Feuilleton Teuflische Psychospielchen in der Karriere-Arena

Man muss aufpassen. Höllisch aufpassen. Jeden Satz, jede Geste genau analysieren: Wahr oder gelogen? Und man wird am Ende sehr wahrscheinlich doch daneben liegen. In diesem Spiel der vielen Täuschungen.

Man muss aufpassen. Höllisch aufpassen. Jeden Satz, jede Geste genau analysieren: Wahr oder gelogen? Und man wird am Ende sehr wahrscheinlich doch daneben liegen. In diesem Spiel der vielen Täuschungen. Wird den vier Akteuren, die auf der kreisrunden, erhöhten Spielfläche nicht nur sich gegenseitig etwas vorspielen, sondern dem rundherum sitzenden Publikum auch etwas vormachen, auf den Leim gehen. Denn die Nummer, die sie auf der Bühne des Rudolstädter Theaters abziehen, ist viel zu clever, um sie an auch nur einer Stelle zu durchschauen. Und die Schauspieler sind viel zu gut, um sich auch nur eine Wahrheit abluchsen zu lassen.

Skrupellosigkeit gefragt

Ein attraktiver Job ist zu vergeben. Ein multinational agierendes Unternehmen der Möbel- und Heimwerkerbranche sucht jemanden mit Führungsqualitäten. Vier Bewerber gibt es, drei Männer und eine Frau. Wer gewinnen will, muss die beste Figur in einem speziellen Auswahlverfahren, der "Grönholm-Methode", machen. Es geht um einen Persönlichkeitstest, bei dem die Kandidaten in die Ecke getrieben werden, die Hosen herunterlassen sollen. Nicht zur Schau gestellte Gutherzigkeit zählt hier, sondern der unter sich ständig steigernder Aggression immer weiter hervortretende wahre Mensch. Wie fies ist einer? Wie skrupellos? Und wie lange braucht man, um so einen weichzukochen, zur Schnecke zu machen? Denn in den Führungsetagen der Unternehmen, das unterstellt dieses Theaterstück, werden keine guten Menschen gesucht, die nach außen hin Arschlöcher sind. Sondern Arschlöcher, die sich als gute Menschen ausgeben.

Doch keine Personalabteilung stellt hier Fragen. In der Arena werden die vier aufeinander losgelassen. Hier, im Kampf Mann gegen Mann oder Mann gegen Frau, zeigen sich die wahren Gesichter. Enrique (Benjamin Griebel) ist der misstrauische, unter dem Leben und seinen Beziehungsproblemen leidende Angestelltentyp, Carlos (Simon Keel) der schüchterne, junge Aufsteiger, der sich zur Frau umoperieren lassen will. Fernando (Markus Seidensticker) der großfressige Aufsteiger und Bescheidwisser, Mercedes (Charlotte Ronas) schließlich die typische Karrierefrau, deren Mutter während des Tests - wie sie per Handy erfährt - stirbt.

Einer der vier, das ist die Ausgangssituation, ist von der Firma. Ein Mitarbeiter der Personalabteilung. "Einer von uns ist also nicht echt" - dieses Wissen schürt das Misstrauen, wenn nun verschiedene per Briefpost gestellte "Aufgaben" gelöst werden müssen, die sich alsbald als makabere Spielchen entpuppen. Enrique soll mit der Beichte seiner nicht gerade vorteilhaften privaten Lebensgeschichte erreichen, dass die anderen, wären sie die Personalchefs, ihn nicht entlassen. Nächster Umschlag: Clown, Bischof, Torero und Politiker - jeder bekommt eine Rolle - sind in einem brennenden Flugzeug mit nur einem Fallschirm. Wer hat die besten Argumente dafür, dass er das Rettungsgerät bekommt? Wer also lässt die anderen am überzeugendsten abstürzen?

Kampf im Ring

Regisseur Martin Pfaff nimmt den spanischen Autoren Jordi Galceran vor allem in einem Punkt ernst - dem Spiel. "In allen meinen Stücken ist das Spiel das Wichtigste", meint dieser. Und so kämpfen die vier auf ihrer kleinen runden Arena wie Athleten miteinander. Umringt vom Publikum - so nah dran, dass es jede Schweißperle erkennen kann.

Anderthalb Stunden lang gibt es für sie keine unbeobachtete Sekunde. Und anderthalb Stunden lang gelingt ihnen die doppelte Täuschung, die hier nicht verraten werden soll. Ein Test, bei dem auch das Publikum ins Schwitzen kommt - denn es gilt nicht nur die psychologische Spannung auszuhalten, die die vier meisterhaft aufbauen.

Langsam dämmert es auch, dass solche Methoden näher an der Realität sind, als man glaubt. Und wenn sie erschöpft abtreten aus der Arena, dann ist man abgrundtief angewidert von diesen Spielchen der Macht. So exzellent kann Theater sein.

Nächste Vorstellungen: 17. April, 13., 24. Mai, Karten: 036 72/42 27 66