Beobachtung widerspricht Theorien zu Ursachen von Kriegen
Auch das Team um Sandel hebt die Bedeutung persönlicher Verbindungen zwischen den Lagern hervor: Kurz vor der Spaltung, 2014, waren sechs ausgewachsene Schimpansen gestorben. Möglicherweise hätten die Todesfälle die sozialen Bande zwischen Untergruppen geschwächt. Und Anfang 2017 starben 25 Schimpansen - davon 14 ausgewachsene Tiere - bei einer Epidemie. Eines der Männchen war in der westlichen Gruppe eines der letzten Tiere, das noch Kontakte zur anderen Gruppe unterhielt. Sein Tod könne die Eskalation beschleunigt haben, heißt es.
"Im Fall der Ngogo-Spaltung wurden Individuen, die zusammen gelebt, gefressen, sich gepflegt und patrouilliert hatten, zum Ziel tödlicher Angriffe wegen ihrer neuen Gruppenzugehörigkeit", schreiben die Autoren. "Dies unterstreicht, dass Schimpansen einen Sinn für Gruppenidentität haben, der über Vertrautheit oder deren Fehlen hinausgeht."
Die Beobachtung widerspreche gängigen Theorien zu Ursachen von Kriegen bei Menschen, die demnach von kulturellen Faktoren wie Sprache, Religion, ethnischer oder politischer Zugehörigkeit abhängen. Wenn man sich auf solche kulturellen Faktoren konzentriere, übersehe man grundlegende soziale Prozesse, die menschliches Verhalten prägten - und die es auch bei den nächsten Verwandten des Menschen gebe.
"Beziehungen über Grenzen hinweg sind ganz ganz wichtig"
Lassen sich die Erkenntnisse auf Menschen übertragen? Der Experte Wittig betont, dass Schimpansen und Bonobos nicht nur die nächsten lebenden Verwandten des Menschen sind. Sie seien sogar enger mit Menschen verwandt als mit Gorillas. Daher seien Erkenntnisse zu ihrem Verhalten grundlegend, "um zu verstehen, wo wir herkommen". Menschen könnten daraus lernen, betont auch Erstautor Sandel: "Möglicherweise finden sich Gelegenheiten für Frieden in den kleinen, täglichen Handlungen von Versöhnung und Begegnung zwischen Individuen."
Das gilt offenbar besonders für große Gesellschaften. "Beziehungen über Grenzen hinweg sind ganz ganz wichtig", antwortet Wittig und nennt als Beispiel die Verbindung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg. "Wir können lernen, dass persönliche Beziehungen einen wichtigen Austausch bringen können - zwischen Gruppen, Nationen, Blöcken."