Einheitstag in Neustadt Der Traum vom guten Deutschland

Peter Tischer
Zwei Fackelzüge trafen sich am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit an der Gebrannten Brücke bei Neustadt, um an die Wiedervereinigung vor 32 Jahren zu erinnern. Foto: Tischer

Bei einer Gedenkveranstaltung an der Gebrannten Brücke wird an die Wiedervereinigung erinnert. Dabei warnt der Festredner davor, die Vergangenheit zu verklären.

„Wider das Vergessen einer unmenschlichen Grenze“, so lautet der Wahlspruch für eine Gedenkveranstaltung, die die Kreisverbände der Jungen Union (JU) Neustadt, Coburg Stadt und Land sowie Sonneberg seit 1991 jedes Jahr am Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit organisieren – an der Gebrannten Brücke, einem geschichtsträchtigen Ort. „Am 12. November 1989 wurde hier die Grenze geöffnet“, sagte Moritz Regenspurger, Kreisvorsitzender JU Coburg-Land, bei der Begrüßung der rund 100 Teilnehmer. Und am 1. Juli 1990 hätten die damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble für die Bundesrepublik und Peter-Michael Diestel für die DDR hier das Abkommen über die Aufhebung der Personenkontrollen an den damaligen innerdeutschen Grenzen unterzeichnet.

Die Festrede zum Thema „Rückkehr zur Normalität“ hielt Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. Mit dieser Formulierung sei offenbar gemeint, dass alles so werden solle wie früher. Aber, gab er zu bedenken, dieses „Früher“ sei oft „eine sentimentale Melange aus Erinnerung und Traumwelt“. Wer vom „Früher“ schwärme, der greife meist einzelne Aspekte heraus und verdränge das große Ganze. „Womöglich war früher die Gesellschaft irgendwie geordneter“, räumte Dippold ein. „Aber ich möchte die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Bildungschancen auch für Kinder kleiner Leute wie mich nicht missen.“ Eigentlich zeige uns der Blick zurück nicht, wie gut es einst gewesen sei. „Er zeigt uns vielmehr, wie reich beschenkt wir Menschen des 21. Jahrhunderts sind“, resümierte der Bezirksheimatpfleger.

Normal sei einst gewesen, „dass alle paar Jahre, spätestens Jahrzehnte, eine Seuche die Menschen dahinraffte“. Oder dass es Krieg gab. Oder dass viele nicht genug zu essen hatten – „noch vor 150 Jahren gab es in unserem Raum, in Oberfranken und im Thüringer Wald, Menschen, die verhungerten“.

Brandmauern gegen den Ungeist

Der Wohlstand, den wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hätten, sei hingegen nicht Normalität, wenn man längere Zeitspannen in den Blick nehme. „Es liegen fette Jahre hinter uns. Warum bloß ertragen so viele Menschen den Gedanken nicht, dass auch magere Jahre kommen könnten?“, fragte Dippold. „Resilienz tut Not, die Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überstehen, die Bereitschaft, zurückzustecken. Ich glaube, dass verschüttet, tief verborgen, diese Kraft noch da sein könnte. Aber um sie freizulegen, um den Geist des Bewältigen-Wollens, des gesellschaftlichen Unterhakens zu wecken, braucht es Haltung und Ziel.“ Ihm sei es beispielsweise unbegreiflich, wie man die DDR verklären könne. „Danke für das Hier und Jetzt“, stellte der Historiker heraus. Es brauche „Brandmauern“ gegen einen Ungeist, „der unser Land schon einmal ins Unheil gestürzt hat“. Ziel solle „ein gutes Deutschland, ökonomisch florierend, geistig gefestigt, ruhend in selbstbewussten demokratischen Strukturen“ sein, „ein starker Teil eines geeinten Europas, geeint nicht zuerst aus ökonomischem Interesse, sondern in den Werten, geeint in der Achtung menschlicher Würde“.

Abschließend zitierte Dippold Bertolt Brechts „Kinderhymne“, die dieser 1950 „gleichsam als Gegengedicht“ zur Nationalhymne verfasst habe. Darin heißt es unter anderem: „Dass die Völker nicht erbleichen, wie vor einer Räuberin, sondern ihre Hände reichen, uns wie andern Völkern hin.“

Auch Zeitzeugen kamen bei der Veranstaltung zu Wort. Beendet wurde sie mit einer Andacht, die Diakon Rainer Mattern hielt.

 

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