Coburg - "Theater kann keine Lösungen geben. Doch Fragen stellen, die Menschen zum genauen Hinsehen ermuntern und nach Gründen suchen", die Schauspieldramaturgin des Coburger Landestheaters Carola von Gradulewski fasst den Tenor des Sonntagabend in der Reithalle kurz zusammen. Im Anschluss an die Aufführung des Stücks "Jihad Baby!" von Daniel Ratthei, das am Freitag Premiere feierte (NP vom 27.2.), hatte das Regie- und Darstellerteam zum Publikumsgespräch eingeladen. Mit dabei war auch der Lehrstuhlinhaber für Islamwissenschaften an der Universität Bamberg, Prof. Dr. Patrick Franke. Ratthei, der mit "Jihad Baby!" den ersten Platz im Coburger Forum junger Autoren gewonnen hat, beschreibt in seinem packenden Schauspiel die Radikalisierung des Jugendlichen Jona. Eine Radikalisierung, die langsam und schleichend vor sich geht, bei der er in zahlreichen Situationen die Möglichkeit gehabt hätte, auszusteigen, innerlich zerrissen und unglücklich wird und sich auch sein muslimischer Freund, mit den Worten "dies ist nicht meine Religion" von ihm abwendet. Regisseurin Maike Bouschen hat Jona nicht als einzelne Figur inszeniert ("Jihad Baby!" ist ein Monologstück), sondern als siebenfachen Menschen, mal einzeln, mal als Chor, der das Widersprüchliche in ihm perfekt wiedergibt. Für den Islamwissenschaftler Franke eine gelungene Darstellung der Zerrissenheit Jugendlicher, die Sehnsüchte und Wünsche in der Pubertät verspüren, Sehnsucht nach Liebe und Sexualität. "Beim IS läuft viel über sexuelle Verheißungen", erläutert er, "in unserer Kultur muss man Frauen erst den Hof machen, sich um sie bemühen, der IS weist Frauen zu." Auf den Einwand einer Dame aus dem Publikum, die sexuelle Freizügigkeit und Grenzenlosigkeit in Deutschland betont und somit keinen Anreiz für Jugendliche in dieser Richtung sieht, erklärt Bühnenbildner Daniel Tauer seine Sicht der Dinge: "Durch die Freiheit, Grenzenlosigkeit und Freizügigkeit, die Jugendliche heute haben, fehlt die Reibefläche, an der sie wachsen und sich orientieren können. Sie wissen oft nicht, wohin." Und Orientierung biete der radikale Islam durchaus, bemerkt Franke, "klare Regeln geben Orientierung." Dazu käme noch, dass der radikale Islam durchaus etwas Süßes und Attraktives an sich habe, wenn mit Liebe und Gemeinschaft geworben werde. Deutlich und energisch wehrte sich die junge Regisseurin Maike Bouschen gegen die Verwendung des Wortes "Islam": "Wir müssen Unterschiede machen, es ist nicht DER Islam. Wir müssen unterscheiden zwischen der Radikalisierung des Islams und der Religion." Im Vorfeld der Proben hatte sie zusammen mit den Darstellern Moscheen besucht, dem Taizé-Gebet beigewohnt, aber auch das Rosenkranzbeten sowie zahlreiche Videos und Filme verfolgt, um ein Gefühl für Gruppendynamik zu spüren. "Da stand der gemeinsame Nenner im Vordergrund, verschiedene Personen haben Sehnsucht nach etwas, und das verbindet sie." Eine klare Warnung richtet Ingo Paulick, der neben Benjamin Hübner die zentrale Rolle des Jona interpretiert, an das Publikum: "Es kann schneller gehen als man denkt und mit geringen Mitteln. Schon ist man mittendrin." Er erzählt, wie er als Vierzehnjähriger Spaß am Krieg spielen im Wald hatte, "während des Spielens fand ich es normal, ein Jahr später habe ich mich gefragt, wie bescheuert das wohl war." Antworten kann und will Autor Daniel Ratthei nicht anbieten. "Ich erzähle eine Geschichte, die sehr rasant ist, habe aber keine Lösung dazu." Er nimmt nicht für sich in Anspruch, Radikalisierung mit "Jihad Baby!" aufhalten zu können, er möchte die Augen öffnen und: "Vielleicht habe ich mit dem Stück wenigstens ein Samenkorn gelegt." Sein Schauspiel sieht er parabelhaft, "die Handlung ist austauschbar. Die Geschichte könnte auch für Neonazis gelten, die Dialoge hätten auch zwischen Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt ablaufen können."