Die Eltern-WG Eltern ja, Paar nein. Kann das funktionieren?

Sandra Markert
Wenn Mamma und Papa kein Paar mehr sind, aber trotzdem gemeinsam leben. Foto: /Saksit

Trotz Trennung als Familie weiterhin in einer WG zusammenzuleben ist sehr herausfordernd. Was Experten von diesem Modell halten. Und wie es klappen kann.

 
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Sie wohnen unter einem Dach, machen gemeinsame Ausflüge und Urlaube mit den Kindern – haben sich als Paar aber getrennt. Karola und Johannes Kwella leben nach vielen Jahren Beziehung als sogenannte Eltern-WG zusammen. „Wir möchten gleichermaßen für die Kinder da sein. Wir wollen nicht, dass sie sich zwischen Elternteilen entscheiden müssen“, erklärt Karola Kwella die Entscheidung, sich zwar emotional, nicht aber räumlich zu trennen.

Über ihre Erfahrungen mit dem Lebensmodell berichten die beiden regelmäßig in einem Podcast. „Es gibt heute so viele Formen von Familie. Warum sollen wir nicht einen neuen Weg wagen?“, so Karola Kwella.

Neu ist das Modell nicht

Wirklich neu ist das Modell nicht. „Auch früher schon haben viele Paare jahrelang nur noch nebeneinanderher gelebt, hatten Affären oder neue Partner, aber vielleicht nicht die Möglichkeit, sich zu trennen“, sagt Dorothea Behrmann, Paartherapeutin und Trennungsexpertin aus Hamburg. Neu sei eher, sich bewusst für dieses Lebensmodell zu entscheiden, dies auch nach außen zu kommunizieren und das unter dem Begriff „Eltern-WG“ oder „Familien-WG“.

In ihrem Arbeitsalltag erlebt die Trennungsexpertin dennoch weiterhin sehr wenige Paare, die sich für das WG-Modell entscheiden. Bei den meisten Trennungen bleiben die Kinder bei einem Partner wohnen (Residenzmodell) oder werden wechselweise betreut, entweder in getrennten Wohnungen (Wechselmodell) oder in einer Wohnung, in der die Kinder bleiben und die Eltern abwechselnd leben (Nestmodell).

„Eine Eltern-WG ist für ein getrennt lebendes Paar das mit Abstand anspruchsvollste Modell“, erklärt Dorothea Behrmann. „Weil eine Trennung dafür wirklich harmonisch und einvernehmlich verlaufen muss und das ist bei den wenigsten der Fall.“ Oft würde zumindest einer noch an der Beziehung hängen und sich bei einem WG-Modell weiterhin Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme machen. „Hinzu kommt die große Herausforderung, dass Distanz und Abstand fehlen, die für eine Trennung aber sehr wichtig sind“, sagt Dorothea Behrmann.

Auch Trennungscoach Christina Rinkl aus Frechen bei Köln erlebt nicht viele Paare, bei denen eine Eltern-WG wirklich infrage kommt. „Die wichtigste Voraussetzung, dass das funktionieren kann, ist, dass noch ein großes Maß an Freundschaft und Verständnis füreinander da ist.“

Selbstfürsorge als Rezept

In der Regel trenne man sich aber ja genau aus dem Grund, dass es unüberwindbare Differenzen gebe, zu viel Ärger und Streit, viele Kränkungen und Verletzungen passiert seien, so Rinkl. „Klappen kann das eigentlich nur, wenn man sich allein als Paar auseinandergelebt hat, sich als Menschen aber noch sehr gut versteht.“

Bei Karola und Johannes Kwella war genau das der Fall. „Seitdem wir den Druck der Partnerschaft herausgenommen haben, haben wir eine viel harmonischere Beziehung zueinander“, sagt Karola Kwella. Als Eltern seien die Herausforderungen heutzutage so vielschichtig – zwei arbeitende Elternteile, den Kindern gerecht werden, dabei eigene Themen aufarbeiten, dem Haushalt nachkommen und sich dabei nicht als Paar zu verlieren. „Als nun der Paaraspekt weggefallen ist, haben wir endlich mehr Zeit für die so wichtige Selbstfürsorge integriert und es geht uns besser denn je“, sagt Karola Kwella.

Auch die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie sei nun ausgeglichener, „weil wir als Team nun noch besser darauf achten“. Und gerade die Kinder würden es genießen, dass ihre Eltern nun wieder in Leichtigkeit miteinander umgehen könnten – und die Trennung vor allem nicht die einschneidenden Veränderungen mit sich brachte, welche sie von Schulkameraden kennen.

Trennung oder WG?

Neben der Schwierigkeit, eine eigene Wohnung zu finden, sowie finanziellen Aspekten sind Kinder den Expertinnen zufolge der Hauptgrund, aus dem heraus getrennte Paare sich dafür entscheiden, als WG weiterzuleben. „Kinder wollen immer so wenig wie möglich Veränderungen, sie lieben bekannte Rituale.

Wenn es die Eltern also wirklich hinbekommen, harmonisch weiterhin unter einem Dach zu leben, kann die WG für sie tatsächlich ein sehr gutes Modell sein, zumal tägliche Absprachen rund ums Familienleben einfacher sind“, sagt Dorothea Behrmann. Gebe es dagegen weiterhin viel Streit oder seien die Eltern unglücklich mit dem eingeschlagenen Weg, etwa weil sie eigene Bedürfnisse zu weit hintanstellen müssten, rät sie auch Familien eher zu einer richtigen Trennung.

Was Eltern ebenfalls bedenken sollten: Solange sie weiterhin unter einem Dach leben, nährt das bei den Kindern die Hoffnung, dass die Trennung vielleicht doch keine endgültige ist. „Taucht dann ein neuer Partner auf, wird das natürlich zur Herausforderung“, sagt Dorothea Behrmann.

Ein Modell auf Zeit, meistens

Einerseits eine Trennung zu verarbeiten, sich zu distanzieren, zu einem eigenen Leben zurückzufinden und sich vielleicht neu zu verlieben – und andererseits räumlich weiterhin an den alten Partner gebunden zu sein, sieht auch Christina Rinkl als die größte Herausforderung einer Eltern-WG. „Ich erlebe diese Art des Zusammenlebens deshalb sehr oft nur als Modell auf Zeit. Sobald ein neuer Partner dazukommt, wird es sehr kompliziert und die Eltern-WG wird oft aufgelöst.“

Auch bei Familie Kwella war das hautnahe Miterleben von neuen Dates sehr schmerzhaft. „Wenn ein geliebter Partner sich freut, sich für Dates vorbereitet und man weiß, was er gerade tut und gleichzeitig noch Gefühle vorhanden sind, ist ein fehlender Abstand schon ein hartes Unterfangen. Damit lernen wir gerade umzugehen“, sagt Karola Kwella. Ein Ende der Eltern-WG sehen sie darin bislang jedoch nicht. „Die Familie behält weiterhin ihre Priorität“, so Karola Kwella.

Info

So gelingt die Eltern-WG
Paartherapeutin und Trennungsexpertin Dorothea Behrmann empfiehlt Paaren, die das Modell Eltern-WG für sich in Betracht ziehen unbedingt eine professionelle Begleitung. „Denn Konfliktthemen fallen ja nicht einfach dadurch weg, nur weil man sich für ein anderes Lebenskonzept entscheidet.“

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