Als Erbe der Volksabstimmung gilt auch, dass die Wählerschaft seitdem tief in "Remainer" und "Leaver" anstatt in Links und Rechts gespalten ist. Die Brexit-Gegner sind zudem jünger und eher akademisch gebildet als die Befürworter des Austritts. Dass inzwischen in Umfragen eine klare Mehrheit der Briten für einen Wiedereintritt in die EU ist, liegt nach Einschätzung des Politikprofessors Anand Menon vom King's College in London vor allem daran, dass viele Brexit-Anhänger inzwischen gestorben sind.
Die politische Landschaft in Großbritannien hat das Referendum grundlegend verändert. Die sozialdemokratische Labour-Partei verlor einen Großteil ihrer Anhänger aus der Arbeiterschaft an die Konservativen (Tories) und die Rechtspopulisten von Reform UK. Die Tories wiederum können sich nicht mehr auf einen Großteil der Akademiker und der Mittelschicht stützen. Beide großen Wählergruppen, "Remainer" und "Leaver" verteilen sich inzwischen auf mehr als eine Partei. Das faktische Zweiparteiensystem gilt damit als so gut wie passé.
Abspaltungstendenzen
Als Folge des Brexits gilt auch, dass die kleineren Landesteile des Vereinigten Königreichs nach Unabhängigkeit streben. Inzwischen sind die Chefposten der Regierungen von Nordirland, Schottland und Wales allesamt mit Mitgliedern von Unabhängigkeitsparteien besetzt. Besonders in Nordirland, wo der Brexit alte Ängste vor einer harten Grenze zwischen den beiden Teilen der Insel schürte, erscheint eine Abspaltung von Großbritannien nicht mehr als futuristisches Szenario.
Treten die Briten irgendwann wieder ein?
Lange Zeit war diese Frage ein Tabu, das niemand im politischen Großbritannien ansprechen wollte. Zu groß war die Angst davor, dem Rechtspopulisten Farage in die Hände zu spielen, der allzu gern Verrat am Wählerwillen anprangert. Insbesondere Premierminister Keir Starmer scheute das Thema.
Doch das änderte sich in den vergangenen Wochen. Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting bezeichnete den Austritt nach seinem Rücktritt aus dem Kabinett Starmers als "katastrophalen Fehler" und empfahl sich dabei als Nachfolger des glücklosen Regierungschefs. "Wir brauchen eine neue besondere Beziehung zur EU, denn die Zukunft Großbritanniens liegt in Europa – und eines Tages wieder in der Europäischen Union", sagte Streeting und ging damit noch einen Schritt weiter als der Favorit auf die Starmer-Nachfolge Andy Burnham, der sich eine Rückkehr in seiner Lebenszeit wünschte.