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100 Jahre Mazda. Eine bewegte Geschichte vom Lastendreirad zum Elektroauto - und von Kork zu Kork

Die Nummer haben sie sich in Hiroshima anders vorgestellt. In Augsburg ganz nebenbei auch. Da wird Mazda im Januar 100 Jahre alt – und dort wie hier kann man nicht richtig feiern, weil weltweit ein Virus wütet. Erst jetzt kommt so langsam etwas wie Frohsinn auf. Es ist schließlich ein stolzes Jubiläum.

Mit Autos hat das Unternehmen zunächst nichts im Sinn. Die 1920 gegründete "Toyo Cork Kogyo" produziert Kork-Ersatz aus heimischen Pflanzen. Erst später folgen Maschinenbauteile – und von 1930 an auch Motorräder. Ein Lastendreirad namens "Go" geht 1931 in Serie. Mit spritsparendem Vier-Gang-Getriebe und erstmals unter der Bezeichnung Mazda. Der Name erinnert an Firmengründer Jujiro Matsuda, steht vor allem aber für Ahura Mazda, den altpersischen Gott des Lichts. 1940 stellt die Firma den Prototypen eines Kleinwagens vor – der Krieg verhindert jedoch die Produktion.

Es soll dann noch 20 Jahre dauern, bis der R360 Coupé als erster Wagen der Marke vom Band läuft – ein nur 380 Kilo leichter Winzling mit zwei Zylindern und 16 PS. Doch dann gibt Mazda richtig Gas: 1967 kommt der Cosmo 110 S – ein sensationeller Sportwagen, der noch vor dem NSU RO 80 mit einem Zweischeiben-Wankelmotor unterwegs ist. Kurze Zeit später wagen die Japaner mit dem bei der italienischen Design-Legende Bertone gezeichneten "Luce" den Sprung nach Europa, 1972 war es auch in Deutschland soweit: mit Mazda 616, 818 – und dem Wankel-Modell RX-3

Apropos Kreiskolben: Von der Alternative zum Auf und Ab war man in Fuchu bei Hiroshima schon immer begeistert. Der RX-7 brachte es in drei Generationen zur Legende – und 1991 siegte ein Mazda-Wankel bei den 24 Stunden von Le Mans. Auch in Zukunft hat die Technologie bei den Japanern eine Heimstatt. Der Range-Extender in einer Variante des E-Autos MX-30 funktioniert nach dem Kreiskolben-Prinzip.

Technische Finesse kennzeichnet weitere Sonderwege. So setzen Mazda-Ingenieure beim Benziner auf extrem hohe Verdichtung sowie beim Diesel auf extrem niedrige – und ertüfteln schließlich den aktuellen Skyactiv-X-Motor, der mit Hilfe einer ausgeklügelten Kompressionszündung die Prinzipien beider Systeme alltagstauglich vereint.

Und wer es nicht so sehr mit dem Alltäglichen hat – die Ikone der Marke steht genau für dieses Gefühl. Der offene Kult-Roadster MX-5 bringt seit vier Generationen Lenkradspaß. Kleines Auto, kleiner Motor, kleines Geld. Wo der Fahrer nicht nur im Zentrum steht, sondern fast genau dort sitzt. Was sie bei Mazda "Jinba Ittai" nennen – das Gefühl der Einheit von Ross und Reiter. Und wo, wenn nicht in Origami-Land, fänden sich die Großmeister jener Kunst, ein Deckengewölbe in ein winziges Zweisitzer-Heck hineinzufalten?

Den ersten Schritt zum Elektroauto setzt Mazda vor einem halben Jahrhundert auf der Tokyo Motor Show. Das futuristische Hybrid-Concept EX005 überrascht durch die kühne Kombination aus Wankel und Wicklung – mehr aber noch durch die in Diamantform angeordneten Räder, mit denen sich der Wagen per Joystick auf der Stelle drehen kann.

Und nun, im hundertsten Jahr seiner Geschichte, startet Mazda in ein neues Zeitalter. Am 19. Mai begann die Produktion des vollelektrischen MX-30 – ein vorrangig für Europa entwickelter Crossover. Der frontgetriebene Antriebsstrang kombiniert einen 145 PS starken E-Motor mit einer 35,5 kWh starken Lithium-Ionen-Batterie. Das Ergebnis sind 262 Kilometer Reichweite (WLTP). Nicht üppig – aber eben auch nicht verschwenderisch in Sachen Ressourcen. Genau das hatten sie bei Mazda im Sinn: das Gleichgewicht zwischen Reichweite und Ökobilanz.

Die ersten MX-30 (ab 33 490 Euro) rollen am 25. September in die Schauräume der deutschen Händler. Und selbstverständlich fährt Mazda auch jenseits des Antriebs seinen bewährt eigenen Weg. Mit gegenläufig öffnenden Freestyle-Türen als Reminiszenz an den RX-8, einer zu schweben scheinenden Mittelkonsole und dem verstärkten Einsatz umweltfreundlicher Materialien. So bestehen Teile des Innenraums aus recycelten Plastikflaschen – und aus Kork. Eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Wer Freude an Mazdas bewegter Geschichte hat, dem sei die Wertachstraße 29b in Augsburg empfohlen. Früher wurden in der riesigen Halle Straßenbahnen gewartet, heute steht das Areal zum großen Teil unter Denkmalschutz. So finden Historie und Historisches zueinander – zum einzigen Mazda-Museum außerhalb des Firmensitzes in Hiroshima. Zu sehen sind seltene Stücke, Rekordfahrzeuge, Prototypen und Autos mit besonderer Geschichte. Von überall auf der Welt und von weit vor Zoom-Zoom. Aktuell letztes Restaurierungsobjekt ist ein Transport-Dreirad von 1950. Das älteste erhaltene in ganz Europa.

Und da wären wir wieder am Anfang …

 

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