Corona in Coburg Covid-19-Patienten immer jünger

Die Patienten, die im Krankenhaus Coburg wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden müssen, werden immer jünger. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Hendrik Schmidt

Es trifft nicht zu, dass nur Alte und Kranke schwer leiden. Das stellt der Coburger Chefarzt Dr. Claus Steppert klar.

Coburg - Die derzeit am schwersten Erkrankten, die an Covid-19 leiden und auf der Intensivstation am Klinikum Coburg behandelt werden müssen, sind 33 und 43 Jahre alt. Der 43-Jährige ist bereits seit drei Wochen an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, das Leben des 33-Jährigen hängt ebenfalls an dieser Apparatur. Das sagte Chefarzt Dr. Claus Steppert, Leiter des Regiomed-Lungenzentrums, in einer Videokonferenz mit Journalisten am Mittwoch.

Steppert verdeutlichte mit diesem Hinweis, dass nicht nur Alte und Kranke schwer an Covid-19 leiden, „sondern es betrifft jetzt auch die jungen“. Das Tückische, so Steppert, sei, dass es Infizierten oftmals ein paar Tage relativ gut gehe, „dann kippt plötzlich die Situation, und die Patienten müssen beatmet werden“.

Claus Steppert verwies zudem auf wissenschaftlich belegte Studien, dass die Impfung gegen das Corona-Virus zu 90 Prozent vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützt. Auch das Argument, dass Geimpfte das Virus zu 100 Prozent an andere übertragen, sei wenig stichhaltig. Hier liege die Schutzwirkung zwischen 50 und 63 Prozent. Sie erhöhe sich, wenn Geimpfte die Hygienevorschriften einhalten: Abstand wahren, Hände waschen, Kontakte einschränken, Schutzmaske tragen.

Noch kein Omikron-Fall

Die neue Corona-Variante Omikron sei laut Steppert im Bereich des Regiomed-Klinikverbunds mit seinen Krankenhäusern in Coburg, Lichtenfels, Hildburghausen, Sonneberg, Neustadt und Neuhaus bislang noch nicht aufgetreten. Sie könne aber mit dem PCR-Test-System, das Regiomed einsetzt, nachgewiesen werden.

Scharfe Kritik an Impf-Gegnern

Alexander Schmidtke, Hauptgeschäftsführer des Regiomed-Klinikverbunds, übte in der Pressekonferenz massive Kritik an den Verfassern eines offenen Briefs, die sich auf die Seite von Impfgegnern geschlagen haben. Das Schreiben haben auch leitende Mitarbeiter von Regiomed unterzeichnet (die NP berichtete).

Schmidtke schloss arbeitsrechtliche Konsequenzen nicht aus, denen man nicht in der Öffentlichkeit, sondern intern nachgehen werde. Die Aussagen, die in dem Brief getroffen werden, seien irritierend. Eine Minderheit an Beschäftigten würde Regiomed damit „in Bedrängnis bringen“ und die rund 5500 Mitarbeiter des Klinik-Verbunds, die in der Corona-Pandemie „ihr Letztes geben, ein Stück weit frustrieren“.

Stand Mittwochvormittag werden insgesamt 206 Covid-19-Patienten in den Regiomed-Krankenhäusern behandelt, davon 167 auf Corona-Normal-Stationen, 14 auf Überwachungs- und 25 auf Intensivstationen; 17 von ihnen müssen beatmet werden. Am Klinikum Coburg liegen elf Frauen und Männer auf Intensivstationen, sieben werden beatmet, in Lichtenfels müssen drei der ingesamt vier Covid-19-Intensiv-Patienten beatmet werden. Hauptgeschäftsführer Alexander Schmidtke kommentierte diese Zahlen so: „Das ist momentan schon ziemlich heftig.“

Der überwiegende Teil der schwer an Covid-19 Erkrankten (Schmidtke: „Um die 90 Prozent!“) ist nicht geimpft. Ihr Durchschnittsalter sei „erschreckend niedrig. Es liege im Krankenhaus Coburg bei 53 Jahren, in Lichtenfels bei 61 Jahren. Die Menschen auf der Überwachungsstation sind 63 bis 78 Jahre alt, auf der Corona-Normalstation 70 bis 85 Jahre.

Keine planbaren Operationen

Seit diesem Mittwoch werden in den Krankenhäusern in Coburg und Lichtenfels alle planbaren Operationen medizinisch „zur Diskussion gestellt“, sagte Schmidtke. Eigentlich müssten solche Eingriffe nach der neuesten bayerischen Verordnung völlig zurückgestellt werden. Zum einen, weil immer mehr Menschen, die an Covid-19 leiden, auch in die Kliniken des Regiomed-Verbunds strömen, zum anderen, weil deren Behandlung deutlich anspruchsvoller und anstrengender sei. „Aber wir stellen uns immer der Frage der medizinischen Notwendigkeit“, so Schmidtke.

