Wertvolle Zeit wurde dazu vertan. Löws Ära war vorbei, auch wenn er erst nach dem EM-Achtelfinal-Aus 2021 ging. Bei Flick dauerte es nur neun Monate. Nach einem 1:4 gegen Japan wurde er entlassen - übrigens von Völler.
Jeder hat eine zweite (Turnier-)Chance verdient. Aber auch eine dritte? Das unglückliche Viertelfinal-Aus nach Verlängerung gegen Spanien bei der Heim-EM 2024 wurde noch als achtbar gewertet. Die Stimmung im Land war pro Team und durchaus auch pro Nagelsmann. Der letzte Platz beim Final Four der Nations League ein Jahr später säte dann erste Zweifel.
Zur Erinnerung: Nagelsmann wollte Weltmeister werden. Das Ziel hat er nicht knapp, sondern um Längen verfehlt. Alleine das reicht als Trennungsgrund. Ein "Toptrainer" (Völler) muss viel mehr richtig als falsch machen. Die wichtigsten Fehler: Kapitän Kimmich hätte nicht erst in der Endphase gegen Paraguay ins Mittelfeld gehört. Stattdessen setzte der Bundestrainer im Zentrum des Spiels auf zwei Turnier-Neulinge.
Die Rolle rückwärts mit Manuel Neuer ging nicht auf. Weder kommunikativ noch sportlich. Auch wenn Neuer im vierten WM-Spiel gut war. Die Rollenprofile, wie bei Joker Deniz Undav, waren in einer Leistungsgesellschaft fragwürdig. Das Prinzip Hoffnung funktionierte auch nicht, Beispiel Jamal Musiala. Und als es eng wurde gegen Paraguay, sollten plötzlich zuvor Verschmähte wie Leon Goretzka und Nick Woltemade die Retter in der Not sein. Das klappte nicht.
Ein Neuanfang und Neuaufbau Richtung EM 2028 und WM 2030 braucht zwingend neue, unvorbelastete Köpfe. Nagelsmann hat zu viel Kredit verspielt, gerade auch bei den Fans. "Es würde nicht jeder unterschreiben, dass ich Bundestrainer bleibe", sagte er selbst.
Ein DFB-Entscheider glaubt weiter an eine erfolgreiche Zukunft mit seinem Wunschtrainer, obwohl er zugab: "Wenn man in so einer Form ausgeschieden ist, werden es viele nicht verstehen." Die harte Frage, die gestellt werden muss, lautet: Ist der 66 Jahre alte Völler selbst noch einer für den Aufbruch?
Der Weltmeister von 1990, Ex-Teamchef und jetzige Sportdirektor hat große Verdienste um den deutschen Fußball. Aber für einen radikalen Umbruch kann er nicht mehr stehen. Als Völler 2004 als Teamchef bei der EM in Portugal mit der Nationalmannschaft in der Vorrunde scheiterte, bewies er Spürsinn wie einst als Stürmer vor dem Tor. Er erkannte, dass er mit dieser Hypothek nicht mehr der Richtige auf dem Weg zur Heim-WM 2006 gewesen wäre.
Völler trat noch in der Nacht nach dem Ausscheiden zurück. Damals kam in Jürgen Klinsmann ein Revolutionär zum DFB, ein Motivator, ein Sonnyboy. Der Richtige zur richtigen Zeit. Es folgte das Sommermärchen. Jetzt könnte sich der Verband um Klopp bemühen. "Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen", sagte der 59-Jährige bei MagentaTV.
Dort analysierte er messerscharf das deutsche WM-Aus. Vor dem ersten deutschen WM-Spiel hatte Klopp für Aufsehen gesorgt mit einem Satz - und besonders einem Wort. "Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf - noch."