Coburger Rückert-Preis Zwischen Tiefsinn und Hochspannung

Der 7. Coburger Rückert-Preis richtet den Fokus 2025 auf die moderne hebräische Literatur. Vier Autorinnen und Autoren stehen auf der Shortlist für die Auszeichnung, die im Sinne des Sprachgenies und Dichters Friedrich Rückert Brücken zwischen den Kulturen bauen will.

 
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Die bunte Sprachenvielfalt Friedrich Rückerts inspiriert die Organisatoren und Juroren des eCoburger Rückert-Preises (von links) Norbert Anders (Amt für Schulen, Kultur und Bildung), Kerstin Lindenlaub (Kulturabteilung der Stadt Coburg), Michael Guggenheimer, Tali Konas, Prof. Dr. Claudia Ott (Jury) und 3. Bürgermeister Can Aydin Foto: Stadt Coburg

44 Sprachen soll der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788 – 1866) beherrscht haben, der die letzten 18 Jahre seines Lebens in Coburg-Neuses verbrachte. Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen, aus deren Sprachen er übersetzte. Im kommenden Jahr ist die Auszeichnung der hebräischen Literatur gewidmet und mit 7500 Euro dotiert; zusätzlich erhält die Übersetzerin oder der Übersetzer 2500 Euro. Drei Monate vor der Verleihung hat die Jury nun die Shortlist vorgestellt. Ihre Mitglieder sind Prof. Dr. Claudia Ott, Übersetzerin und Honorarprofessorin für Arabistik an der Universität Göttingen, Tali Konas, Übersetzerin und Kulturreferentin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv, sowie Michael Guggenheimer, Zürcher Autor und Kenner der hebräischen Literatur.

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Für Friedrich Rückert hatte das alte Hebräisch eine besondere Bedeutung, da es die Sprache der Bibel und Referenzsprache für viele jüngere semitische Sprachen wie das moderne Arabisch ist. Rückert übersetzte unter anderem 70 hebräische Psalmen ins Deutsche und imitierte dabei sprachliche Muster, um die Schönheit des Hebräischen in der Übersetzung erlebbar zu machen. Während einige andere biblische Bücher in Rückerts Übersetzung gedruckt vorliegen, existiert seine wunderschöne Psalmenübersetzung nur als Handschrift in einem Archiv. „Ein Schatz, den es in der Rückert-Forschung noch zu heben gilt“, so Claudia Ott in ihrem Einführungsvortrag zur Verbindung Rückerts mit der hebräischen Literatur.

Das moderne Hebräisch ist eine wiederbelebte Form des biblischen Hebräisch, das über zwei Jahrtausende hinweg als Schrift- und Sakralsprache genutzt wurde. „Das macht Hebräisch gleichzeitig zu einer der ältesten und jüngsten Sprachen der Welt“, erklärte die Jurorin Tali Konas. Im 19. Jahrhundert wurde die hebräische Sprache modernisiert, wobei sie sich grundlegend verändert hat. So wurden viele Wörter, die im alten Hebräisch noch nicht existierten, erfunden und aus anderen Sprachen übersetzt. „Wörter wie Zeitung oder Erdapfel wurden zum Beispiel direkt aus dem Deutschen ins Neuhebräisch übersetzt“, erläutert Konas. Heute finden sich im Hebräischen unter anderem deutsche, russische und arabische Einflüsse. Durch die Umsiedlungsbewegung nach Palästina wurde Hebräisch zur Sprache der dort lebenden Jüdinnen und Juden.

Von Krimi bis Poesie

Heute gibt es einen reichen Schatz moderner hebräischer Literatur, die auch in Deutschland viele Fans hat. „Etwa 200 Titel sind in deutscher Übersetzung erhältlich“, berichtet der Juror Michael Guggenheimer in seiner Landkarte der modernen hebräischen Literatur.

Vier Autor/innen stehen auf der Shortlist für den Rückert-Preis. Darunter ist der bekannte Schriftsteller David Grossman, Friedensaktivist und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. „Seine Bücher berühren mit Weisheit alle brennenden Themen der israelischen Gesellschaft“, so die Jury. Ebenfalls nominiert ist Ayelet Gundar-Goshen. Die studierte Psychologin lässt ihre Erfahrungen in tiefgründige Figuren einfließen. „Sie führt ihre Leser immer wieder an die Grenzen der eigenen Urteilskraft und spricht mit ihrer Themenauswahl viele für die israelische Gesellschaft typische Probleme an“, begründet die Jury ihre Wahl.

Dror Mishani, der bekannteste Krimiautor Israels und Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur, ist ebenfalls nominiert. „Mishanis raffinierte Romane sind spannend, hochliterarisch und lassen tief in die Seelen der Protagonisten blicken“, urteilt die Jury.

Mit Agi Mishol steht auch eine Lyrikerin auf der Shortlist. Erst kürzlich erschien ein ganzer Band mit Übersetzungen ihrer Gedichte in Deutschland. „Sie gilt als ausgesprochene Naturlyrikerin, deren einfühlsame Gedichtzyklen voller Empathie für den Kreislauf der Natur sind“, so die Jury.

Die Jury wird am 31. Januar, Friedrich Rückerts Todestag, bekannt geben, wer den Preis 2025 erhält; die feierliche Preisverleihung findet am Geburtstag des Dichters im Mai statt. Bis dahin haben die Coburger Zeit, die moderne hebräische Literatur für sich zu entdecken. Werke der Nominierten sind in der Stadtbücherei erhältlich, die Buchhandlung Riemann wird einen Thementisch zum Rückert-Preis einrichten.