Umfrage Stadt Coburg: Sparen beim KZ-Schulbesuch?

Die Stadt streicht die freiwilligen Leistungen für Klassenfahrten zu der KZ-Gedenkstätte. Vor dem Hintergrund der Historie Coburgs ist das nicht unumstritten. Ein Pro und Contra. Wie ist Ihre Meinung? Stimmen Sie ab in unserer Umfrage im Artikel.

Das Lagertor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. Foto: picture alliance/dpa/Martin Schutt

Die Stadt Coburg wird künftig Fahrten von Schulklassen in das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald oder auf das früherer Reichsparteitagsgelände in Nürnberg nicht mehr finanzieren. Dies hat der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen. Denn: Im Zuge der Haushaltskonsolidierung ist kein Geld mehr da.

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Nun ist die Streichliste lang. Samba, Schlossplatzfest, Klassik Open Air im Rosengarten: Vor allem die Veranstalter trifft es hart. Und jeder weiß natürlich, warum ausgerechnet „sein“ Event den Rotstift nicht verdient hätte. Allerdings geht es bei den Klassenfahrten nicht um Vergnügung, sondern um Bildung. In einer Zeit, in der der Antisemitismus stetig zunimmt. In einer Stadt, die einst das erste braun besetzte Rathaus hatte. Hätte man vor diesem Hintergrund das Thema Buchenwald nicht besser ausklammern sollen? Darüber gehen die Meinungen – vor allem auch in den sozialen Medien – weit auseinander.


Pro und Contra

Pro: „Authentische Erfahrungen in Dachau"
Christian Müller, Vorsitzender der CSB-Fraktion im Stadtrat, hält die Entscheidung, KZ-Gedenkstättenbesuche von Schulklassen nicht mehr finanziell zu bezuschussen, für vertretbar.

Selbstverständlich ist uns allen klar: Schulfahrten zu KZ-Gedenkstätten sind wichtig, um durch unmittelbares Erleben der geschichtlichen Verantwortung gerecht zu werden und zur Bildung junger Menschen beizutragen. Nicht umsonst verlangen die Lehrpläne bayerischer Schulen deshalb im Rahmen des Unterrichts den Besuch einer entsprechenden Gedenkstätte. Fahrten zu den Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg werden bekanntlich durch den Freistaat Bayern gefördert. Auf den Besuch einer KZ-Gedenkstätte müssen bayerische Schüler daher aus Kostengründen nicht verzichten. Eine zusätzliche Förderung von Fahrten zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald für Coburger Schulen war eine besondere Leistung der Stadt Coburg, um es zu den hiesigen Schulen zu ermöglichen, ohne finanzielle Nachteile eine näher gelegene außerbayerische Gedenkstätte erreichen zu können. Hierbei handelte es sich um eine rein freiwillige Leistung der Stadt Coburg. In Zeiten, in denen angespannte öffentliche Finanzen Sparsamkeit erfordern, um die Pflichtaufgaben weiterhin zuverlässig erfüllen zu können, kommt der Stadtrat nicht umhin, Ausgaben zu prüfen und gegebenenfalls zu streichen. Eines der Argumente bei der Entscheidung über die weitere freiwillige Bezuschussung von Klassenfahrten zu KZ-Gedenkstätten war die grundsätzliche Förderung durch den Freistaat. Fällt der städtische Zuschuss weg, muss die Schule einen Gedenkstättenbesuch nicht ausfallen lassen, lediglich die Fahrtstrecke wird länger. Die Schüler werden weiterhin in Flossenbürg oder Dachau authentische Erfahrungen machen können. Vor diesem Hintergrund hielt es eine Stadtratsmehrheit für vertretbar, diesen freiwilligen Zuschuss im Rahmen der Haushaltssanierung einzusparen. Glücklich bin ich persönlich mit der Entscheidung des Stadtrates nicht und würde gerne diese Förderung beibehalten. Ich kann Kritik deshalb durchaus nachvollziehen, werbe aber um Verständnis für die demokratisch gefasste Entscheidung des Stadtrates.  

Contra: „Ein absolut falsches Signal“
Benjamin Schmidt vom Leitungsteam der Kirche Kunterbunt ist angesichts der Entscheidung des Stadtrats schockiert.

Die Nachricht, dass die Stadt aus finanziellen Gründen keine Schulfahrten zu Konzentrationslagern mehr fördert, hat mich schockiert. Gerade der zeitliche Zusammenhang mit einem sehr ernüchternden Wahlergebnis der Europawahl oder der Kommunalwahl im Nachbarlandkreis Hildburghausen. Dort erleben rechte und rechtsextreme Parteien Zulauf, ein Rechtsextremist hat es sogar in die Stichwahl geschafft. In Zeiten, in denen mit einer Machtübernahme der AfD zu rechnen ist, sollten die demokratischen Parteien die Aufklärung über die Gräueltaten der NS-Zeit, Antisemitismus und die Gefahren von faschistischem Gedankengut dringend fördern! Gerade Coburg mit seiner Geschichte sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen. Die Fördergelder zu streichen und das damit zu begründen, dass „die Auswirkungen so gering wie möglich sind“, ist ein absolut falsches Signal, das die Stadt Coburg hier setzt. Wenn bereits jetzt, mit nur einem Sitz der AfD im Stadtrat, derartige Fördergelder gestrichen werden, was soll dann erst die nächsten Jahre passieren? In Arne Semsrotts frisch erschienenem Buch „Machtübernahme - Was passiert, wenn Rechtsextremisten regieren“ wird genau dieses Beispiel diskutiert. Allerdings in einem Gedankenexperiment, wenn die Rechtsextremisten bereits in der Regierung sind. Liebe demokratische Parteien im Stadtrat, haltet zusammen und fördert weiterhin die politische Bildung! Meine Kritik gilt aber auch der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Sie fördert zwar die Fahrten in die Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg (zweieinhalb, beziehungsweise zwei Stunden Fahrtzeit von Coburg), aber nicht in die näher gelegene Gedenkstätte Buchenwald (eineinhalb Stunden Fahrtzeit). Liebe Staatsregierung, setzt die Hürden für politische Aufklärung doch so niedrig wie möglich! Fördert jeglichen Besuch von KZ-Gedenkstätten, auch wenn sie außerhalb Bayerns liegen. Es geht hier doch nicht darum, die „eigenen“ Gedenkstätten zu bevorzugen, sondern um Aufklärung.