Fränkische Dialekte Die sprechfaulen Franken

Julia Knauer

Der Fränkische Dialekt neigt zu Abkürzungen und Vereinfachungen. Außerdem zeichnet er sich durch markante Grammatik-Fehler aus.

Der Fränkische Dialekt ist etwas ganz Besonderes. Foto: picture alliance/dpa/Timm Schamberger

„Ich könnte über unseren Dialekt ein ganzes Buch schreiben“, sagt der ehemalige Kreisheimatpfleger und Mundart-Experte Hans Blinzler aus Nordhalben lachend. Da er sich jedoch derzeit auf einer Studienreise in Georgien befindet, beschränkt er sich auf ein paar – nicht ganz buchfüllende – Ausführungen via Whatsapp-Sprachnachricht.

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„Eine Sprache entsteht nicht, sondern sie bildet sich im Laufe von Jahrhunderten“, weiß er. So sei im Mittelalter, etwa um das Jahr 1100, aus dem Althochdeutschen das Mittelhochdeutsche entstanden. Das sei schon so etwas wie eine Standard-Sprache gewesen, die man ungefähr von 1050 bis 1350 gesprochen habe. Nach einigen Änderungen sei schließlich das Neuhochdeutsche entstanden, die Grundlage für das heutige Hochdeutsch. Das Mittelhochdeutsche sei aber auch der Ursprung der jetzigen Frankenwald-Mundarten.

„Der Obere Frankenwald wurde überwiegend erst im zwölften und 13. Jahrhundert besiedelt, vor allem von Leuten aus der Heilbronner Ecke“, führt Hans Blinzler aus. Der Fürstbischof habe damals zur Randsicherung in Richtung Sachsen Siedler hergeholt. Die hätten natürlich ihre Sprache mitgebracht – und das sei eben das Mittelhochdeutsche gewesen. Daraus sei nach und nach das heutige Fränkisch entstanden.

„Das einfachste Erkennungsmerkmal unserer Mundart ist, dass wir keine harten Mitlaute haben, also kein P, T, und K. Vor allem P und T gibt’s gar nicht – K wird am Anfang eines Wortes teilweise noch hart ausgesprochen, in der Mitte wird es aber immer weich“, sagt Hans Blinzler. Das liege an einer gewissen Sprechfaulheit. So werde zum Beispiel aus einer Suppe die „Subbm“. Aus dem Namen Theo werde „Deo“, die Glocke zum „Glöggla“ – und da sei man schon beim nächsten Kennzeichen des Fränkischen: die Verkleinerung. „Wir hängen oft ein ‚-la’ hinter ein Wort an, auch wenn es überhaupt nichts Kleines ist“, führt er aus. So werde beispielsweise Hans-Georg gerne zum „Hans-Görchla“ – selbst, wenn es sich um einen erwachsenen Mann handle. Man sage auch „Maala“ statt Mädchen und „Stöggla“ statt Stock. Die Endung „-chen“ gebe es im Fränkischen hingegen überhaupt nicht. Ebenso typisch und für Auswärtige sehr auffällig sei das gerollte R.

„Wir verschlucken außerdem gerne Endsilben und sagen zum Beispiel ‚kumm’ statt ‚komme’“, führt Hans Blinzler aus. Auch das sei auf Sprechfaulheit zurückzuführen. Außerdem kennzeichne das Ober-Ostfränkische, wie der hiesige Dialekt wissenschaftlich korrekt genannt werde, das Vorhandensein von Worten, die es sonst gar nicht gebe. Bekanntestes Beispiel sei das Wörtchen „fei“, das gefühlt in jedem zweiten Satz als Verstärkung verwendet werde. „Das kommt vermutlich von ‚fein’“, weiß Hans Blitzler. „Sei fein stille“, habe es früher in der Literatur oft geheißen. Sicher wisse er das aber nicht.

Diverse Grammatik-Fehler gehörten ebenfalls zur fränkischen Mundart. „Es gibt keinen Genitiv. Ein ‚Geschenk des Himmels’ wird immer ‚a Gscheng vön Himml’“, sagt Hans Blinzler . Das sei im ganzen Landkreis Kronach einheitlich, niemand sage „des“. Vor allem im Kronacher Bereich würden zudem gerne „dir“ und „dich“ sowie „mir“ und „mich“ vertauscht. Heraus kämen Konstruktionen wie: „Iech sooch diech aans“. Oder: „Gäib miech amol des Bruod.“

Grundsätzlich gebe es landkreisweit aber durchaus große Unterschiede: Menschen im westlichen Bereich, wie in Mitwitz oder Schneckenlohe, rutschten ein bisschen ins Coburgerische, während die Leute im Norden, wie in Tettau oder Ludwigsstadt, sächsisch-thüringische Spracheinschläge hätten. Ludwigsstadt sei aber sowieso ein Fall für sich.

Ein weiterer Mundart-Experte, speziell für das Nordhalbenerische, ist Rudolf Ruf. Er ist ein Freund von Hans Blinzler und verfasst selbst Gedichte in Mundart. „Ich arbeite seit 15 Jahren in Bamberg. Da ist es schon immer eine Umstellung, wenn man heim kommt. Da passiert es schon einmal, dass man ein paar hochdeutsche Flocken mit reinwirft“, erzählt er lachend. Teilweise korrigiere er sich sogar, wenn er mit seiner Frau versehentlich zu Hochdeutsch spreche. „Aber auch andersherum habe ich teilweise schon aus aus Nicht-Konzentration vergessen, in Bamberg umzustellen. Die verstehen dann zum Teil gar nichts“, fährt er schmunzelnd fort.

Seinen Heimatdialekt zu pflegen und zu erhalten, sei ihm sehr wichtig. „Meine Enkel wohnen bei Erlangen und sprechen – für unsere Verhältnisse – lupenreines Hochdeutsch“, sagt Rudolf Ruf. Wenn sie bei Oma und Opa in Nordhalben seien, sei es eine große Freude, ihnen Dialekt-Ausdrücke beizubringen. „Wenn so ein kleiner Wicht dann ‚Broudwörschd’ oder ‚Bätzala’ sagt, ist das schon ein Spaß“, meint er.

Den fränkischen Dialekt zeichnet für Rudolf Ruf vor allem aus, dass er extrem rationell sei: „Wir lassen alles weg, was länger dauern würde und sagen alles so knapp, wie es überhaupt geht.“ So laute beispielsweise die Antwort auf die Frage, wie das Wetter war, kurz und knapp: „Ging scho.“

Rudolf Ruf hat auch ein paar Dialekt-Ausdrücke, die ihm besonders gut gefallen. Da sei zum Beispiel der „Nölla“. Damit gemeint sei eine männliche Person, die sich für ihr Alter kindisch aufführe. Die „Zösch“ sei übrigens das weibliche Pendant dazu.