Gestiegene Verbraucherpreise Wenn der Lebensmitteleinkauf Panik auslöst

Beim Einkauf macht sich die massive Preissteigerung derzeit besonders bemerkbar. Foto: KEYSTONE/Schulz, Volkmar

Die Preissteigerungen im Supermarkt treffen jeden. Aber jene, die schon vorher wenig hatten, noch heftiger. In Coburg gibt es Hilfe von verschiedenen Stellen.

Eine Butter ist nur im Sonderangebot für unter zwei Euro zu haben, ein Liter Speiseöl kostet meist um die vier Euro: Der Wocheneinkauf für eine Familie geht derzeit richtig ins Geld. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Inflationsrate für April bei 7,4 Prozent liegt. Um so viel sind Waren und Dienstleistungen teurer geworden im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Ursache für die extremen Preissteigerungen ist die Kostenexplosion bei der Energie. Als Ausgleich für hohe Preise bei Benzin, Diesel, Gas und Öl hat die Bundesregierung daher ein milliardenschweres Entlastungspaket beschlossen. In den kommenden Monaten können sich die Verbraucher auf eine Energiepreispauschale von 300 Euro, einen Tankrabatt, einen Hartz-IV-Zuschuss oder einen Kindergeldbonus freuen. Aber bis das Geld auf den Konten ankommt, werden noch Wochen vergehen. Zeit, die gerade jene nicht haben, die schon früher jeden Cent zweimal umdrehen mussten.

„Wir haben Klienten, da sind Ausgaben bis auf den Cent ausgerechnet, die haben aktuell fast Panik, wenn es um Lebensmittel und Energie geht“, weiß Stefan Kornherr, Leiter der Bezirksstelle im Diakonischen Werk Coburg. Die Beratungsstelle in der Metzgergasse dient Personen in allen Notlagen als erste Anlaufstelle. Derzeit kommen noch mehr Menschen als sonst: Senioren, Familien, Alleinerziehende. „Den Umfang der Beratungen wie derzeit können wir nicht aufrechterhalten“, warnt er vor einer sich zuspitzenden Situation. Die individuellen Schicksale würden auch ihn und seine Mitarbeiter treffen. So habe eine Alleinerziehende kürzlich um Hilfe gebeten, weil ihr Kühlschrank leer war, obwohl sie bereits zur Tafel geht. „Wir reden bei der Grundsicherung über ein Existenzminium. Und viele zahlen bei den Wohnungs- und Nebenkosten ohnehin schon drauf, weil ihre Wohnung als nicht angemessen angesehen wird“, so Stefan Kornherr.

Während die Kosten für alltägliche Dinge ständig steigen – alleine bei der Energie um 35 Prozent –, sollen die Bezüge erst noch angepasst werden, und meist falle diese Anpassung erfahrungsgemäß viel zu gering aus. „Der Regelsatz bildet die Realität nicht ab“, so seine Kritik. Daher sei auch die nun beschlossene Einmalzahlung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wenn kein Geld mehr da ist, gibt es kein Essen und die Wohnung bleibt kalt“, sagt Kornherr. Doch die psychologischen Folgen seien weitaus vielschichtiger. „Diese Menschen erleben, dass sie ständig zurückgeworfen werden, viele ma­chen ihre Post gar nicht mehr auf, weil Inkassofirmen anklopfen, einige haben depressive Episoden“, schildert er. Armut mache außerdem einsam: Wer sich den Besuch im Kino oder Café nicht leisten könne, habe meist auch bald nur noch einen sehr kleinen Freundeskreis.

Auch das Jobcenter in der Stadt Coburg verzeichnet derzeit mehr An­fragen als sonst üblich. „Wir haben unter anderem durch die steigende Inflation derzeit eine außergewöhnliche Situation“, sagt Robert Bauer, Geschäftsführer im Jobcenter Co­burg Stadt. Melden sich Not leidende Menschen, so werden sie zu den Netzwerkpartnern wie der Tafel oder der Diakonie geschickt. Zwar übernehmen Jobcenter die angefallenen Heizkosten, den Strom müssen die Menschen jedoch aus eigener Tasche zahlen. Denn dieser gilt als Teil des Regelbedarfs und wird mit einem vorab festgelegten Betrag abgegolten. „ Steigen die Stromkosten, müssen die Kunden die Mehrkosten gegebenenfalls selber tragen“, sagt er. „Das kann zu finanziellen Belastungen führen, weil für andere Ausgaben, etwa für Ernährung, Kleidung und Körperpflege, dann weniger Geld zur Verfügung steht“. Er bedauert, dass die Jobcenter keinen Spielraum haben, um den Regelbedarf an­zupassen. Nur ein Darlehen könnten sie bewilligen. Dennoch rät Robert Bauer, dass jeder in Not Geratene sich rechtzeitig an das Jobcenter wenden soll. Gemeinsam könnte dann nach einer Lösung gesucht werden.

Beim Verein „Hilfe für Nachbarn Coburg“ verzeichnet man derzeit noch keine Zunahme der Anfragen. „Ich gehe davon aus, dass entsprechende Auswirkungen mit einer gewissen Zeitverzögerung bei uns spürbar werden“, betont Vorstandsvorsitzender Jürgen Müller. Die Hilfe, die der Verein den Menschen in der Region zukommen lässt, sei sehr vielschichtig und betreffe nahezu alle Lebensbereiche. Dazu können Betroffene auch direkt über die Internetseite des Vereins (www.hilfe-fuer-nachbarn-coburg.de) Kontakt aufnehmen und ihr Anliegen schildern. „Das ist aber die Ausnahme. Die Anfragen kommen ganz überwiegend über die Caritas und über die Diakonie“, erklärt Müller. Die Berater der Verbände seien aufgrund ihrer Fachkompetenz in der Lage, den Sachverhalt richtig zu erfassen, die Möglichkeit öffentlicher Hilfen zu prüfen und – falls solche öffentliche Hilfen nicht oder noch nicht zur Verfügung stehen – die entsprechende Anfrage an den Verein aufzubereiten. „Deshalb können Unterstützungen schnell und unbürokratisch geleistet werden“, so Jürgen Müller.

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