Coburg Ein wahrer Schatz mit viel Potenzial

Schloss Heilgersdorf könnte die Heimat von Start-up-Unternehmen werden. Auch Wohnungen wären vorstellbar. Was davon verwirklicht wird, steht allerdings noch in den Sternen. Der Stadtrat will das Gutachten über den Sanierungsbedarf und mögliche Nutzungskonzepte erst einmal auf sich wirken lassen. Archiv Foto: Henning Rosenbusch

Ein Gutachten zeigt: Für ein saniertes Schloss Heilgersdorf gäbe es zig Nutzungsmöglichkeiten. Dennoch hält sich im Stadtrat die Euphorie in Grenzen.

Seßlach - Lange hat die Stadt darauf gewartet. Nun präsentierte Ingenieur Veit Huber vom gleichnamigen Architekturbüro aus Bamberg sein Gutachten zum Schloss Heilgersdorf den Seßlacher Räten. "Das Schloss ist ein wichtiges Zeugnis der Geschichte des Ortes und macht Heilgersdorf weit über seine Grenzen hinaus bekannt", begann er seine Ausführungen. Das Wahrzeichen zu erhalten, könnte allerdings mehr als 3,6 Millionen Euro kosten, schätzt Huber die Instandsetzungskosten allein für das Gebäude, ohne Ausbau des Dachgeschosses. Danach stünden nach seinem Entwurf im Erd- und Obergeschoss 830 Quadratmeter an Räumen für die bisherigen Vereine, eine Wohnung, ein Saal, sieben Büroräume plus Teeküche und Besprechungszimmer zur Verfügung.

Heuer kein Adventsmarkt in Seßlach

Der Seßlacher Adventsmarkt findet in diesem Jahr nicht statt. Darüber war sich das Gremium einig. . "Über die Tragweite der Absage bin ich mir durchaus bewusst", sagte das Stadtoberhaupt. Gerade für den örtlichen Einzelhandel und die Gastronomie sei diese Veranstaltung von großer Bedeutung. Doch lasse die derzeitige Situation keine andere Wahl. Maximilian Neeb: "Vor allem für kleinere Standbetreiber ist es unzumutbar, alle Auflagen zu erfüllen." Für ein bisschen weihnachtliche Stimmung regte er ein einstündiges Standkonzert verschiedener Blaskapellen aus dem Stadtgebiet an allen Adventswochenenden an, allerdings ohne Marktstände oder Glühweinausschank. Der Tourismus- und Kulturausschuss soll machbare Alternativen diskutieren.

Um den Sanierungsbedarf zu ermitteln und mögliche Nutzungskonzepte vorzustellen, mussten der Gutachter und sein Team erst klären, was an originärer Bausubstanz bestehen bleiben soll und von welchen nachträglichen, historisch nicht relevanten Ein- und Umbauten "wir uns getrost trennen können", wie Huber es ausdrückte. Als große Hilfe bezeichnete der Gutachter dabei die Recherchen von Kunsthistoriker Dr. Volker Rößner. "Wir haben nun sichtbar gemacht, was vorher nicht zu sehen war", so Huber. Das gilt zum Beispiel für die Deckenbalkenlage im Dachgeschoss. Diagonal hohe Spannweiten im stützenfreien Raum unterm Dach bereiten dem Statiker Sorge. Huber: "Da konzentrieren sich ungeheure Lasten in einem Bereich, der dafür nicht gemacht ist." Gleiches gilt für das stark austragende Gesims außen. Dass die Räume ungewöhnlich hoch sind, fiel ebenso auf wie der Umstand, dass sie ursprünglich kaum ausgebaut waren. Lediglich der linke Flügel wurde zur Bauzeit genutzt, Arbeiten am Südflügel wurden 1720/21 eingestellt. Huber: "Das Schloss blieb halb fertig, was wir heute noch merken." Original sind zum Beispiel eine Spindeltreppe und zweiflügelige Türen mit schönen Füllungen und Beschlägen. "Das ist herrschaftliches Wohnen vom Feinsten!", schwärmte der Gutachter.

