Coburgs braune Geschichte Eine Residenzstadt stürzt ab

Nils Fleck

Die Coburger NS-Geschichte war Jahrzehnte lang ein Tabu. Jetzt nimmt die kritische Aufarbeitung Fahrt auf: Neben Eva Karls Studie „Coburg voran!“ widmet sich auch das neue Jahrbuch der Landesstiftung Coburgs unrühmlicher Vorreiter-Rolle.

Auf dem Coburger VfB-Sportplatz begrüßt Adolf Hitler am 16. Oktober 1932, dem 10. Jahrestag des sogenannten ‚Marschs nach Coburg‘, „die alten Kämpfer von 1922“ (Repro und Zitat aus: Coburg, im ersten Jahr des Dritten Reiches, hg. von Louis Walter, Coburg 1933). Foto: Alfred Wank

Der neue Jahrbuch-Band der Coburger Landesstiftung bündelt aktuelle Forschungen zu der unrühmlichen Rolle, die Coburg beim Aufstieg und der Herrschaft des Nationalsozialismus spielte. Neben einer Einführung in die örtliche Entwicklung von 1918 bis 1945 finden sich Spezialbeiträge, etwa zu dem in Coburg veranstalteten „Dritten Deutschen Tag“ 1922 oder zu einflussreichen Persönlichkeiten. Betrachtet werden unter anderem „Hitlers Herzog“, Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, sowie der Architekt Reinhard Claaßen, der die Entwürfe für die geplante städtebauliche Umwandlung Coburgs zu einer nationalsozialistischen Kultstätte maßgeblich verantwortete. Daneben bietet der Band weitere Einblicke in aktuelle Forschungen zur Geschichte des Coburger Landes und seinen reichen Sammlungen.

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„Blaupause“ für das Deutsche Reich

Das Image Coburgs als beschauliche und zugleich weltoffene Residenzstadt, in der im 19. Jahrhundert der europäische Hochadel ein- und ausging, erfuhr sein schroffes Gegenbild durch die Rolle, die die Vestestadt im Nationalsozialismus einnahm. Der Aufstieg und die Machteroberung der NSDAP in Coburg dienten gewissermaßen als „Blaupause“ für das Deutsche Reich. Eine kritische Aufarbeitung dieser Zeit setzte vergleichsweise spät ein, auf breiterer Ebene erst um die Jahrtausendwende. Darauf aufbauend berief der Stadtrat 2016 eine Expertenkommission zur Erforschung der Coburger Stadtgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Die daraus hervorgegangene grundlegende Studie Eva Karls mit dem Titel „Coburg voran!“ ist soeben beim Verlag Schnell & Steiner erschienen. Das neue Jahrbuch der Coburger Landesstiftung versammelt weitere Beiträge zu unterschiedlichen, teils noch wenig beachteten Aspekten des großen Themenkomplexes.

Blick ins Buch. Foto: Kunstsammlungen der Veste Coburg

Andreas Stefan Hofmann bietet den Einstieg mit einer sehr kenntnisreichen Gesamtdarstellung der Entwicklungen in Coburg von 1918 bis 1945. Johannes Staudenmaier geht in seinem Beitrag speziell auf die Hintergründe, Aktionen und Folgen des „Dritten Deutschen Tags“ 1922 ein, bei dem die NSDAP und die SA unter Anführung Adolf Hitlers ihren ersten reichsweit beachteten Auftritt hatten. Sein Beitrag basiert auf der Ausstellung, die anlässlich des hundertsten Jahrestags dieses Ereignisses im Staatsarchiv Coburg gezeigt wurde.

Harald Sandner stellt Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha in seinen unterschiedlichen Lebensabschnitten als Landesherr, Privatmann, Lobbyist und „Hitlers Herzog“, aber auch als Schlüsselfigur bei der Sanierung und anschließenden Nutzung der Veste Coburg dar. Sascha Salatowsky analysiert in seinem Aufsatz die bisher kaum beachtete Privatbibliothek Carl Eduards und erkennt in ihr ein bewusst angelegtes Arsenal völkischer, faschistischer und nationalsozialistischer Schriften.

Christian Boseckert, der bereits in einer früheren Studie die geplante Umwandlung Coburgs zu einer nationalsozialistischen Kultstätte untersucht hat, stellt im vorliegenden Band den für die Planungen maßgeblich verantwortlichen Reinhard Claaßen als erstaunlich anpassungsfähigen Architekten vor, dessen Oeuvre auch Entwürfe für jüdische und christliche Sakralbauten umfasst. Clementine Schack von Wittenau bietet erstmals eine biografische Abhandlung zu August Brüschwiler. Als Kunsthändler infolge fragwürdiger Geschäfte gescheitert, aber als früher Anhänger Adolf Hitlers im NS-Regime bestens vernetzt, leitete er von 1936 bis 1943 als „Sammlungsvorstand“ die Geschicke der Kunstsammlungen der Veste.

Der vereinnahmte Walzerkönig

Der Themenschwerpunkt zur NS-Geschichte schließt mit einem Exkurs, der zugleich das Johann-Strauss-Jahr 2025 einleitet: Ralph Braun spannt in seinem Beitrag einen weiten Bogen, indem er zum einen Johann Strauss’ Verbindung zu Coburg mit seiner erst hier ermöglichten Eheschließung mit Adele Strauss nachgeht. Zum anderen unterzieht er die posthume Arisierung und ideologische Vereinnahmung des Komponisten wie auch die Hetzkampagne gegen seine jüdische Stieftochter Alice einer gründlichen Neubetrachtung. Insgesamt liefert der Band zahlreiche neue Erkenntnisse und zeigt zugleich eindrücklich auf, wie viel lohnenswerte Forschungsarbeit bei der Erschließung und Auswertung der Archive, Bibliotheken und Sammlungen noch zu leisten ist.

Die weiteren Jahrbuchbeiträge behandeln wie stets eine große Bandbreite an Themen rund um das Coburger Land und seine Sammlungen. Beispielsweise gelingt Philipp Schinkel eine überraschend weitgehende Rekonstruktion der einstigen mittelalterlichen Turmhügelburg in Großwalbur (Meeder). Claus Tittmann kann eine grundlegende Studie zu den „Büchsenmeisterbüchern“ als neuer artilleristischer Fachliteratur im 15. Jahrhundert vorlegen. Klaus Weschenfelder widmet sich dem 1570 entstandenen Gemäldeepitaph des Lorenz Langen in der ehemaligen Klosterkirche Sonnefeld. Den zugrunde liegenden, auf dem Epitaph in Bild und Text geschilderten Kriminalfall ordnet Weschenfelder in die politischen Ereignisse der Regierungszeit Herzog Johann Wilhelms von Sachsen-Weimar ein.

Unrühmliche Rolle – Beiträge zu Coburg im Nationalsozialismus. Jahrbuch der Coburger Landesstiftung, Bd. 67 (2023). Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2024, 432 Seiten, 185 Farb- und 45 SW-Abbildungen, Hardcover. 45 Euro. ISBN 978-3-7319-1474-7.