Dr. Georg Breuer, Ärztlicher Direktor des Klinikums Coburg, bestätigte, „dass wir jetzt eine gewisse Priorität durchführen müssen“. Es sei ein Zwiespalt, die staatliche Vorgabe zu erfüllen und gleichzeitig die Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind, zu versorgen. Breuer machte das mit aktuellen Beispielen zweier an Krebs erkrankter Menschen in den 40er und 50er Lebensjahren deutlich. Die Operation selbst sei noch nicht das Problem, sondern die darauf folgende intensivmedizinische Betreuung. Diese sicherzustellen sei wegen der Vielzahl der Covid-19-Patienten ein tägliches Jonglieren. Es wäre, so Breuer, dramatisch, „wenn wir solche junge Patienten nicht mehr versorgen können“, weil die Zahl der Corona-Erkrankten weiter steigt, insbesondere der Nichtgeimpften. Claus Steppert warnte vor diesem Hintergrund vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft.

Das gehe an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht spurlos vorbei. „Wir merken, dass ihre Belastung deutlich ansteigt“, sagte der Regiomed-Hauptgeschäftsführer. Er habe „große Sorge“, dass immer mehr Beschäftigte erschöpft sind, die Angst umgeht, dass die Patientenzahlen weiter steigen „und es zu einer Überlastung kommt“. Das gelte für Reinigungskräfte genauso wie für ärztliches und Pflegepersonal. Georg Breuer ergänzte: „Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind jetzt schon an der Belastungsgrenze.“

Ein Ende ist nicht abzusehen. Dr. Klaus Post, Pandemiebeauftragter am Klinikum Coburg, berichtete, dass täglich vier bis fünf Covid-19-Patienten über die Notaufnahme ins Klinikum kommen. „Wir haben eine enorme Dynamik in der Entwicklung“, so Post. Die Zahl der Intensiv-Patienten nehme zu, und das bereite allen „große Sorge“.

Dramatische Lage

Dramatisch ist die Situation bereits im Regiomed-Krankenhaus in Hildburghausen. Dort herrsche, so Dr. Robert Koburg, der Ausnahmezustand. Fast die Hälfte des Personals falle krankheitsbedingt aus, und die Quote der Corona-positiven Patienten liege „um die 50 Prozent“. Deshalb sei in der Thüringer Klinik „alles im Einsatz, was möglich ist“. Man befinde sich „an der Maximalleistung, und das vor dem weiter drohenden Anstieg der Infizierten in Südthüringen“. Wie ernst die Lage ist, machte Koburg mit dem Hinweis deutlich, dass man gezwungen sei, Patienten vorzeitig in die ambulante Behandlung zu entlassen, „obwohl das nicht unserem Sicherheitsbedürfnis entspricht“. Und: In der vergangenen Woche hätten die Kühlplätze für im Krankenhaus Verstorbene nicht mehr ausgereicht.

Michael Musick, Geschäftsführer der Thüringer Einrichtungen des Regiomed-Verbunds, sprach von einer „maximal angespannten Lage“ auch in Sonneberg und Neuhaus. Musick: „Da kommen wir an die absolute Belastungsgrenze“, wie auch Dr. Christoph Sommer für das Krankenhaus Lichtenfels bestätigte.

Um darauf zu reagieren, arbeiten mittlerweile alle Abteilungen der Regiomed-Häuser zusammen, „damit wir aus der Corona-Situation herauskommen“, sagte Musick. Das gilt laut Klaus Post auch für Coburg: „Anders geht es nicht“.

Einschränkung in Neustadt

Das Krankenhaus Neustadt muss seit Mittwoch auf Anordnung der Regierung von Oberfranken mindestens acht Betten für Covid-19-Patienten bereitstellen. Das teilte Geschäftsführer Robert Wieland, Verantwortlicher für die bayerischen Regiomed-Häuser, mit. Leider, so Wieland, gebe es keine klare Entscheidungsvorlage, wie mit Patienten umzugehen ist, die in Neustadt orthopädisch behandelt werden oder eine geriatrische Rehabilitation absolvieren. Wieland: „Wenn es eine Anordnung gibt, dass wir die Gesamtkapazität herunterfahren müssen, dann müssen wir Neustadt schließen und das Personal in andere Einrichtungen verlegen oder in Kurzarbeit schicken.“ Hier müsse die Regierung rasch Klarheit schaffen, „wie wir uns verhalten müssen“, so Hauptgeschäftsführer Schmidtke.

„Impfen lassen!“

Alle Chefärzte und Geschäftsführer richteten einen Appell an die Öffentlichkeit, sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen. Die Medizinischen Versorgungszentren des Regiomed-Verbunds würden dabei mithelfen, benötigten dazu aber Impfstoff. Ein Dank ging zudem an die Bundeswehr, die Soldaten für die Mitarbeit in den Regiomed-Häusern abstellt. Das, so Alexander Schmidtke, sei eine „sehr wertvolle Hilfe“. Die jungen Frauen und Männer gingen hoch engagiert zur Sache „und machen ihren Job richtig gut“.

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