Einzigartiges Projekt Abschied von Unfallkatzen

Überfahrene Katzen werden im Normalfall entsorgt. Das Projekt „R.I.P. Over the Rainbow“ aus Coburg leistet viel mehr.

Coburg - Es ist nur ein sehr kleiner Raum, in dem man Abschied nehmen kann, vielleicht vier Meter auf zwei. Eine große Eistruhe, ein kleiner schwarzer Tisch und ein Regal mit Vorhang, auf dem Engelsflügel gedruckt sind. „R.I.P. Zutritt nur für berechtigte Personen K1“ steht an einem Schild an der Tür. Wenn die Katzenbesitzer kommen, um Abschied von ihrem geliebten Haustier zu nehmen, brennen Kerzen und sie finden den Leib in einem Körbchen aufgebahrt, so als ob es schläft. Wenn der Zustand es zulässt.

Denn hier in einem Schuppen neben dem Coburger Tierheim kommen die verunglückten und verlorenen Katzen hin, wenn man ihre Körper gefunden hat. Genauer: wenn Angela Sporniak und ihr Team aus ehrenamtlichen Helfern von „R.I.P. Over the Rainbow“ [engl. „Ruhe in Frieden über dem Regenbogen“] sie aufsammeln.

Bürokratiehölle für selbstfinanziertes Ehrenamt

„So etwas gab es in Deutschland noch nicht. Ich habe einen Präzedenzfall geschaffen“, erzählt die engagierte Frau, die auch Vorsitzende des Tierschutzvereins Coburg ist. Zwei Jahre hat sie dafür gekämpft, verendete Katzen von der Straße holen zu dürfen und ihren Besitzern einen Abschied zu ermöglichen. Seuchenschutz-, Hygieneschutzgesetz und Schädlingsbekämpfung, Autobeschilderung und Anmeldung, Garantie für rutschfesten Transport, Totfundprotokoll, Statistik, Serviceheft für die Kühlung – die deutsche Bürokratie brach mit aller Macht über das Projekt zusammen. Mit jedem abgegebenen Nachweis kam eine neue Anforderung. Für ein ehrenamtliches Projekt, für das es kein Geld gibt.

„Ich habe alles privat finanziert. 500 Euro hat mich allein die Eintragung gekostet. Dazu kommt noch die Ausrüstung für noch mal etwa 500 Euro“, zählt Sporniak auf. Erst als sie das Projekt im Fernsehen publik macht, hätte sich endlich etwas bewegt und sie bekam die ersehnte Genehmigung mit Abnahme durch die Regierung und das Veterinäramt.

„Wir sind jetzt ein eingetragener Zwischenbehandlunsgbetrieb nach Kategorie eins mit Betriebsnummer. Wir dürfen tote Tiere bergen, transportieren und lagern, bis wir die Besitzer gefunden haben.“ Ehrenamtliche Neuzugänge müssten speziell geschult werden.

Von der Straße zum Abschied

Wenn man Polizei, Tierheim oder in der Facebook-Gruppe des Projekts die Leichenfunde meldet, fährt der oder diejenige, die am schnellsten kommen kann, zum Fundort. Per Chipgerät oder Tätowierung versucht man das Tier zu identifizieren und die Halter zu bestimmen. Eine Decke wird ausgebreitet, der Körper darin eingewickelt, dann hinein in einen zertifizierten Leichensack für Kinder, mangels Alternativen. Der Sack wird in einer gekennzeichneten Plastikbox gelegt und rutschfest im Auto platziert.

Wieder im Lager angekommen, wird ein Totfundprotokoll angelegt, die Statistik aktualisiert, der Leichensack in eine weitere Tüte verstaut und mit den Notizen zur Identifizierung versehen. Dann hinein in die Kühltruhe. Die ganze Zeit über werden Handschuhe getragen, die Temperatur der Truhe permanent per App überwacht.

Särge für Katzen gibt es noch nicht. Doch da ist Sporniak schon dran. Auch an einem Katzenfriedhof. Kommen die Besitzer zum Abschied, wird das Tier in einem kleinen Korb mit offenem Leichensack aufgebahrt. Kerzen, Blumen, ein kleines Buch mit einem Erinnerungsversprechen. Angela Sporniak wartet dann draußen: „Ich heul sowieso jedes Mal mit.“ Die Besitzer müssen das Protokoll unterschreiben, dann dürfen sie ihre nach Vorgaben verpackten Lieblinge mitnehmen. Tierhalter dürfen ihre toten Haustiere auch selbst von der Straße entfernen und sogar auf ihrem eigenen Gelände vergraben, vorausgesetzt, es liegt nicht in unmittelbarer Nähe öffentlicher Wege, Plätze oder eines Wasserschutzgebiets. So steht es laut Ordnungsamt in Paragraf 27 der „Tierische Nebenprodukte–Beseitigungsverordnung“. Die Mindesttiefe für das Grab beträgt 50 Zentimeter.

Eine Bestatterin mit Herz für Katzen

Doch warum die ganze Anstrengung, die Zeit und die etwa 20 Euro, die ein Einsatz kostet, aus eigener Tasche bezahlen? „Ich war 14 Jahre lang Bestatterin. Daher meine Expertise“, erklärt die Frau nüchtern, die schon viele Lebewesen hat gehen sehen. Inzwischen macht sie es nur noch ehrenamtlich für die Katzen. 2019 startete das Projekt, das mit dem Tierheim nur das Grundstück und die Liebe zu Tieren teilt, doch sonst unabhängig arbeitet. In ihrer gleichnamigen und geschlossenen Facebook-Gruppe wird nach Katzenhaltern gesucht, die ihre Tiere vermissen und sie nicht registriert haben. „Manche Bilder sind schwer zu ertragen, weil wir die Tiere nicht präparieren dürfen.“ Darum sei die tausend Mitglieder starke Gruppe nicht öffentlich. In diesem Jahr waren es 18 Totfunde. Bei zehn konnten die Besitzer ermittelt werden. „Manchmal gibt es drei Wochen keine Meldung und manchmal gleich zehn Stück auf einmal.“ Am schlimmsten sind die Zahlen im Frühjahr, wenn die Katzen mehr draußen sind. Für Katzenhalter aus dem Coburger Raum ist das R.I.P.- Projekt die einzige Möglichkeit, Abschied von ihren vierbeinigen Familienmitgliedern zu nehmen.

„Dieses Projekt wäre ohne die zahlreichen ehrenamtlichen Helfern nicht möglich“, sagt Sporniak. Darum sei man auch immer auf der Suche nach weiteren helfenden Händen. Interessenten können sich beim Tierheim Coburg melden und ihre Telefonnummer hinterlassen.

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