Coburger Land Immer weniger Schweinehalter

Martin Rebhan

Tierhalter im Coburger Land sehen sich am Scheideweg. Und machen der Politik heftige Vorwürfe.

Die Schweine im Stall von Jan Schrijer können frei wählen ob, wann und für wie lange sie an die frische Luft wollen. Den Auslauf genießen die Tiere sichtlich. Foto: /Rebhan

Ottowind - Gleich an mehreren Fronten kämpfen derzeit die Fleischerzeuger nicht nur im hiesigen Raum. Auf der einen Seite wird die Tierhaltung von Verbrauchern kritisch beäugt, auf der anderen Seite wird die Spanne zwischen Erzeugerpreisen und Verkaufserlösen immer kleiner, so dass sich für viele Fleischproduzenten die wirtschaftlichen und emotionalen Anstrengungen einfach nicht mehr lohnen. Hinzu kommt noch ein Rückgang bei der Nachfrage nach Fleischerzeugnissen infolge Zunahme der vegetarischen beziehungsweise veganen Ernährung.

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Der Obmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) Kreisverband Coburg, Martin Flohrschütz, nutzte das jährliche „Stallgespräch“ dazu, vor allem die Situation der Schweinehalter zu durchleuchten. Ein nicht unbedeutender von ihnen ist Jan Schrijer aus Ottowind. Auf seinem Anwesen tummeln sich derzeit rund 500 Schweine, die in der Haltungsklasse 3 „Außenklima“ mit nicht wenig Aufwand gehalten werden. Er kritisiert, dass der Lebensmitteleinzelhandel für heimisches Qualitätsfleisch immer höhere Preise am Markt abgreift, davon aber nichts beim Erzeuger ankommt. Das Problem ist, dass billiges Fleisch aus Ländern, in denen das Tierwohl hinten ansteht, auf den Markt drängt. „Wir können daher dem Lebensmitteleinzelhandel nicht die Preise vorgeben, die für ein wirtschaftliches Handeln notwendigen wären“, erläutert der Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Harald Weber. Angesichts der Prospekte von Märkten, die Billigfleisch anbieten verdeutlichte er, dass es dieses weiterhin geben wird. „Aber dann nicht aus heimischer Produktion“, so Weber.

Kein Allheilmittel

Ein Umsteigen auf „Bio-Produkte“ sieht BBV Geschäftsführer Hans Rebelein nicht als Allheilmittel. Nach seiner Darlegung haben sich die Bestimmungen für Biobetriebe dermaßen verschärft, dass manche Betriebe aus Platzgründen den Anforderungen nicht mehr nachkommen können. Jan Schrijer brachte die Situation auf den Punkt: „Wenn wir zu Aldi-Konditionen produzieren sollen, dann hören wir lieber auf“. Er geht so weit, dass für ihn die Vermutung nahe liegt, dass eine „natürliche Auslese“ von staatlicher Seite gewollt ist. Die Zahlen, die BBV Geschäftsführer Hans Rebelein im Gepäck hatte verdeutlichten, was Jan Schrijer meinte. Gabe es 1990 noch 800 Betriebe mit Rinderhaltung sank die Zahl bis 2020 auf nur noch 181. Gleicher Trend bei Muttersauen. Verzeichnete die Statistik 1990 noch 468 Höfe mit dieser Tierhaltung waren es 30 Jahre später nur noch 39 Betriebe. Von ehemals 1027 Mastschweinproduzenten bleiben gerade 143 übrig. Mit dem Schwund an Betriebsstätten geht ein Rückgang der Tierbestände einher. Von den rund 37000 Rindern, die 1990 im Kreis Coburg heimisch waren, blieben 20227 (2020) übrig. Nicht anderes bei Schweinen. Deren Anzahl reduzierte sich von 86910 (1990) auf 66283.

Strukturwandel

Schrijer gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass der Strukturwandel einige Betriebe überleben lässt, für die sich die Arbeit dann wieder lohnt. Der Politik wirft wirft er vor, den Tierhaltern das Leben immer schwerer zu machen. Martin Flohrschütz verlangt, dass das Landwirtschafts-und das Umweltministerium endlich über das Stadium der Ankündigungen hinausgehen und Taten folgen lässt. In staatlichen Hilfen sieht er nicht die ideale Lösung. Aus der Vergangenheit weiß Flohrschütz, dass diese in niedrigere Preise aufgebraucht wurden und so für die Erzeuger kein höherer Ertrag, sondern nur mehr Arbeit für Dokumentation und Bürokratie resultierte. Deutlich wurde, dass sich die Branche am Scheideweg sieht. „Quo vadis Tierhaltung“, fragte Martin Flohrschütz vielsagend.