Jubiläum in Ahlstadt Rückblick auf 1200 Jahre Geschichte

An Himmelfahrt begeht Ahlstadt sein 1200-jähriges Jubiläum. Der 31-jährige Dorfchronist Christian Grosch berichtet von den Vorbereitungen auf das Fest – und verrät, was an Heimatgeschichte auch für junge Menschen so faszinierend ist.

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Ein traditionelles Dorffest, das ein modernes Re-Design erfahren hat – so umschreibt der Ahlstadter Christian Grosch die Vorbereitungen zur 1200-Jahr-Feier, die an Himmelfahrt in seinem Heimatdorf begangen wird. Schon immer wird an diesem Feiertag im Mai in Ahlstadt gefeiert, mit großen Zulauf, wie Christian Grosch berichtet. „Bei uns kann man gut wandern, viele fahren an diesem Tag auch mit dem Rad – da sind wir ein beliebter Anlaufpunkt.“ Heuer allerdings steht ein besonderes Schmankerl an: Das Dorf blickt zurück auf seine urkundliche Ersterwähnung im Jahr 823, seinerzeit noch unter dem Namen Altensteti. Damit ist der Ort einer der ältesten im Altcoburger Land, wie Dorfchronist Christian Grosch bestätigt. Der 31-Jährige Ur-Ahlstadter ist als Dorfchronist mitverantwortlich für die Organisation der Jubiläumsfeier, beschäftigt er sich doch auch in seiner Freizeit gerne mit Heimatgeschichte. „Meine Familie ist seit mehreren Generationen in Ahlstadt ansässig“, meint er und setzt hinzu: „Und auch mein Stammbaum zeigt, dass meine Vorfahren seit Ende des 30-jährigen Krieges hier aus der Region stammen.“ Die Liebe zur Heimat, die sei damit quasi „im Blut genetisch verankert“.

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Geplant wird in Ahlstadt bereits seit dem vergangenen Jahr; ein Ausschuss, der mit Mitgliedern aus den Dorfvereinen und weiteren Interessierten besetzt ist, hat ein Festprogramm entworfen. Weil die Dorfgemeinschaft gut funktioniert, sei es nicht schwer gewesen, genug Leute für das Event zusammenzutrommeln. „Wir wollen bei der 1200-Jahr-Feier auch das widerspiegeln, wofür unser Dorf steht. Und das ist der große Anteil an Biolandwirten in unserem Ort, die circa 85 Prozent der Flächen bewirtschaften. Das ist ein sehr hoher Anteil, der höchste Anteil an Bioflächen im Coburger Landkreis“, erklärt der 31-Jährige. Um diesen Prozentsatz zu erreichen, sei eine entsprechende Identifikation der Dorfbewohner mit der Sache notwendig. „Und eben dahingehend haben wir uns auch entschieden, das beim Dorffest umzusetzen und bieten beispielsweise vor allem Bio-Speisen an.“ Mittags gebe es Rehgulasch, zusätzlich ein vegetarisches Bio-Linsenchili. „Das Rehwild stammt aus unseren Wäldern und wird vom Jagdpächter geliefert und auch die Linsen für das Chili kommen von Biobauern aus unserem Ort“, so Christian Grosch.

Neu ist auch das Bier, das zum Jubiläum eigens gebraut wurde. „Von der Kulmbacher Museumsbrauerei, aus Emmergetreide, einer alten Getreidesorte, die bei uns oft angebaut wird“, verrät der 31-Jährige und erläutert: „Bei uns in Ahlstadt werden ohnehin viele alte Getreidearten angebaut. Das ist auch bedingt durch den Muschelkalk, den wir hier haben. Da lassen sich traditionelle Sorten nicht so gut ernten und das gibt die Möglichkeit, zu experimentieren und eine Nische zu finden.“ Auch der Dorfbackofen werde angeheizt, um eigenes Brot zu backen, „für die Steaks“, wie Christian Grosch sagt und betont: „Wir wollen den regionalen Gedanken nicht nur predigen, sondern auch tatsächlich umsetzen.“

