Vielgelesen, hochgelobt: Mit seiner „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ hat Neil MacGregor am Anfang des Jahrzehnts Schule gemacht. Die „Objekte“ finden sich im British Museum zu London, als dessen Direktor MacGregor seit 2002 amtiert, und reichen vom Faustkeil aus dem steinzeitlichen Afrika bis zur chinesischen Solarleuchte aus dem 21. Jahrhundert. Der Anschaulichkeit solch beispielhafter Gegenstände verdankt es Geschichte, dass sie sich etappenweise in einzelne Geschichten auflösen lässt und, sofern ein Autor nur recht zu erzählen versteht, dennoch in ihren Wechselbeziehungen kenntlich wird.

Auch deutsche Publizisten greifen das bewährte Konzept vermehrt auf. Sogar eine „Weltgeschichte in 33 Romanen“ – von Markus Gasser bei Hanser – liegt inzwischen vor. Von der Geschichte der Welt auf die des Freistaats hat Wilfried Rogasch den Fokus zusammengezogen. „Bayern in 24 Kapiteln“ stellt der Kunsthistoriker und Ausstellungskurator vor, wobei die „Kapitel“ nicht nur Artefakte behandeln, sondern ebenso Orte (wie Dorf und Stadt, Fluss oder Berge), Lebensbereiche (wie Kirche und Synagoge, Schloss und Universität), Erinnerungsorte (wie Museum und Denkmal), Essen und Trinken, Feiern und Beten, Humor und Kreativität. In solcher thematischen Ordnung liegt ein besonderer Reiz der lesenswerten, nie langatmigen, nie allzu kleinteiligen Einzeldarstellungen. Zur Chronologie wechselt der Autor erst im letzten Viertel des Bandes über: Vom Königreich Bayern bis zum Neuanfang nach dem Mai 1945.

Was die Bilder zeigen, steht, liegt oder hängt in verschiedenen Museen: Dürergemälde, die Krone einer jüdischen Thorarolle, der sinnlos gewordene Schlüsselbund eines sudetendeutschen Flüchtlings … – auch der kostbare „Ochsenkopfkrug“ des Wunsiedler Heimatmuseums aus dem 18. Jahrhundert. Ohne lokalpatriotisches Dröhnen erfüllt Rogasch seinen Plan, die „enorme kulturelle Vielfalt und Dichte“ als „das eigentliche Faszinosum Bayerns“ auszubreiten. So geht er mit den Trachtenvereinen ins Gericht, weil sie „ein geschöntes Bild der Vergangenheit“ verbreiten, und scheut nicht davor zurück, den Altbayern die unliebsame Wahrheit über die wahre, nämlich französische Herkunft ihrer geheiligten Weißwurst einzutrichtern.

Eine „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“ schrieb Hermann Schäfer. Marion Bayer unternimmt ein Gleiches anhand von „100 Bauwerken“. Sind die doch „mehr als nur Foren für menschliches Handeln. Architektur ist mehr als bloß Funktion. Wie Kleidung ist sie ein nach außen hin sichtbares Zeichen.“ Wofür, das erläutert die Kunsthistorikerin an umsichtig ausgewählten Exempeln, die sie jeweils auf einem Großfoto vorstellt und auf drei Druckseiten umschreibt. So taugt noch eine Ruine wie die Burg Wildenberg bei Kirchzell oder der Lindheimer „Hexenturm“ zum „Gedächtnispalast“.

Karl der Große in der Aachener Pfalzkapelle; der Beethoven, Napoleons Feind, im Bonner Geburtshaus; die RAF- Terroristen im Stammheimer Hochsicherheitstrakt: Lebendig finden Schauplätze und Schicksale zusammen in diesem Zeitreiseführer durch die Republik, der hundertfach für ausdauernden Denkmalschutz wirbt. Schade, dass die Leselust unterm schludrigen Lektorat für die Texte leidet: „18.“ statt „19. Jahrhundert“, „die Symphonie ist ein Trauermarsch“ statt „enthält einen Trauermarsch“ …, obendrein grammatische Ausrutscher die Menge – die Nachlässigkeiten, derart gehäuft, gebären irgendwann Zweifel an der Zuverlässigkeit der Geschichtserzählungen selbst.

Nicht zu hundert, doch immerhin zu 55 „Schicksalsorten der Deutschen“ führt ein großformatiger Bild-Text-Band von Brigitte Beier, Beatrix Gehlhoff und Ernst Christian Schmidt. Auch die Architekturexpertin Marion Bayer schwärmt aus über die bundesdeutschen Grenzen hinaus, so zum Castel del Monte in Apulien oder ins Heilige Land; hier wagen es ihre drei Kollegen noch ausdrücklicher, mit gutem Grund: Gleich auf den ersten Seiten nennt das Foto einer Anti-Atomkraft-Demonstration das japanische Fukushima als „Schicksalsort“ der Deutschen wie der Weltgemeinschaft insgesamt, und eines der letzten Kapitel stellt die Verbindung schließlich auch im Text her.

Überhaupt reicht erzählte Geschichte in diesem Buch bis an die Gegenwart heran: zum Schulmassaker von Erfurt, zum NSU nach Zwickau, zu den Bundeswehrsoldaten im afghanischen Kundus. Auch Rom und Canossa, Verdun und Versailles, der südtürkische Fluss Saleph alias Göksu, in dem Barbarossa ertrank, oder Bern, wo die deutsche Nationalmannschaft 1954 ein Fußball-„Wunder“ vollbrachte, bilden unumgängliche Orientierungspunkte im nationalen historischen Horizont. Seit jeher, erst recht im Zeichen immer engerer globaler Vernetzung, stand und steht in der Geschichte nie ein Wille, Ort, Ereignis für sich allein: kein Teil ohne das Ganze.

? Wilfried Rogasch: Bayern in 24 Kapiteln. Hirmer-Verlag, 360 Seiten, gebunden, 19,90 Euro.
? Marion Bayer: Eine Geschichte Deutschlands in 100 Bauwerken. Quadriga-Verlag, 432 Seiten, gebunden, 25 Euro.
? Brigitte Beier u.a.: Schicksalsorte der Deutschen. Palm-Verlag, 240 Seiten, Großformat, gebunden, 24,95 Euro.