Klinikum Coburg Patientenrisiko: Hitze

Jene in Coburg ist eine von insgesamt sechs Kliniken, die das kommunale Gesundheitsunternehmen Regiomed in Bayern und Thüringen betreibt. Foto: Frank Wunderatsch/Neue Presse

Die Sommer in Europa werden immer heißer, doch deutsche Krankenhäuser sind kaum ausgelegt für Temperaturen von 40 Grad und mehr. Wie ist die Lage am Klinikum der Vestestadt?

In Großbritannien wird der nationale Krisenstab einberufen aufgrund erwarteter Rekordtemperaturen. Portugal zählt bis Mitte Juli mehr als 1000 Hitze-Tote. In Brandenburg brennen die Wälder.

So schmeckt der Sommer 2022.

Auch in Coburg ächzen die Menschen unter dem Extremwetter, das in den kommenden Jahren nur noch an Intensität zulegen wird. Vor knapp zwei Wochen kletterte das Thermometer in der Vestestadt auf an die 40 Grad, in der vergangenen waren es gefühlt kaum minder heiße 35. Für den Donnerstag werden ähnliche Temperaturen erwartet.

Was selbst für kerngesunde, fitte Menschen eine Tortur sein kann, ist für jene, die im Hochsommer in einem Krankenhaus liegen müssen, schlichtweg: gefährlich. Zumal deutsche Kliniken in der Regel nicht klimatisiert sind. Welche Gefahren birgt das Problem konkret und wie gestaltet sich die Situation am Regiomed-Krankenhaus an der Ketschendorfer Straße?

Ein erhöhtes Risiko für Infektionen

„Das Problem ist jetzt schon groß und stetig wachsend“, sagt Johannes Wagner. Und der 30-Jährige, der seit Oktober vergangenen Jahres für den Wahlkreis Coburg-Kronach im Bundestag sitzt, müsste es wissen. Der Grünen-Politiker ist ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss und arbeitete vor seiner Abgeordnetentätigkeit als angehender Kinderarzt im hiesigen Klinikum. Hitze, so der gebürtige Nürnberger, sei gefährlich und könne tödliche Folgen haben. „Kleine Kinder, Ältere, Bettlägerige, kognitiv Beeinträchtigte und schwer und chronisch Kranke sind dabei besonders gefährdet – und alle in hoher Dichte im Krankenhaus anzutreffen.“ Erschwerend komme hinzu, dass Krankenhäuser meist in Städten liegen, die sich bei hohen Temperaturen in sogenannte Wärmeinseln verwandeln, die bis zu 10 Grad heißer sein könnten als ihr Umland.

Die potenziellen Gefahren für Patienten sind Wagner zufolge mannigfaltig: „Die Hitze bedeutet erhebliche zusätzliche Belastung für das Herz-Kreislauf-System, die Nieren und das Immunsystem.“ Folgen seien beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Infektionen, etwa nach einer Operation, Muskelkrämpfe, Erbrechen und schlechter Schlaf. Was sich wiederum negativ auswirke auf die Genesung. Bei zurückliegenden Hitzewellen, so Wagner, habe sich dies regelmäßig in einer Übersterblichkeit niedergeschlagen. Überdies benötigten Patienten bei Extremtemperaturen intensivere Unterstützung und Beobachtung durch Pfleger, „die aber schon an normalwarmen Tagen am absoluten Limit ihrer Kraft arbeiten.“ Derweil die Hitze beim Klinikpersonal selbst Konzentrationsschwäche und eine verminderte Leistungsfähigkeit verursache.

„Regelmäßig für das richtige Lüftungsverhalten sensibilisiert“

Wie ist die Lage am Krankenhaus der Vestestadt? Ein Großteil der Fläche werde mittels „aktiver Raumlufttechnik be- und entlüftet“, schreibt Marc Trommer, Kommunikationsbeauftragter bei Regiomed, auf Anfrage der Neuen Presse. Die bayerisch-thüringische Klinikgruppe mit Sitz in Sonneberg, die sich noch schüttelt ob der Nachricht vom bevorstehenden Abgang ihres Hauptgeschäftsführers, betreibt in den zwei Bundesländern insgesamt sechs Krankenhäuser. Viele dieser Bereiche, so der Unternehmenssprecher weiter, würden im Sommer auch aktiv gekühlt. Welche genau, dazu macht Regiomed, explizit danach gefragt, jedoch keine Angaben. Zudem verfüge das Klinikum flächendeckend über einen „außenliegenden Sonnenschutz“.

„Festzuhalten bleibt, dass die entsprechenden Be- und Entlüftungstechniken grundsätzlich dem Stand des jeweiligen Errichtungszeitraumes entsprechen“, schreibt Trommer. Eine nachträgliche Installation raumlufttechnischer Anlagen sei in der Regel nur mit erheblichen baulichen Maßnahmen umsetzbar. Analog verhalte es sich mit mobilen Klimaanlagen. „Bei einem zwingenden Handlungsbedarf wird allerdings versucht, dezentrale Klimageräte fest zu installieren. Darüber hinaus werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig für das richtige Lüftungsverhalten sensibilisiert.“ Mehr als die beiden vorangehenden Sätze antwortet Regiomed nicht auf die Frage, wie der Gesundheitskonzern konkret versuche, dem Problem Hitze kurzfristig zu begegnen.

Das aktive Runterkühlen ganzer Gebäude? Sollte Wagner zufolge vermieden werden

Also zurück zu Johannes Wagner. „Kurzfristig werden vor allem personelle, kommunikative und strukturelle Anpassungen Abhilfe schaffen müssen“, meint der Bundestagsabgeordnete. Sowohl Angestellte als auch Patienten müssten zu Gefahren und Folgen der Hitze geschult werden, Hitzeschutz verstärkt in Aus-, Fort- und Weiterbildungen verankert werden. „Allen sollten Risikofaktoren und Symptome eines Flüssigkeitsmangels bewusst sein und entsprechende Maßnahmen erlernt werden.“ Überdies, so der Grünen-Politiker, sollte auf ausreichend Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr über Getränke und Nahrung geachtet werden, um den Wasser- und Salzverlust durch vermehrtes Schwitzen auszugleichen. „Beispielsweise könnte der Speiseplan in heißen Wochen so angepasst werden, dass eher leichte Mahlzeiten mit viel wasserreichem Obst und Gemüse und eher klare Brühen statt dicken Suppen angereicht werden.“

Das generelle aktive Runterkühlen ganzer Gebäude sollte dem 30-Jährigen nach indes vermieden werden. Dies beschleunige nicht nur weiter die Klimakrise, sondern verursache zudem Abwärme, die zusätzlich zur Entstehung von Wärmeinseln beitrage. „Stattdessen sollten bestimmte Bereiche gekühlt werden, die als Rückzugsort dienen können“, sagt Wagner, der ferner in die Zukunft blickt. Und damit auf den geplanten Krankenhausneubau in Coburg auf dem ehemaligen BGS-Gelände. Schließlich beträfen, so der Mediziner, langfristige Stellschrauben im Umgang mit zukünftigen Hitzerekorden vor allem bauliche Aspekte.

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