Folgen schwerer Infektionen
Lange hätten Ärzte sich bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte und Diabetes konzentriert, erläutert Dirk Westermann vom Universitäts-Herzzentrum Freiburg. „Doch in den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass auch Infektionen eine große Rolle spielen.“
Dabei geht es aber nicht um jede Infektion, wie Carsten Watzl von der TU Dortmund betont. „Es ist nicht der normale Schnupfen, es ist nicht jeder Atemwegsinfekt, sondern es geht um die schweren Infektionen“, sagt der Immunologe. Und gefährdet seien vor allem Menschen mit Vorerkrankungen oder im fortgeschrittenen Alter.
Entzündungsprozesse als Katalysatoren
Inzwischen seien die Mechanismen für solche Folgen etwa von Grippe, Covid und RSV auf Herz und Kreislauf weitgehend geklärt, berichtet Westermann, der auch dem Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung angehört. Gewöhnlich seien es nicht die Erreger selbst, die Ereignisse wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen, sondern die dadurch ausgelösten Entzündungsprozesse.
Diese könnten akut etwa Plaques an den Wänden der Blutgefäße verändern, erläutert der Experte. Bei diesen Ablagerungen werde ein Lipidkern nach außen oft von einem dünnen, weichen Häutchen verschlossen. Durch Entzündungsprozesse könne diese Kappe aufreißen, so dass sich auf dem Plaque ein Blutpfropfen – ein Thrombus – bilde.
Dieser behindere den Blutfluss an der ohnehin bereits verengten Stelle weiter, mitunter bis zu einem Verschluss. Eine Folge könnten - je nach Ort des Verschlusses - etwa Herzinfarkt, Schlaganfall oder Niereninfarkt sein.
Bechleunigung von Arteriosklerose
Neben dieser akuten Folge könne eine Entzündung über längere Zeit auch den Prozess der Arteriosklerose beschleunigen, sagt Westermann: Die Blutgefäße verengen, verhärten, altern schneller. Dauerhaft erhöhte Entzündungswerte gingen mit einem erheblichen kardiovaskulären Risiko einher, betont er.
Einen dritten Mechanismus beschreibt der Immunologe Watzl: Mitunter könnten etwa bei einer Covid-Erkrankung Immunzellen bis ins Herz vordringen und dort direkt eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung auslösen.
„Die Effekte von Entzündungen können riesig sein“, unterstreicht der Kardiologe Westermann. Wenn bei Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko die klassischen Risikofaktoren – also etwa Blutdruck, Blutfett, Diabetes und Tabakkonsum – eingestellt seien, dann sollte die Prävention von Entzündungsprozessen der nächste Ansatzpunkt sein, um schwere Vorfälle zu verhindern.
Denn viele Erkrankungen fördern Entzündungsprozesse im Körper – von Rheuma über entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn bis hin zu Parodontitis.
Nur wenige spezifische Therapien
„Bislang haben wir kaum spezifische Therapien“, konstatiert Westermann. Das könnte sich dem Experten zufolge in den kommenden Jahren ändern. Derzeit würden, teilweise schon in Phase-3-Zulassungsstudien – sogenannte Inflammationsmodulatoren – an Menschen mit Herz- und Nierenerkrankungen geprüft. Diese Wirkstoffe sollen Entzündungsprozesse gezielt bremsen, etwa über die Hemmung des entzündungsfördernden Zytokins Interleukin-6 (IL-6).
Doch bisher ist das Zukunftsmusik. Derzeit, darin sind sich Experten einig, bestehe die beste Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen – in Deutschland nach wie vor Todesursache Nummer 1 – darin, sich etwa gegen Grippe, Covid und RSV impfen zu lassen.
Positive Auswirkungen von Impfungen
Das zeigt etwa eine internationale Doppelblind-Studie: Darin wurden rund 2500 Menschen mit einer Herzerkrankung in Krankenhäusern entweder gegen Grippe geimpft oder sie erhielten eine wirkungslose Placebo-Spritze.
Bei den tatsächlich geimpften Patienten lag in den folgenden zwölf Monaten die Rate an schweren Herz-Kreislauf-Vorfällen um 28 Prozent niedriger als in der Placebo-Gruppe. Die Herz-Kreislauf-bedingte Sterberate war sogar um 41 Prozent geringer, wie das Team um Ole Fröbert von der schwedischen Universität Örebro im Fachjournal „Circulation“ berichtet.
Dieses Ausmaß sei „wahrlich bemerkenswert“, heißt es in einem Kommentar im selben Journal, auch wenn die Studie einige Schwächen aufweise. So wurde sie wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen, zudem waren Männer deutlich überrepräsentiert.
Dennoch sollten Kardiologen Herzpatienten unbedingt zur Grippeimpfung raten, schreiben die Kommentatoren und zitieren ein Bonmot des US-Gelehrten und Politikers Benjamin Franklin: „Eine Unze Vorbeugung ist so viel wert wie ein Pfund Heilung.“
Vorbild Dänemark
„Impfungen schützen nicht nur vor der Grunderkrankung selbst, sondern auch vor den Folgerisiken dieser Erkrankung, etwa für das Herz“, betont Watzl. Dass dieser Aspekt Eindruck auf Menschen mache, zeige eine Studie aus Dänemark. Das Land habe – im Gegensatz zu Deutschland – ohnehin sehr hohe Impfquoten, sagt Watzl: „In Dänemark kriegt jeder ab 65 jedes Jahr ein Schreiben, das an die Grippeimpfung erinnert.“
Wurden Empfänger in einer Studie mit einer leicht veränderten Erinnerung darauf hingewiesen, dass sie damit auch ihre Herzgesundheit fördern, so stieg die Inanspruchnahme der Impfung – wenn auch nur mäßig – von rund 80 auf 81 Prozent, wie das Team im Fachblatt „The Lancet“ berichtet. Das mag wenig erscheinen, aber Resonanz fand das zusätzliche Argument vor allem bei Menschen, die sonst eher impfunwillig sind.
Impf-Wüste Deutschland
Von solchen Zahlen ist Deutschland weit entfernt: In der Saison 2024/2025 sank die Quote der Standardimpfung gegen Influenza in der Altersgruppe ab 60, für die eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gilt, im Vergleich zur vorherigen Saison nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) um 4 Prozentpunkte, auf nur noch 34 Prozent, so das RKI in seinem epidemiologischen Bulletin: „Sie liegt damit auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Berichterstattung in der Saison 2008/2009.“