Als Nutzungsmöglichkeiten präsentierte Huber eine ganze Liste: Nutzung durch die Stadt für öffentliche Aufgaben, Beteiligung des Dorfes, Ärztezentrum, Betreuung von Senioren, Sitz einer Akademie oder Tagungsort, private Nutzung. Bei Veräußerung der Immobilie an einem Privatmann gab Huber zu bedenken, dass der gesamte Vorbereich dann nicht mehr zur Verfügung stünde, weil er zum Schloss gehöre. Deshalb plädierte er dafür, das Schloss im Eigentum der Stadt zu belassen.

Neues Leben in den Ort könnten die von ihm im Obergeschoss vorgeschlagenen Büroräume bringen, in denen Huber gern Start-ups ansiedeln würde. Das nötige Potenzial sei vorhanden und das vermeintlich "romantische und entlegene Schloss" liege nur 22 Minuten von Coburg und seiner Wirtschaftskraft entfernt. "Wenn Sie es schaffen, hier junge, kreative Köpfe reinzubringen, wäre das eine gute Wirtschaftsförderung", fügte er hinzu. Falls dies nicht funktioniere, ließen sich die Büros "ohne großen Aufwand" wieder in Wohnungen umwandeln.

Wiederherstellen möchte der Architekt auf jeden Fall Großzügigkeit wie Zuschnitt der historischen Räume, durch Beseitigung späterer Einbauten. Erhalten werden soll die ursprüngliche Bausubstanz, erlebbar werden die Geschichte des Hauses. Im einst nie ausgebauten Bereich stellt er sich eine großzügige neue Treppenanlage vor. Die historische Terrasse würde er einbeziehen, sinnvolle vorhandene Strukturen weiter nutzen und sich künftige Entwicklungen offen halten, etwa durch Treppen zum Dachgeschoss. Dessen Ausbau, so Huber auf Nachfrage von Marcus Werner (CSU), würde weitere 500 000 bis 600 000 Euro kosten. Um die Brandschutzanforderungen niedrig zu halten, sprach sich Huber gegen einen solchen Ausbau aus. "Das Dach als nicht ausbaufähig anerkannt zu bekommen, würde viel Geld sparen", so Huber.

Die Dämmung der obersten Geschossdecke zählt ebenso zu den notwendigen Maßnahmen wie die Erneuerung aller Fenster inklusive einer umfangreichen Wärmedämmung sowie einer Wärmeerzeugung mittels Wärmepumpe oder Hackschnitzelheizung und eine dezentrale Warmwasserversorgung durch Elektrodurchlauferhitzer. Die notwendige Technik könnte im Keller angesiedelt werden.

Alle Stadträte teilten Hubers Einschätzung, "dass die Sanierung nur mit Unterstützung durch staatliche Stellen zu schaffen ist." Als mögliche Mittelgeber nannte der Gutachter den "Entschädigungsfonds Bayern" für Denkmal-Sanierungen, die Oberfranken-Stiftung, die Städtebauförderung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, den Bezirk Oberfranken, den Landkreis Coburg sowie Bundesmittel. Letztere seien attraktiv, weil sie unabhängig von anderen Fördergebern gewährt würden. Allerdings müsste der Bundestagsabgeordnete dafür "lästig werden" und permanent Klinken putzen. Immerhin, so Huber auf Nachfrage von Carsten Höllein (SPD), handele es sich beim Schloss um ein "Baudenkmal von nationaler Bedeutung", als herausragendes Beispiel der Bautätigkeit der ritterlichen Herrschaften zur damaligen Zeit.

Die Bauarbeiten könnten sich über drei bis vier Jahre erstrecken und ließen sich in drei Abschnitte aufteilen. Maßnahmen zur Dachsicherung, das betonte Huber, seien in Kürze unabdingbar. Die Höhe der Fördermittel lässt sich aktuell nicht abschätzen. Neeb nannte die Aussicht auf 1,4 Millionen Euro als "denkmalpflegerischer Mehraufwand", die bis zu 80 Prozent förderfähig seien. "Zukunftsdiskussionen" im Gremium hatte der Bürgermeister schon zu Beginn eine Abfuhr erteilt. Seine Forderung: "Wir sollten erst einmal das Gutachten auf uns wirken lassen."

 

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