Coburger Rückert-Preis Poetin zwischen Natur und Politik

Katja Diedler

Der örtliche Rückert-Preis geht in diesem Jahr an Agi Mishol, eine der populärsten Lyrikerinnen ihrer Generation in Israel. Auch ihre Übersetzerin wird ausgezeichnet.

Die Lyrikerin Agi Mishol (rechts) und ihre Übersetzerin Anne Birkenhauer werden am 16. Mai mit dem Coburger Rückert-Preis ausgezeichnet. Foto: Dood Evan, Dieter Ungelenk, Hanser Verlag/Tal Schahar

Der Coburger Rückert-Preis 2025 geht an die renommierte hebräische Lyrikerin Agi Mishol und ihre Übersetzerin Anne Birkenhauer. Der Preis ist mit 7500 Euro für die Autorin sowie 2500 Euro für die Übersetzerin dotiert. Die feierliche Verleihung findet traditionell am 16. Mai, dem Geburtstag des Namensgebers Friedrich Rückert, statt.

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„Es ist selten, dass eine Lyrikerin eine solch starke Resonanz in der Öffentlichkeit findet und zugleich eine so hochkarätige Partnerin in der Person ihrer Übersetzerin hat“, betont Prof. Dr. Claudia Ott, Vorsitzende der Jury. Die Entscheidung fiel auf Agi Mishol, deren Gedichte zu den bedeutendsten der modernen hebräischen Literatur gehören.

Mishols Lyrik verbindet naturnahe Sensibilität mit Reflexionen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Empathie, Menschlichkeit und ein tiefes Verständnis für den Kreislauf des Lebens aus. Ihre Gedichtzyklen thematisieren Liebe, Natur, Geschichte und Politik, oft verknüpft mit familiären Traumata der Shoa oder den Herausforderungen des Nahostkonflikts.

„Die Übersetzung von Anne Birkenhauer für den Lyrikband ¨Gedicht an den unvollkommenen Menschen¨ (Hanser Verlag, 2024) ist ein Meisterwerk“, so die Jury. „Sie bringt die Sprachmelodie und den Rhythmus der Originaltexte in beeindruckender Weise ins Deutsche und lässt beide Sprachen harmonisch miteinander klingen.“

18 Lyrikbände

Agi Mishol wurde 1947 in Siebenbürgen (heute Rumänien) geboren. Ihre Muttersprache ist Ungarisch. Sie wanderte im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern, Shoa-Überlebenden, nach Israel aus. Mishol studierte Hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva und an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Ihre literarische Karriere begann 1968 mit der Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbands. Seither hat sie siebzehn weitere Lyrikbände sowie zwei Sammelbände publiziert. 2024 wurde sie mit dem Horst-Bienek-Preis für Lyrik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet.

Anne Birkenhauer wurde 1961 in Essen geboren und wuchs in Tübingen auf. Sie studierte Germanistik und Judaistik in Berlin und lebt seit 1980 mit Unterbrechungen in Jerusalem. Als literarische Übersetzerin aus dem Hebräischen ins Deutsche wurde sie mit zahlreichen bedeutenden Preisen gewürdigt, darunter der Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Preis
Seit 2008 verleiht die Stadt Coburg im Dreijares-Turnus den Rückert-Preis in Erinnerung an den berühmten Orientalisten, Dichter, Übersetzer und Sprachforscher Friedrich Rückert, der 1820-1866 in Coburg gelebt und gearbeitet hat. Der Preis will gemäß dem Rückert-Credo „Weltpoesie ist Weltversöhnung“ einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten und eine literarische Brücke zwischen den Kulturen bauen. Rückert hat sich mit 44 Sprachen befasst, vornehlich jenen des Nahen und Mittleren Ostens. Daher wird der Coburger Rückert-Preis an Autorinnen und Autoren aus dem arabischen, iranisch/afghanischen, türkischen, indischen und anderen relevanten Sprachräumen verliehen. In diesem Jahr steht die hebräische Literatur im Mittelpunkt. 2022 war der junge armenische Autor Grigor Shashikyan für sein Debüt „Jesus’ Katze“ ausgezeichnet worden.

Die Jury
besteht in diesem Jahr aus Michael Guggenheimer (Autor und Experte für hebräische Literatur), Tali Konas (Übersetzerin und Kulturreferentin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv) sowie Claudia Ott (Arabistin, Juryvorsitzende).