Eigener Inhalt Sind so ruhige Hände ...

Ab 2020 kostet zu viel Abgas Milliarden-Strafen. Die große Koalition gipfelt derweil ergebnisarm dahin.

Einigermaßen merkwürdig darf man das schon finden: Da rauscht das Auto, wie wir es kennen, auf den größten Crash seiner immerhin schon gut 130 Jahre währenden Geschichte zu – und im politischen Berlin lassen irgendwie alle die Hände vom Lenkrad. Was ist los, wenn die Wirtschaft den gleichnamigen Minister loswerden will, und nicht mal mehr die Grünen nach Tempolimit rufen?

Bisher geschafft hat die große Koalition: eine als teure Lachbombe explodierte Pkw-Maut, eine blamabel gescheiterte E-Auto-Offensive und eine verschnarchte Mobilitätswende ohne echte Strategie. Weniger Saldo unter dem Bilanz-Strich war selten. Doch Kanzlerin und Bundesverkehrsminister sind nach wie vor im Amt. Und ab und an lädt man lustig zu einem Gipfel…

Mut habe der jüngste gemacht, twitterte Kanzleramtschef Helge Braun unmittelbar danach – und man ist geneigt, mit Loriot "Ach, was?" zu sagen. Doch es geht noch eins niedriger. Regierungssprecher Steffen Seibert erinnerte daran, dass es sich ja lediglich um den Einstieg in einen Gesprächsprozess gehandelt habe. Einstieg? Prozess? Und worüber haben Regierung und Autoindustrie eigentlich in den vergangenen, sagen wir mal vier oder fünf Jahren gesprochen?

Klar ist die Sache kompliziert. Schon deshalb, weil es die eine Mobilität vielleicht gar nicht gibt. Weil wir auf der einen Seite Städte haben, die nicht mehr wissen, wie sie die Massen am Verkehr überhaupt noch bewältigen sollen – und außerhalb ganze Regionen, in denen man ein gerüttelt Maß an Rechenkunst, Abenteuerlust und vor allem Zeit aufbringen muss, um mit Bahn oder Bus von einem Dorf in irgendein anderes zu gelangen. Wenn überhaupt.

Das könnte zu dem Schluss verleiten, dass man bloß das Auto aus der verstopften City zu holen braucht, weil es dort eher das Problem ist, während es auf dem vom ÖPNV entleerten Land durchaus als Lösung taugt, weil man dort ohne fahrbaren Untersatz aufgeschmissen ist. Aber so einfach ist es leider nicht. Wie wir – und also künftige Regierungen – Mobilität organisieren, wird davon abhängen, wie wir Arbeit organisieren. Am besten so, dass eben nicht mehr 18 Millionen Menschen pendeln müssen.

Höchste Zeit also, Verkehrsströme nicht ständig nur zu verwalten, sondern kluge Strategien für die Zukunft zu entwickeln. E-Roller zu erlauben, ist da ein bisschen wenig. Wie grottenschlecht epochale Umwälzungen laufen können, erleben wir seit Jahren bei der sogenannten Energiewende. Panikartig von der Kanzlerin dereinst ausgerufen – und dann ohne Plan und Engagement dem freien Spiel aus Subventionen, Habgier, Bürokratie, Länder-Interessen und Polit-Gerangel preisgegeben.

Man wüsste halt gerne, wie das Auto der nahen Zukunft bewegt wird. Was sollen wir wählen, wenn wir jetzt oder bald vor einer Neuanschaffung stehen? Benzin, wie seit 1886 üblich? Aus CO2-Gründen lieber Diesel? Erd- oder Flüssiggas? Bio-Ethanol vielleicht? Gleich was mit Strom? Und wenn: voll-elektrisch oder als Hybrid? Oder besser warten auf die Brennstoffzelle?

Die Kanzlerin hält sich, wie üblich, sehr bedeckt. Fest steht bislang bloß: Das 2008 von Angela Merkel in die Welt getrötete Ziel von einer Million Akku-Autos bis 2020 ist längst geplatzt. Einsichten? Fehlanzeige. Dann eben zehn Millionen im Jahr 2030, haben Politik und Autobranche gemeinsam bekräftigt. Und wenn auch das nicht klappt? Dann werden daraus vermutlich 30 Millionen bis 2040. Hauptsache irgendwas mit Leitmarkt Deutschland.

Den Strom sollen die E-Autos übrigens aus 300 000 Ladepunkten ziehen, heißt es. Das wären drei Mal so viele, wie im Koalitionsvertrag stehen. Dass es aktuell noch nicht mal 20 000 gibt, ficht Andreas Scheuer (CSU, Foto) nicht an. Er hat ja einen seiner üblichen Masterpläne parat. Spätestens seit der Maut-Detonation allerdings darf man bei verkehrsministerlichem Getöse durchaus ein wenig skeptisch sein.

Denn eines sollte selbst dem glühendsten Verfechter klar sein: Basis aller E-Mobilität bleibt die Stromversorgung. Kein Mensch hat Lust, irgendwo in der Pampa mit leerem Akku liegen zu bleiben oder stundenlang auf einen freien Ladepunkt zu warten. Auch kann längst nicht jeder zuhause laden wie es die Werbespots zeigen: Weil er in der Nähe seiner Wohnung noch nicht einmal einen Parkplatz findet. Und wer allabendlich die Kabeltrommel aus dem dritten Stock abrollen soll, dem ist so schnell auch kein Batterie-Gefährt schmackhaft zu machen.

Sicher ist aber auch: Ab 2020 werden Milliarden-Strafen nach Brüssel fällig, wenn der CO2-Ausstoß der Flotten nicht sinkt. Vielleicht nennen Regierung und Autobauer das dann ja Einstieg in den Bezahlprozess . . .

 

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