Historische Szene in Kronach Vom Stadtvogt zum Ehren-Bräuknecht

Heike Schülein

25 Jahre lang fungierte Hans Götz als bischöflicher Statthalter in Kronach. Zum Abschied erhielt er eine besondere Ehrung. Seine Nachfolge tritt Jens Schick an.

Kronach - Die Amtseinführung von Jens Schick vollzog Domkapitular Thomas Teuchgräber in Vertretung von Erzbischof Ludwig Schick. Die Stadtvögte waren einst als bischöfliche Beamte in hochstiftlicher Zeit vom jeweiligen Landesherrn – sprich dem Fürstbischof – ernannt und abberufen worden. Neben der Ernennungsurkunde für Jens Schick überreichte der Domkapitular auch eine Dankesurkunde des Erzbischofs an Hans Götz.

„Wer hätte 1996 gedacht, dass 25 Jahre später hier in der Johannes-Kirche ein Stadtvogt abberufen und ein neuer Stadtvogt eingesetzt würde“, sinnierte Hans Götz in seinem kleinen Rückblick. 25 Jahre historisches Treiben – wenn auch nur an drei Tagen im Jahr – haben die Geschichte Kronachs aus den Archiven und Publikationen auf die Gassen und Plätze der Oberen Stadt und der Festung Rosenberg gebracht. Aus zaghaften Anfängen habe sich in der Zeit ein stolzes und selbstbewusstes Auftreten aller Protagonisten entwickelt. Kronach sei ohne seine historische Szene nicht mehr denkbar.

Als bischöflicher Statthalter habe er das Vergnügen gehabt, zum Viertelmeistertag die Botschaften seines Fürstbischofes und Landesherrn den Bürgern und Honoratioren zu verkünden, sagte Götz. „Das mussten sich in meiner Ära zwei Bürgermeister gefallen lassen. Unserer Bürgermeisterin blieb dies in ihrem Amte erspart. Das muss ich jetzt meinem Nachfolger überlassen, der sicherlich dafür die gendergerechte Ansprache finden wird“, schmunzelte er.

Spannende Zeit

Es sei in den Anfängen eine aufregende und spannende Zeit gewesen, in der ihm Jakob Bogner, der „Seiler von Seelabach“ als väterlicher Freund zur Seite gestanden habe. Der Verein „1000 Jahre Kronach“ bildete die finanzielle Basis, dessen Vorsitzender Manfred Raum viele bürokratische Hindernisse beiseite geräumt habe. „Was heute selbstverständlich erscheint, musste damals mühsam erarbeitet werden, denn wir wollten kein Fest mit Tschingderassabum, wie es sonst bei Festivitäten in und um Kronach üblich war. Es sollte leiser sein und zum Genießen der Oberen Stadt verführen – trotz Kanonenschlägen und Musketensalven“, sagte der jetzige Alt-Stadtvogt.

Er erinnerte an Höhepunkte wie das Spektakel im Jahre 2003 mit der inszenierten Stadtbestürmung, aber auch an schwierige Zeiten, als dem Fest zwischendurch die ideelle und organisatorische Unterstützung entzogen wurde. „Es musste erst eine protestantische Frau aus Bayreuth kommen, die sich mit Herzblut der historischen Sache annahm“, würdigte er das Engagement der Leiterin des städtischen Tourismus- und Veranstaltungsbetriebs, Kerstin Löw, und ihrer Mitarbeiter.

Hitzige Debatten

Kleine Veränderungen im Stadtbild – so etwa die Bratwurst-Elle, die Viertelmeisterstrecke im II. Viertel, die Geschichtsscheibe in der Rathausgasse, die Kunigundenmaß in der Lucas-Cranach-Straße und auch die Hasen auf der Stadtmauer – seien hitzigen Debatten der Viertelmeisterrunde entsprungen. Das Ansinnen der historischen Szene in Kronach sei es, möglichst nah an der Stadtgeschichte zu bleiben, sagte Götz. Dies finde seinen Ausdruck insbesondere im Melchior-Otto-Tag und in der gesungenen Messe am Sonntag des Stadtspektakels. Zu den geschichtsnahen Darstellungen gehört auch die Verkündung der fürstbischöflichen Privilegien an der Melchior-Otto-Säule. „Selbst das Schmäuß hat eine urkundlich belegte Quelle, die der Braumeister Thomas Kaiser vorzüglich zu interpretieren weiß“, erklärte er. Dass er im Stadtvogt-Gewand habe mithalten können, verdanke er seiner Frau Barbara, die mit gekonnten „Sticheleien“ immer wieder die richtige Passform für seine Gewänder gefunden habe. Dem Fest, so Götz, geben aber letztlich die Bürger das Gepräge, die an den historischen Tagen die Geschichte aufleben lassen – sei es in Gruppen oder als Einzelpersonen.

