Die photosynthetische Herstellung der kohlenstoffhaltigen Bauteile hängt nämlich eng mit der Entwicklung der Atmosphäre und der Entstehung von komplexeren Lebensformen zusammen. Erst durch die Photosynthese begann sich Sauerstoff in der Atmosphäre anzusammeln.
Warum der Sauerstoffgehalt im Meer anstieg
In zwei Schüben stieg der Sauerstoffgehalt auf den heutigen Wert von 21 Prozent an. Beide Ereignisse wurden von extremen Eiszeiten begleitet, die die ganze Erde in einen Schneeball verwandelten.
Trotzdem erfand sich das Leben neu: Während der ersten sprunghaften Sauerstoffanreicherung vor 2,4 bis 2,1 Milliarden Jahren entwickelten Organismen einen Stoffwechsel, der mithilfe von Sauerstoff Nahrung in Energie umwandelt. Dieser überaus effiziente Weg der Energiegewinnung ermöglichte die Entwicklung komplexerer Lebensformen.
Kohlenstoffgehalt viel kleiner als angenommen
Hemingways Team ist solchen Zusammenhängen von geochemischen und biologischen Entwicklungen auf der Spur. Und auf eine neue Fährte gestoßen sind die Forschenden dank der eiförmigen Eisenoxid-Steinchen.
Damit sie deren Geheimnis lüften können, haben die Forscher eine neue Methode entwickelt, mit der sie die Menge des Kohlenstoffs in den Ooiden bestimmen konnten und darauf basierend die Grösse des Bauteillagers im damaligen Ozean.
„Unsere Resultate stehen im Widerspruch zu sämtlichen bisherigen Annahmen“, resümiert Hemingway. Gemäß den Messungen der ETH-Forschenden enthielt der Ozean vor 1000 bis 541 Millionen Jahren nicht mehr, sondern um 90 bis 99 Prozent weniger gelösten organischen Kohlenstoff als heute. Erst nach der zweiten Sauerstoffanreicherung stiegen die Werte auf den heutigen Stand von 660 Milliarden Tonnen Kohlenstoff an.
Warum schrumpften die Kohlenstofflager im Meer?
„Wir müssen nun neue Antworten darauf finden, wie Eiszeiten, komplexes Leben und Sauerstoffanstieg zusammenhängen“, erläutert Erstautor Nir Galili. Das massive Schrumpfen des Kohlenstofflagers im Meer erklärt er sich mit dem Aufkommen größerer Lebewesen zu jener Zeit: Die einzelligen und ersten mehrzelligen Lebewesen sanken nach ihrem Ableben schneller in die Tiefe und verstärkten den marinen Schneefall.
Die Kohlenstoffteilchen konnten in den tieferen Schichten des Ozeans jedoch nicht wiederverwertet werden, da dort erst sehr wenig Sauerstoff vorhanden war. Sie lagerten sich am Meeresgrund ab, was dazu führte, dass der Vorrat an gelöstem organischem Kohlenstoff stark schwand.
Erst als sich auch in der Tiefsee Sauerstoff anreicherte, und die Wiederverwertung des Kohlenstoffs stieg, wuchs auch das Kohlenstofflager auf seine heutige Größe.
Von früher auf die Zukunft schließen
Obwohl die untersuchten Zeiträume weit zurückliegen, sind die Forschungsergebnisse für die Zukunft bedeutsam. Sie verändern unsere Sicht darauf, wie sich das Leben auf der Erde und möglicherweise auch auf Exoplaneten entwickelt haben könnte.
Zugleich helfen sie uns zu verstehen, wie die Erde auf Störungen reagiert. Eine solche Störung ist auch der Mensch: Die Erwärmung und Verschmutzung der Meere durch menschliche Aktivitäten führen dazu, dass der Sauerstoffgehalt im Meer derzeit sinkt. Es ist also nicht auszuschließen, dass sich die beschriebenen Ereignisse in ferner Zukunft wiederholen könnten.