Ebelsbach/Haßfurt Mit Gerte ins Gesicht geschlagen

Mit einer Gartenschere und einem Ast stürmte einen nun angeklagte Frau im November 2020 auf ihren Nachbarn zu. Diesen schlug sie mit der Gerte ins Gesicht. Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Weil eine Frau vermutete, dass sich die Nachbarn gegen sie verschworen haben, rastete sie aus. Dafür saß sie nun vor Gericht.

Haßfurt/ Ebelsbach - Ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Anlass schlug eine 59-jährige Hausfrau im November vergangenen Jahres mit einem gerade abgeschnittenen Gartenzweig ihrem 41-Jährigen Nachbarn kräftig ins Gesicht. Auf dem Polizeifoto ist eine gerötete Schramme erkennbar, die knapp am linken Auge vorbeiführt. Der Hieb mit dem gut einem Meter langen Stock gilt juristisch als gefährliche Körperverletzung. Unter dem Vorsitz von Christoph Gillot fällte das Amtsgericht im Namen des Volkes einen Schuldspruch, der relativ selten angewendet wird: Eine Verwarnung, verbunden mit einer Geldstrafe von 7200 Euro „auf Bewährung“.

Doch was war passiert? Der Geschlagene, beruflich als IT-Kundenberater tätig, nutzte den frühen Samstagmorgen am 28. November letzten Jahres zum Einkaufen. Bereits um halb acht Uhr morgens kam er mit seinen Einkäufen wieder zurück. Er wollte gerade in sein Haus gehen, als die Angeklagte, in einer Hand eine Gartenschere, in der anderen eine abgeschnittene Gerte, auf ihn zukam. Unvermittelt schlug sie mit der Gerte auf ihn ein. Im Zeugenstand berichtete er weiter, dass er völlig überrascht gewesen sei. Gleich der erste Schlag habe ihm die sichtbare Verletzung zugefügt.

Innerhalb von ein bis zwei Minuten habe sie insgesamt etwa zehn bis 15-mal zugeschlagen, erinnerte er sich. Vergeblich habe er erst mal versucht, die starke Rute zu greifen. Als ihm das nicht gelang, habe er mit den Händen instinktiv sein Gesicht geschützt. Das Intermezzo endete, indem die Frau hurtig in ihrem Haus verschwand.

Nachdem der Geschlagene den ersten Schock verdaut hatte, rief er laut nach dem Ehemann der Frau. Der schaute auch kurz zur Tür raus, verweigerte aber das weitere Gespräch. Daraufhin ging der Mann nach Hause, verständigte die Polizei, erstattete Anzeige und fuhr später zu seinem Hausarzt. Auf Nachfrage des Richters erklärte er, noch drei bis vier Tage lang Schmerzen gespürt zu haben. Ergänzend fügte er hinzu, dass ihm nicht daran gelegen sei, dass die Frau eine hohe Strafe erhalte. Er wisse nicht, ob sie unter einem „Verfolgungswahn“ leide, aber er wünsche sich ein „normales“ Nachbarschaftsverhältnis.

Die Suche nach dem Motiv für die Attacke, die sich in einem Ort im Maintal zutrug, gestaltete sich sehr schwierig. Es hat wohl mit einer Hecke zu tun, die sich auf einer der Grundstücksgrenzen befindet. Außerdem sagte die Angeklagte mit fahriger Stimme, dass andere Nachbarn in ihrer Abwesenheit in ihr Haus eingedrungen wären und dass seit einigen Wochen ihr Briefkastenschlüssel verschwunden sei.

Das sei auch der Grund dafür gewesen, dass sie von dem anstehenden Gerichtstermin nichts gewusst habe und erst von der Polizei geholt werden musste. Möglicherweise glaubt sie an eine Verschwörung der Nachbarn. Nebenbei erfuhr man auch, dass die Frau schon einmal einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

In ihrem Plädoyer sprach Oberstaatsanwältin Tanja Zechnall von einem minder schweren Fall von gefährlicher Körperverletzung. Offenbar habe sich die nicht vorbestrafte Frau in einer „psychischen Ausnahmesituation“ befunden, meinte sie. Abschließend beantragte sie eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 60 Euro, was insgesamt 7200 Euro ergibt.

Bei der Urteilsbegründung erläuterte der Vorsitzende den „ungewöhnlichen“ Richterspruch. Wie die Staatsanwaltschaft ging auch er davon aus, dass der geschlagene Nachbar die Wahrheit gesagt und dass die Frau eine gefährliche Körperverletzung begangen habe. Er schloss sich ebenfalls dem vorgeschlagenen Strafmaß an, stellte die Geldstrafe aber unter „Vorbehalt“. Dies bedeutet, dass sie erst einmal nichts zahlen muss. Allerdings wird die Summe sofort fällig, falls sie sich erneut strafbar macht. Insofern hängt diese Strafe wie ein Damoklesschwert über der Verurteilten. Eine „Verwarnung mit Strafvorbehalt“ kann dann ausgesprochen werden, es besondere strafmildernde Umstände gibt und wenn zu erwarten ist, dass der Täter keine weiteren Straftaten begehen wird. Zudem informierte der Richter die Frau, dass er die Betreuungsbehörde einschalten werde. Aber er machte auch klar: „Vor Gericht geht es ums Strafen, bei der Betreuung geht es um Hilfe!“

Das Urteil wurde von allen Beteiligten angenommen und ist damit rechtskräftig.

 

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