Die Information über die seit Jahren erhaltenen Gelder wirft auch die Frage auf, wie die jüngsten Aussagen Reiters im Stadtrat bewertet werden müssen, wonach er gar nicht wisse, ob er für seine künftige Tätigkeit als Aufsichtsrat überhaupt Geld bekomme - und wenn ja, wie viel. Zumindest die 20.000 Euro, die er allein schon als Mitglied des Verwaltungsrates bekommen hat, waren ihm zum Zeitpunkt der Stadtratsdebatte ja bekannt.
Entschuldigung und Konsequenzen
Am Freitagnachmittag folgte schließlich eine Entschuldigung Reiters. "Ich stehe auch gegenüber der Regierung für volle Transparenz und bedauere, dass ich es versäumt habe, den Stadtrat nicht von Anfang an damit befasst zu haben", sagte der SPD-Politiker nach der Bekanntgabe der Behörde, ein Disziplinarverfahren gegen ihn zu prüfen. "Dafür bitte ich auch die Münchnerinnen und Münchner um Entschuldigung."
Reiter kündigte Folgen für seine Tätigkeit im Verwaltungsbeirat und als frisch eingetragenes Mitglied des Aufsichtsrats beim Fußball-Rekordmeister an: "Bis zur Klärung werde ich mich an keiner Sitzung, Beratung und Entscheidung im Rahmen meiner Funktionen beim FC Bayern beteiligen."
Das N-Wort
Und dann sagte der OB in der Vollversammlung das N-Wort - ganz nebenbei beim Blättern in Unterlagen. "So, wo samma, sagen die ...". Mit dem Begriff "N-Wort" wird heute eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben. Reiter bat daraufhin in einem schriftlichen Statement um Entschuldigung: "Bei der Äußerung handelt es sich um ein Zitat aus einem Stück des Künstlers Fredl Fesl, das mir spontan über die Lippen kam bei der Frage, wo wir uns in der Tagesordnung befinden." Alfred Raimund "Fredl" Fesl (1947-2024) war ein niederbayerischer Musiker, Sänger und Kabarettist.
Was bedeutet das alles für die Wahl am Sonntag?
Umfragen sahen Reiter zuletzt unangefochten vorn bei rund 45 Prozent der Stimmen - und seine Konkurrenten Clemens Baumgärtner von der CSU und Dominik Krause von den Grünen mit je etwa 20 Prozent deutlich dahinter. Offen war, so schien es lange, nur die Frage, gegen wen er in einer möglichen Stichwahl antreten muss - und ob überhaupt.
Jetzt aber herrscht in der Münchner SPD große Verunsicherung, wie aus der Partei zu hören ist. Dass ausgerechnet das Zugpferd in der Landeshauptstadt und das Aushängeschild für ganz Bayern so unter Druck gerate, hat niemand erwartet.
Nach Angaben des Kreisverwaltungsreferates haben rund 374.000 von knapp 1,1 Millionen Wahlberechtigten Briefwahl beantragt. Darum seien die Befürchtungen in der Partei nach Angaben aus Kreisen für den Wahlsonntag noch überschaubar, kritischer sehen die Genossen eine mögliche Stichwahl am 22. März.
Reiters jüngste Verfehlungen, die inzwischen auch zu einem Antrag bei der Regierung von Oberbayern auf ein Disziplinarverfahren gegen den OB geführt haben, könnten hier zu einem echten Problem werden, wenn es ihm nicht gelinge, die Kritik glaubhaft auszuräumen, heißt es bei den Sozialdemokraten.
Das sagt ein Politologe dazu
"Ein Disziplinarverfahren erscheint mir zwingend, so wie es auch bei jedem anderen Kommunalbeamten der Fall wäre", sagt der Politologe und Experte für Kommunalpolitik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, Martin Gross. Er kritisiert das Verhalten Reiters in der Causa FC Bayern und "wie er sich nonchalant über die Kritik hinwegsetzen möchte" scharf, spricht von "Vertrauensverlust".
Er sieht ein bekanntes Muster: "Häufig ist es am Ende weniger die Angelegenheit an sich, über die die Politiker stolpern, sondern eher der dilettantische Umgang damit, bei dem die Faktoren nur scheibchenweise ans Licht kommen."
OB Reiter vermittelte aus Sicht des Politikwissenschaftlers in den vergangenen Wochen den Eindruck, "er schwebe über den Dingen und sei ein wenig von der eigenen Macht berauscht", sagt Gross. "Das ist aber auch nicht unüblich, das beobachten wir durchaus häufiger bei populären und seit langer Zeit regierenden Bürgermeistern."