Zugegeben: Auch ich habe schon ein- oder zweimal ein Selfie verschickt. Aus dem Urlaub. An meine "Whats App"-Gruppe. Statt Postkarte. Die weltweite Social-Media-Gemeinde habe ich mit "Ich vor der Sprungschanze in Lahti" verschont. Facebook, Twitter, Instagram und wie die Plattformen alle heißen quellen dagegen über von Bildern, von denen man sich fragen muss: Will die tatsächlich einer sehen? Müssen "Schlafies" (Augenringe, verwuschelte Haare, müder Blick), "Belfies" (der Allerwerteste, mal angezogen, mal nackt), "Footsies" (Füße) und "Nudies" (Nacktfotos) wirklich sein? Und wenn ja, warum? Die Identität im Netz scheint wichtiger zu sein als die reale in Schule, Freizeit und Beruf. Psychologen entdecken in dem grenzenlosen Drang nach Selbstdarstellung einerseits, etwa bei sogenannten (Fußball-)Stars, einen übersteigerten Narzissmus; bei ganz normalen Mädchen und jungen Frauen - die ein Drittel aller Selfies posten - sprechen sie dagegen von einem Wunsch nach sozialer Bestätigung, nach Aufmerksamkeit. "Ich fotografiere mich, also bin ich?" Sollte das der Fall sein, wäre das bedenklich. Man stelle sich nur vor, das Smartphone gäbe seinen Geist auf! Aber nein, zum Scherzen ist das natürlich nicht. Und eine Erfindung des digitalen Zeitalters, mit Verlaub, ist sich selbst abzulichten auch nicht. Als das erste fotografische Selbstporträt entstand, war an ein weltweites Netz, geschweige denn an Handy, Webcam oder Internetvideo noch lange nicht zu denken: Der amerikanische Fotograf Robert Cornelius machte es 1839.