Wer sich zum Beispiel nicht gut konzentrieren kann, wenn es um ihn herum mal unruhig wird, bekommt in vielen Coworking Spaces Probleme. Auch wer mit viel Ausrüstung, zahlreichen Ordnern und Materialien arbeitet, ist mit einem festen Büro besser dran, denn Coworking im klassischen Sinne, also mit befristet gemietetem Arbeitsplatz, bedeutet auch, dass man alle Arbeitssachen jedes Mal neu mitbringen muss.
Das ist Coworking
Coworking bedeutet "zusammenarbeiten". Es bezeichnet eine Arbeitsform, bei der Unternehmen und Selbstständige einzelne Arbeitsplätze oder ganze Büros in einem Coworking Space mieten können. Oft werden dabei sehr kurze Mietzeiten vereinbart. So kann man Schreibtische für einen Tag buchen, aber auch monats- oder jahresweise abrechnen. Die Betreiber der Coworking Spaces bieten die notwendige Büro-Infrastruktur wie ein Internet-Netzwerk, Drucker und Kopierer an. Auch Meeting-Räume sind oft vorhanden.
Weil die Mieten in einem Coworking Space in aller Regel deutlich günstiger sind als die Kosten für eigene Büroräume, ist diese Arbeitsform vor allem bei Freiberuflern und Solo-Selbstständigen beliebt. Aber auch immer mehr Unternehmen schätzen den Austausch mit Vertretern verschiedener Branchen.
Auch Berufstätige mit viel Kundenkontakt finden sich in den meisten Coworking Spaces eher selten, es sei denn, die Coworker können ihre Kunden überall treffen. Fast alle Coworking Spaces stellen Konferenzräume zu Verfügung, die man mieten kann, um in Ruhe Geschäftstermine abzuwickeln. Für Fotografin Konstanze Wutschig klappt das wunderbar. "Meine Kundinnen reagierten durchweg begeistert von der neuen Option, auch im Krämerloft Porträtfotos von sich machen zu lassen", sagt sie.
Doch für die Kollegen von Tommy Hack zum Beispiel, mit dem sich die Fotografin ein Büro im Krämerloft teilt, wäre das schon weniger einfach. Er ist als Marketing Manager bei "Hörgeräte Möckel", einem Unternehmen mit Sitz in Meiningen, fest angestellt. "Für mich klappt das mit dem Coworking Space super, für unsere Mitarbeiter, die vor Ort beim Kunden arbeiten und etwa Hörgeräte anpassen, wäre das aber kaum umsetzbar", sagt er. Er selbst hätte Schreibtisch und Arbeitsplatz ebenfalls in Meiningen haben können. Genau das wollte der 31-Jährige aber nicht, der vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden ist. "Ich habe beim Vorstellungsgespräch um eine Lösung gebeten, die mir erlaubt, an meinem Wohnort in Erfurt zu arbeiten", erzählt er.
Damit spricht er einen zentralen Gedanken dieses Coworking Space an. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war vor anderthalb Jahren nämlich der Grund, warum Nicole Sennewald überhaupt einen Coworking Space in Erfurt gründen wollte – übrigens nicht der erste und auch nicht der einzige der Stadt. Und deshalb gibt es hier neben den Büros, den 18 Tischen im "Open Space", der großen Küche mit Lounge, den Meetingräumen und dem Telefonierzimmer auch ein buntes, üppig mit Spielzeug ausgestattetes Familienzimmer für all die Coworker, die ihre Kinder zur Arbeit mitbringen.
Auf dieses Weise hat jeder Coworking Space sein eigenes Profil. Das System ist zwar überall gleich, die Ausrichtung aber immer ein bisschen anders. Es lohnt sich also, sich verschiedene Coworking Spaces anzusehen, wenn man mit dieser Form der Arbeit liebäugelt. Vor allem in größeren Städten gibt es inzwischen meist mehrere Anbieter und langsam ziehen auch kleinere Orte nach. Eine vollständige Übersicht über alle deutschen Coworking Spaces gibt es nicht – dafür sind zu viele zu unterschiedliche Anbieter auf dem Markt. Es gibt große Ketten, die gleich mehrere Coworking Spaces in verschiedenen Städten betreiben und kleine, private Initiativen wie die in Erfurt.
