Mainz -Vielen Museen sei der Eindruck bei den Besuchern wichtiger als die wissenschaftliche Genauigkeit, sagte Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, am Donnerstag bei einem internationalen Kongress in Mainz. Rund 200 Fachleute aus dem In- und Ausland diskutieren bei dem zweitägigen Treffen über die Frage, wie authentisch Museen die historische Wirklichkeit abbilden.

Vielfach werde bei Museumsbesuchern ein falscher Eindruck von der Wirklichkeit erweckt, sagte Großmann zum Auftakt der Tagung. So würden beispielsweise in vielen Museen gerahmte spätmittelalterliche Bilder mit religiösen Motiven gezeigt: «Es handelt sich dabei durchweg um Überreste zerstörter Altäre, und nie erfährt der Besucher, dass dem so ist.» Auch sei es in Freilichtmuseen üblich, Gebäude nebeneinanderstellen, die in dem gezeigten Zustand so niemals nebeneinander existiert hätten.

Der Nürnberger Museumsdirektor vertrat zugleich die Ansicht, dass in bestimmten Fällen Kopien sogar authentischer sein könnten als ein Original. Beispielsweise glaube er, dass die Mona-Lisa-Kopie aus der Sammlung des Prado in Madrid dem von Leonardo da Vinci geschaffenen Werk nach über 500 Jahren farblich näherkomme als dem in Paris ausgestellten Original. Von dem im Louvre hinter Panzerglas gezeigten Werk könne ohnehin nicht einmal ein Experte sagen, ob es sich nicht um eine Kopie handele.

Die Historikerin Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften betonte, wie wichtig es für viele Menschen sei, authentische Spuren der Vergangenheit zu sehen. Bei Ausstellungen über die NS-Zeit sei immer wieder zu sehen, wie Originalschauplätze oder selbst vermeintlich unspektakuläre Hinterlassenschaften von Opfern eine geradezu sakrale Wirkung auf moderne Besucher entfalten könnten. In vielen Gedenkstätten seien mittlerweile erhöhte Rundwege für Besucher eingezogen worden, damit Touristen nicht den selben Fußboden wie die Opfer betreten.

Die Sehnsucht nach Authentizität könne auch den enormen Besucherzuspruch für eine Ausstellung in Wien erklären, bei der aus jüdischen Wohnungen konfiszierte Möbel gezeigt wurden. Die Einrichtungsgegenstände seien oft äußerlich völlig unspektakulär gewesen, hätten aber durch ihre Geschichte den «Status von Relikten oder Reliquien» erlangt.