Viele Epidemien führten zu Mythenbildung
Dass der Ausbruch von Epidemien mit Verschwörungstheorien und Mythenbildungen einhergeht, ist nicht nur in Afrika zu beobachten. "Das hatten wir bei uns auch schon in den 80er Jahren bei HIV und dann wieder bei Corona", sagt der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Mainz. Oft stehe dahinter ein Verdrängungsmechanismus. "Nachweisbare Fakten sind nicht das Einzige, was für uns bei der Informationsverarbeitung zählt. In unserem Alltag spielen auch andere Motive mit. Manchmal wollen wir uns zum Beispiel einfach sicherer fühlen." Die Krankheit kleinzureden oder gleich ganz zu bestreiten, sei dann eine Methode, sich selbst zu beruhigen – nach dem Motto: Das ist alles Fake, in Wahrheit bin ich nicht in Gefahr.
Warum aber misstrauen viele Menschen Wissenschaftlern und Forschern, die auf der Grundlage überprüfbarer Informationen handeln, und glauben dafür Demagogen und Verschwörungserzählern? "Unser kognitiver Apparat ist darauf geeicht, Dinge für plausibler zu halten, die dem entsprechen, was wir sowieso schon glauben", erläutert Imhoff. "Wir sind alle nicht so wahnsinnig gut darin, uns mit Gegenmeinungen auseinanderzusetzen. Prinzipiell halten wir Quellen für glaubwürdiger, die das bestätigen, was wir auch vorher schon geglaubt haben."
Michael Butter, einer der renommiertesten Experten für Verschwörungstheorien, sieht beim Widerstand gegen Ebola-Schutzmaßnahmen in der Demokratischen Republik Kongo aber auch spezifische Ursachen. "Hier spielt auf jeden Fall der Kolonialismus eine Rolle", so der Tübinger Professor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Der Kongo blickt auf eine besonders grausame Vergangenheit zurück, er war Teil des berüchtigten Kongo-Freistaats des belgischen Königs Leopold II., der für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich gemacht wird. "Aus dieser langen Geschichte der Unterdrückung haben Menschen eine grundlegende Skepsis gegenüber vermeintlichen Autoritäten mitgenommen und greifen deshalb unter Umständen gern auf andere Wissensquellen zurück, zumal wenn das, was dort gesagt wird, angenehmer ist."
Tropenärztin Schneider erinnert mit Blick auf die seit Jahrzehnten andauernden bewaffneten Konflikte im Osten des Kongo und Millionen von Binnenflüchtlingen daran, dass der derzeitige Ausbruch eine "ohnehin hochtraumatisierte Bevölkerung" getroffen hat.