„Dein Ziel, dass die Kronacher ihre eigene Geschichte leben, hast du mit vielen Aktionen auch geschafft“, stellte der ehemalige Viertelmeister Stefan Wicklein heraus, der die enormen Verdienste des scheidenden Stadtvogts würdigte. Dessen Engagement und die Idee zum Historischen Stadtfest reiche weit zurück. Er, Wicklein, könne sich noch gut an einen Diavortrag erinnern, in dem Götz das historische Fest in Bretten vorgestellt habe.

Ideenmaschine

Danach habe es noch viel Überzeugungsarbeit bedurft. Die Viertelmeister ab Frühjahr 1996 seien dabei die ersten Kreationen gewesen. „Von da an tobte die Ideenmaschine mit ihrem Motor Hans Götz“, verdeutlichte Wicklein die Beharrlichkeit und das Stückchen „frankenwäldische Dickschädeligkeit“, mit dem der scheidende Stadtvogt und seine Mitstreiter die Veranstaltung weiterentwickelten.

Götz habe es verstanden, Menschen für eine Idee zu begeistern. Immer wieder dachte er sich auch Events aus – zum Beispiel die Erbhuldigungsfahrt zu Erzbischof Ludwig Schick nach Bamberg und die Märsche zu den Freunden nach Nordhalben. Mit Improvisationstalent und Humor habe der scheidende Stadtvogt so manchen Mitstreiter oder Politiker ins Schwitzen gebracht, sagte Wicklein. Seine Motivation, seine Beharrlichkeit und den Gestaltungswillen habe er sich über die gesamten 26 Jahre und insgesamt 18 Stadtfeste bewahrt. „Du warst die treibende Kraft. Und ohne dich gäbe es die historische Szene in Kronach nicht“, resümierte er.

„In seinen Fußstapfen würde ich nur versinken. Ich muss eigene Wege finden“, erklärte Jens Schick im Hinblick auf seinen Vorgänger. Dass er 2003 zur historischen Szene gestoßen sei, sei unter anderem Gisela Lang sowie Walter Schinzel-Lang zu verdanken. Seine Hauptaufgabe sieht er darin, den Austausch zu fördern und neue Ideen zu kreieren. Neben dem klassischen Viertelmeistertreffen soll es einen regelmäßigen Stammtisch aller Historischen geben. „Das historische Treiben soll vor allem Spaß machen – nur dann sind alle mit viel Herzblut dabei“, sagte er. Als Abschiedsgeschenk überreicht er seinem Vorgänger eine von ihm gestaltete Urkunde.

Alleinstellungsmerkmal

Hans Götz sei es maßgeblich zu verdanken, dass man heute auf solch lebendige und interessante Art und Weise in die Geschichte Kronachs eintauchen könne, stellte Bürgermeisterin Angela Hofmann heraus. Mit dem von ihm mit viel Liebe aufgebauten Stadtspektakel habe er ein Alleinstellungsmerkmal für Kronach geschaffen und die Menschen mit Humor und Fachwissen für die Stadtgeschichte begeistert.

Eine große Ehre wurde dem Alt-Stadtvogt von den Bräuknechten zuteil: Per Erhebungspatent ernannten sie ihn zum Ehren-Bräuknecht – eine hohe Auszeichnung, die erst zum zweiten Mal überhaupt vergeben wurde.

Abschied nehmen hieß es auch vom Kastner Richard Chalupa, der aus Kronach wegzieht und deshalb sein Amt, das er seit 2011 innehatte, aufgab. Auch er erhielt in Abwesenheit eine Dankesurkunde des Erzbischofs.

 

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