Mannheim/München - Seit mehreren tausend Jahren und noch bis in die Neuzeit galt Bier neben dem Brot als ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Doch dem heutigen Gerstensaft wurden einst auch berauschende Mittel wie Bilsenkraut hinzugefügt oder sogar Gips. Am 23. April 1516 war damit Schluss, als im Rahmen einer bayerischen Landesordnung das Reinheitsgebot für Bier erlassen wurde. Seitdem darf Bier lediglich Wasser, Hopfen sowie zu Malz veredelte Gerste enthalten. Mit der Technik- und Kulturgeschichte des Bierbrauens befasst sich nun eine Ausstellung im Mannheimer Technoseum unter dem Titel "Bier. Braukunst und 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot". Die Sonderschau ist vom 19. Februar bis zum 24. Juli zu sehen.

Das Reinheitsgebot sollte dem Brauspuk ein Ende machen "und zugleich sicherstellen, dass der damals knappe Weizen den Bäckern zum Brotbacken zur Verfügung stand", sagt Kuratorin Anne Mahn. Mit der bayerischen Regelung sei "quasi ein Qualitätsstandard festgelegt worden", sagt Museumsdirektor Hartwig Lüdtke. Das Reinheitsgebot sei "in gewisser Hinsicht das erste Verbraucherschutzgesetz" gewesen, betont Lütke. Später wurde es auf ganz Deutschland ausgeweitet und ist heute das älteste noch gültige Lebensmittelgesetz.
Bier wurde schon vor Tausenden von Jahren gebraut, entdeckt wurde es vermutlich von Sumerern im Zweistromland vor rund 10.000 Jahren. Deshalb lädt das Technoseum zu einer Bierbrau-Zeitreise ein «angefangen beim Brotbrei der Sumerer über den Beginn der industriellen Herstellung im späten 19. Jahrhundert bis hin zum Craft-Beer-Trend in heutiger Zeit», sagte Kuratorin Anne Mahn. Zu sehen sind zahlreiche Plakate, Bilder, Film- und Tonaufnahmen, aber auch Bierherstellungs- und transportobjekte wie eine Sudhaube, ein Stammwürzekühler, ein Verschneidbock und eine Bierkutsche, die den Brauprozess und die Distribution des Bieres nachvollziehbar machen.

Neben Regional- und Lokalgeschichte zeigt die Schau auch, wie sich Technik-, Sozial- und Kulturgeschichte beim Thema Bier miteinander verschränken: "Schließlich waren es bayerische Brauer, die dem Tüftler Carl Linde den Auftrag gaben, eine Kältemaschine zu konstruieren, mit der sich gärendes Bier kühlen ließ: der Vorläufer unserer heutigen Kühlschränke", sagt Anne Mahn. Dokumentiert werden auch technische Innovationen wie der Kronkorken, der 1892 patentiert wurde, oder die Entwicklung der Dose - schließlich hatte dies auch gesellschaftliche Auswirkungen, "da sich durch sie die Trinkkultur von der Kneipe ins heimische Wohnzimmer verlagerte", erklärt Mahn.

Dass Bierbrauen in früheren Zeiten vor allem Frauensache war und ein Sudkessel oftmals fester Bestandteil der Mitgift, wird ebenso aufgezeigt wie die negativen Folgen des Bierkonsums. Neben Rausch, Sucht und Prävention beschäftigt sich die Ausstellung zudem mit der Vermarktung des Bieres, bei der Lokalpatriotismus und Heimatgefühl im Mittelpunkt stehen. "Bier ist ein Getränk, das jeder kennt. Gleichzeitig ist es heute oftmals das Produkt eines hoch technisierten Herstellungsprozesses", betont Museumsdirektor Lüdtke.
Gerste gibt dem Bier Körper und Farbe, während der Hopfen für Aroma und das Bittere sorgt. Letzteres können Museumsbesucher an einer Duftorgel riechen. Internationale Trinksprüche gibt es an einer Hörstation, auf Tablets kann man virtuelles Bier selbst brauen und an einer Stempelstation können Bierdeckel als Souvenir bedruckt werden. Wer sich schließlich das Basiswissen zu Entstehung und Entwicklung des Bieres in der Ausstellung angeeignet hat, darf am Ende des Rundgangs auch eine Kostprobe nehmen - allerdings erst nachmittags ab 14 Uhr und wenn man mindestens 16 Jahre alt ist, wie die Ausstellungsmacher betonen.