Checkliste: Ist Coworking etwas für mich?
Nicht für jede Branche und jede Stelle eignet sich Coworking.
Ob diese neue Arbeitsform etwas für Sie sein könnte, klären diese Fragen. Je mehr Sie mit "Ja" antworten können, desto wahrscheinlicher ist Coworking eine Option für Sie:
1. Arbeiten Sie gern in Gesellschaft?
2. Können Sie sich gut konzentrieren, auch wenn es um Sie herum mal unruhig wird?
3. Brauchen Sie zum Arbeiten nur wenig Material, das sich leicht transportieren lässt?
4. Können Sie sich gut selbst organisieren und haben auch ohne festen Rahmen ein gutes Zeitmanagement?
5. Können Sie auf eine Festnetz-Büro-Telefonnummer verzichten?
6. Können Sie auf ein festes Büro verzichten, das nur Sie benutzen?
7. Brauchen oder wollen Sie den Austausch mit Menschen aus anderen Branchen?
8. Wollen Sie beim Arbeiten ein Netzwerk aufbauen?
9. Haben Sie wenig Kundenkontakt bzw. können Sie Kundengespräche in jeder Umgebung führen?
10. Sind Sie oder Ihr
Arbeitgeber bereit, zwischen 150 und 250 Euro
monatlich für die Miete im Coworking Space zu investieren (Durchschnittswert, in jedem Coworking Space unterschiedlich?)
Tommy Hack hat sich für Letzteres entschieden und für seinen Arbeitsgeber sei dieser Wunsch nach wohnortnahem Arbeiten kein Problem gewesen. "Unser Geschäftsführer war sehr offen, was meinen Vorschlag anging, es mit dem Coworking Space zu versuchen." Das ist nicht selbstverständlich, denn für den Arbeitgeber bedeutete diese Lösung zunächst Mehraufwand. Es mussten Server und Datenverbindungen eingerichtet werden, mit denen Tommy Hack auch von Erfurt aus sicher auf Kundendaten zugreifen konnte. Und wer sich nur einmal pro Woche persönlich sieht, muss auch sein Kommunikationsverhalten anpassen, effektiver gestalten. Doch "Hörgeräte Möckel" ist nicht das einzige Unternehmen, das diese zusätzlichen Anstrengungen auf sich nimmt, um gute Mitarbeiter zu finden – und zu halten.
Auch Sven Lindig, Geschäftsführer der Lindig Fördertechnik GmbH in Krauthausen bei Eisenach, hat einen Arbeitsplatz im Krämerloft für einen seiner Mitarbeiter gemietet. Der Fachkräftemangel setze seinem Unternehmen zu. Längst ließen sich nicht mehr alle offenen Stellen mit Personal aus der Region besetzen und es gebe einige Mitarbeiter, die in Erfurt wohnten statt in der Wartburgregion.
"Wir öffnen uns im Zuge von New Work auch für neue Arbeitsformen und wollen so als Alternative zum Homeoffice auch den Coworking Space anbieten", erklärt er. Er sieht darin vor allem drei Vorteile: Mitarbeiter, die nicht ständig pendelten, sparten erstens Zeit und zweitens Kraftstoff, schonten somit auch die Umwelt. Der "potenzielle Vernetzungseffekt" sei ebenfalls nicht zu unterschätzen. Und da ist noch die Sache mit der Motivation, die Tommy Hack betont: "Meine Generation will mehr vom Leben als nur viel Geld. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar dafür, dass ich meine Familie über alles stellen, aber auch auf meine Selbstverwirklichung nicht verzichten muss. Und das gebe ich mit Leistung zurück."
Fotos: ari, Anita Grasse