Eine Chronik allerdings wird es zum Fest nicht geben; eine solche wurde nämlich bereits vor 25 Jahren zur 1175-Jahr-Feier aufgelegt. Aber: Christian Grosch ist fest entschlossen, die Heimatgeschichte von Ahlstadt noch weiter aufzuarbeiten, die Chronik fortzuschreiben und die bereits vorhandenen Angaben zu ergänzen. „Die Chronik ist bereits ganz gut, was das Oberflächliche anbelangt“, meint er, „aber es gibt noch relativ viel Material zur Dorfgeschichte, das gänzlich unberührt im Staatsarchiv Coburg liegt.“ Das aufzuarbeiten koste enorm viel Zeit; vor der Jubiläumsfeier habe dies daher keinesfalls umgesetzt werden können. Und: „Es gibt enorm viele Hühnengraber bei uns auf den Langen Bergen und es ist geplant, hier weitere Ausgrabungen zusammen mit einem Archäologen zu machen. Dabei geht es auch um solche Sachen, die noch gar nicht entdeckt worden sind.“

Dass sich der junge Mann derart intensiv mit der Geschichte seines Heimatortes beschäftigt, ist ein Glücksfall für das Dorf. „Heimatgeschichte steckt voller interessanter, kleiner Geschichten. Wenn man sich durch die Umgebung bewegt, kann man alle 50 Meter eine Anekdote oder Begebenheit erzählen, die sich dort abgespielt hat. Selbst Flurnamen stecken voller anregender Geschichten. Besonders aufschlussreich finde ich dabei, dass diese sich in einem hohen Maße im Wechselspiel mit der „großen“ Geschichte befindet“, schwärmt er und erläutert: „Also zum Beispiel ist die Verteilung von Wald und Ackerflächen oder der Verlauf von Straßen stark historisch geprägt und kein Stück willkürlich. Auch der Aufbau des Waldes im Kleinen – zum Beispiel die Baumarten – ist von politisch-gesellschaftlichen Prozessen im Großen bedingt. Durch historisches Kartenmaterial aber auch durch moderne Techniken lassen sich solche Verläufe nachvollziehen. Heimatgeschichte erfährt durch diese Digitalisierung auch einen enormen Schub an Aufarbeitungsmöglichkeiten.“ So könne auch der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft gelingen. „Diese Dinge aufzuarbeiten und festzuhalten empfinde ich deswegen als wünschenswert, weil über Jahrzehnte und Jahrhunderte leider viel solch lokales Wissen verloren gegangen ist – die Leute hatten ja auch andere Probleme in früheren Zeiten.“ Genau hier setze auch der Studiengang „Applied Digital Transformation“ an, den Christian Grosch – ein studierter Historiker – an der Hochschule Coburg mit aufbaut. Der Studiengang beschäftige sich unter anderem mit Zukunftstechnologien und Organisationsentwicklung. „Gerade aus historischen Prozessen lassen sich häufig Parallelen und wichtige Erkenntnisse für die Zukunft ziehen. Oder auch wie sich neue technische Errungenschaften durchsetzen ist besonders in der Landwirtschaft ein sehr interessantes Feld“, so der Ahlstadter.

Durchforstet man die vorliegende Chronik des Dorfes, so kann als nahezu gesichert gelten, das Ahlstadt eigentlich viel älter ist als die 1200 Jahre, die nun gefeiert werden. Gestützt wird diese Hypothese vom höheren Alter durch die Verkehrslage, bezogen auf die Siedlungsgeschichte des Ortes. Denn hier kam den Langen Bergen in der Vor- und Frühgeschichte eine besondere Lage zu, wie die Ahlstadter Chronik feststellt. Der Bergriegel sei schon lange erschlossenes Gelände gewesen; das beweisen nicht zuletzt bronzezeitliche Gräber. So führte über den Höhenzug nach Ansicht von Fachleuten schon in der älteren Bronzezeit eine sogenannte Bernsteinstraße – und aus dem dritten beziehungsweise vierten Jahrhundert nach Christi sind Fundstellen römischer Münzen bei Ahlstadt Belege dafür, dass den Langen Bergen im Coburger Land einst eine wichtige Brückenstellung zwischen Nord und Süd zukam.