Das ist auch das Ziel des Projekts „PornLoS“, das Stark seit Juli 2023 an der Gießener Universität leitet. Der Titel steht für: Pornografie-Nutzungsstörung effektiv behandeln – Leben ohne Suchtdruck.
„Wir wollen neue Ansätze erproben und Schlüsse für weitere Behandlungsmethoden ziehen“, erklärt der Projektleiter. „Dafür schulen wir derzeit noch Therapeuten und suchen Teilnehmer.“ Mit Beginn des nächsten Jahres werden dann rund 300 Patienten in die Studie aufgenommen.
Der Beginn: Belohnungsreize und Suchtverhalten
Die Münchner Paar- und Sexualtherapeutin Heike Melzer erklärt, wie sich Pornosucht entwickeln kann: „Meist fängt es ganz harmlos an.“ Viele, die später ein problematisches Verhalten zeigen, fliehen laut Melzer vor negativen Gefühlen, um sich von den Pornos gezielt einen Belohnungsreiz abzuholen, wann immer sie ihn brauchen.
Am Anfang fühle sich die Belohnung auch noch sehr gut an, berichtet Melzer. „Doch mit der Zeit entwickelt man eine Toleranz. Dann muss der Süchtige mehr machen, mehr Zeit investieren.“
Im Endstadium komme es zum Kontrollverlust, so die Therapeutin. Einer ihrer Patienten sei durch kostenpflichtige Live-Sex-Streams, die er während seiner Arbeitszeit schaute, an finanzielle Grenzen geraten. Ein anderer schaue 40 Stunden pro Woche pornografische Inhalte. Heike Melzer: „Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Freunde, Hobbys und Beruf.“ Das Aufhören gelinge nicht, die Scham sei groß.
Der Verlauf: Kontrollverlust, Abstumpfung, Isolation
Nach einiger Zeit mit hohem Konsum würden die Pornoschauer zudem abstumpfen. Der Grund dafür sei an erster Stelle im Kopf zu finden: „Dopamin ist die Währung unseres Belohnungssystem im Gehirn“ erläutert die Therapeutin.
Je häufiger sich jemand einen „Kick“ verschaffe, desto schneller schwinde der Wert. Die Belohnung falle immer kleiner aus – wie beispielsweise bei der Nikotinsucht. „Das heißt, wir brauchen immer stärkere Reize“, folgert Heike Melzer. Das beeinflusse die körpereigene Regulation des sogenannten Glückshormons. „Dadurch gerät man in eine Disbalance, die man nur schwer wieder rückgängig machen kann.“
Die Erfahrung hat auch Niklas gemacht. „Die Inhalte, die ich geschaut habe, wurden härter, teils auch gewaltsamer.“ Auch die Beziehung zu seiner Freundin litt darunter. „Sie wusste davon, aber nicht in dem Ausmaß“, sagt er. Die Probleme seien jedoch kaum zu verstecken gewesen. Ihn schränkten eine Erektionsstörung und Unlust ein. Letztendlich trennten sie sich.
Die Folgen: sexuelle Funktionsstörungen
Ein hoher Porno-Konsum führt laut Melzer häufig zu sexuellen Funktionsstörungen - nicht nur bei Männern. „Wer fünfmal am Tag Pornos schaut und sich dabei einen Vibrator auf die Vulva hält, der reagiert nicht mehr auf einen unmotorisierten Penis.“
Betroffene in Beziehungen entwickeln laut Melzer häufig eine partnerbezogene Lustlosigkeit. „Sie wirken auf den Partner, als hätten sie kein Interesse an Sex, als wären sie asexuell“, erklärt Melzer. „Dabei sind sie vielmehr hypersexuell und verstecken es aus Scham.“
Die Hilfe: langwierige Psycho- und Suchttherapie
Wer vermutet, dass sein Partner betroffen sein könnte, sollte sich informieren und die Sorgen teilen, empfiehlt die Therapeutin. Es sei üblich, dass der Partner zunächst alles abstreite. „Patienten mit süchtigen und zwanghaften Verhaltensweise verschleiern oftmals ihr Verhalten, spalten es ab und greifen die Person an, die es anspricht“, sagt sie. Auch für Angehörige von Pornosüchtigen gebe es Selbsthilfegruppen. Den Betroffenen rate sie, sich professionelle Hilfe zu suchen.
„Die Therapie hat mir enorm geholfen“, betont Niklas. Sein Porno-Konsum sei stark zurückgegangen, das Studium hat er abgeschlossen. Doch mit der Unlust kämpfe er weiterhin. Mit den Folgen der Sucht klarzukommen, seit stetige Arbeit.