ob "Yoga für Frühaufsteher", Strickabende oder Wohlfühltage für Frauen: Immer wieder präsentierte Jöchner neue Ideen. Die Stadträtin und Seniorenbeauftragte gestaltete die Gesundheitstage im Coburger Rathaus mit, versorgte das Seßlacher Blutspenden mit Speisen oder bot der Diakoniestation Weitramsdorf-Seßlach Raum für Veranstaltungen. Von heute auf morgen brachen all diese Einnahmen ersatzlos weg. Dabei äußert die 58-Jährige Verständnis für die Beschränkungen: "Diese waren durchaus berechtigt, um die Pandemie einzudämmen." Fest steht für sie aber auch, dass gerade kleinere Familienbetriebe ohne weitere Einnahmequellen die Corona-Krise kaum überleben werden. Rund ein Drittel der 245 000 Betriebe, so schätzt es der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA), sind von der Insolvenz bedroht.

Mit dem Umsatz im Café brachen Sohn Florian Jöchner die Einkünfte als freiberuflicher Musiker weg. Einnahmen, die sich sonst "im fünfstelligen Bereich bewegen", wie er sagt. Ohne Aussicht auf Auftritte mit seiner Band forcierte der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann, der mit Frau Vicky und Töchterchen Finja ebenfalls auf dem Hofanwesen lebt, schon zu Beginn des Lockdowns seine 2019 begonnene Weiterbildung zum Finanzberater und Immobiliendarlehensvermittler.

Nun wird der 37-Jährige mit seiner kleinen Familie die Räumlichkeiten der "Mohnbiene" zu Wohnung und Büro umbauen. "Leerstand ist Stillstand", kommentiert seine Mutter, "es tröstet mich, dass die Gebäude gleich einer neuen Nutzung zugeführt werden."

Wer noch Gutscheine fürs Hofcafé besitzt, so versichert Jöchner, kann diese gern im Hofladen einlösen. Das Geschäft, in dem auch Wurst- und Fleischwaren aus eigener Produktion verkauft werden, läuft weiter. "Das war mir wichtig", sagt sie. Mittlerweile betreiben Ehemann Gerhard und Schwiegertochter Vicky Jöchner den Laden. Am Schlachttag am Donnerstag hat er auch durchgängig geöffnet, am Montag geschlossen.

Am Ende kam das Aus für die "Mohnbiene" noch schneller als gedacht. Das im Rundbrief angekündigte Abschiedswochenende vom 6. bis zum 8. November kann infolge des nun verkündeten "Wellenbrecher-Shutdowns" nicht mehr stattfinden. "Ich bedauere es sehr, dass wir nicht richtig Abschied nehmen können", sagt Jöchner. Dabei waren extra drei Tage eingeplant, um das Finale trotz Corona-Auflagen gebührend zu feiern. Viele Stammgäste hatten angekündigt, auf jeden Fall zum Abschied kommen zu wollen, berichtet sie. Und fügt hinzu: "Auf unsere Gäste war stets Verlass, auf die Gemünner sowieso." Dabei denkt Jöchner etwa an den Stammtisch, der sich einmal im Monat hier traf. Oder an den Gast, der stets zuverlässig kam, sobald sie das Schild mit "Schwarzwälder Torte" rausstellte. "Dafür hat man mir die ‚Verführung Erwachsener‘ unterstellt", lacht die passionierte Bäckerin.

Nun enden zwölf intensive Jahre Hofcafé ganz ruhig und ohne Gäste. "Es bleibt es uns nur übrig, zum Abschied ein leises Servus zu sagen", sagt Jöchner. Die Wehmut in ihrer Stimme ist deutlich zu spüren. Vor allem, als sie hinzufügt: "Ich dachte immer, dass ich das bis zur Rente machen kann."