Marktrodach. Er kann das Immunsystem positiv beeinflussen, wirkt entzündungshemmend, juckreizlindernd und entgiftend, beschleunigt die Wundheilung, bekämpft wirksam Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten, hilft bei Magen-Darm-Beschwerden und Leberproblemen, bei Diabetes und zu hohem Cholesterin. Er ist ein Segen bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Akne, Schuppenflechte oder Rosazea und ist ein hoffnungsvolles Anti-Ageing-Präparat. Er kann Arzneimittelrückstände, Radionukleide und Schwermetalle aus Wasser filtern. Und er kann da Wasser binden, wo es sonst trocken sein soll, z.B. in Windeln. Und das ist längst nicht alles, was der Zunderschwamm drauf hat.

Der Zunderschwamm, lat. Fomes fomentarius, oder auch Zunderpilz, Chirurgenschwamm, Wundschamm, Amadou, Tinder Conk und Ice Man Fungi genannt, ist ein Baumpilz und gehört zur Art der Porlinge. Er wächst auf Laubbäumen, bevorzugt auf Buchen und Birken. Lange Zeit war er im Frankenwald, aufgrund der dort vorherrschenden Fichten-Monokultur nicht mehr zu finden. Seitdem der Bayerische Staatsforst zunehmend auf naturnahe Bewirtschaftung setzt, Laubbäume wieder Einzug halten und auch das ein oder andere Stück Totholz im Wald liegen darf, kehrt der Pilz zurück.

Ralf Bartoniek, 28, und Daniel Gareis, 39, sind zwei exzellent ausgebildete Spezialisten und vielleicht typische Vertreter einer neuen Generation von Unternehmern: ausgestattet mit dem Willen, neue Wege zu gehen, mit viel Liebe zur Natur und Sinn für Nachhaltigkeit, mit Kreativität, Gespür für Zeitgeist und die Bedürfnisse der Menschen - und mit unternehmerischem Esprit. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Pilz und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten wissenschaftlich zu erforschen, entsprechende Präparate bzw. Technologien zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Bartoniek, Betriebswirt aus Berlin, und der Marktrodacher Gareis, Ernährungswissenschaftler und Lebensmitteltechnologe mit jahrelanger Erfahrung in der Pharmaindustrie, haben hierfür, mit Hilfe zweier Investoren, 2015 die Zunderschwamm Naturprodukte GmbH gegründet. Sitz des zu 100 Prozent eigenkapitalisierten Unternehmens ist Marktrodach / Seibelsdorf. Das Startup arbeitet im engen Netzwerk mit Hochschulen und Forschungsinstituten. Und das überaus erfolgreich. Weltweit erstmalig ist es den beiden Jungunternehmern gelungen, das Geheimnis des Zauberpilzes zu lüften. Was den, neben dem Gehalt an Triterpenen (Bitterstoffen) ausmacht, sind vor allem komplexe und damit stabile Zuckerverbindungen, sogenannte Polysaccharide bzw. Beta-Glucane. Und genau dieses spezielle Zunderschwamm-Beta-Glucan ist für die spektakulären Wirkungen auf die Gesundheit verantwortlich. „Wir haben die chemische Struktur des Pilzes aufgelöst. In unseren eigenen Labors sind wir in der Lage, biochemisch den Wirkstoff, das Beta-Glucan, hochrein zu isolieren, und exakt zu definieren. Entsprechend unseres pharmazeutischen Ansatzes können wir genau sagen, welche Konzentrationen für welche Anwendungsbereiche sinnvoll sind“, erläutert Daniel Gareis.

Den Wirkstoff, der den Namen „Bioglucanex“ trägt, lassen Gareis und Bartoniek von deutschen Partnerunternehmen in Nahrungsergänzungsmittel, Hautcremes und Futtermittel einarbeiten. Sie erobern damit nicht nur den europäischen Markt. Sogar in China, wo der Pilz seit Tausenden von Jahren in der Traditionellen Chinesischen Medizin Anwendung findet, vertreiben die beiden findigen Jungunternehmer ihre Produkte. Dass Vitalpilze von Europa nach Asien exportiert werden - und nicht wie üblich anders herum - ist ein Novum und der wissenschaftlichen Arbeit des Unternehmens „Zunderschwamm“ geschuldet. Und die geht kontinuierlich weiter. Ralf Bartoniek: „Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass in höheren Pilzen oder den sogenannten Vitalpilzen ein bisher kaum genutztes Potenzial steckt, das wir für ein besseres Wohlbefinden von Menschen, Tieren und der Umwelt nutzbar machen möchten. Wir werden Bereiche wie Medizin, Agrar- und Umweltwesen erschließen. Für uns ist der Zunderpilz eine Plattform für Innovationen, die unsere Probleme von morgen lösen.“ Im Fokus stehen bei den Unternehmern derzeit die Anwendungsgebiete Wasseraufbereitung, Tierheilmittel, bioaktive Wundauflagen und Heilmittel für die Humanmedizin. „Unser Wirkstoff ist extrem entzündungshemmend - signifikant schon in einer Konzentration von 0.01 Prozent. Er wirkt sogar stärker als Kortison“, so Daniel Gareis.

Das Wissen um die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Pilzes ist gar nicht so neu. Der Mann aus dem Eis, Ötzi, trug den Pilz bei sich, als er vor 5.300 Jahren über die Alpen wanderte. Feuer machten die Ötzis von damals, indem sie Pyrit gegen Feuerstein schlugen und die Funken mit einem Bausch des fasrig trockenen Zunderschwamms auffingen. Der Baumpilz beginnt, wenn er trocken genug ist, sofort zu glimmen. Mehr noch: In einem Beutel aus dem lederartigen Pilz, konnte Glut erstmals transportiert werden. Manche behaupten deshalb, dass die Besiedlung Europas erst durch den Zunderschwamm möglich wurde. Den medizinischen Nutzen des Pilzes wusste auch der große Heiler Hippokrates zu schätzen: Er ließ aus Zunderschwamm sogenannte „Zunderlappen“ herstellen und legte diese auf Wunden. Er beobachtete, dass sich dadurch die Wundheilung beschleunigen ließ und sich Wunden seltener entzündeten. Im Mittelalter war der Zunderschwamm unter dem Namen „Wunderschwamm“ bekannt. Da aber das Hantieren mit Pilzen unter dem Verdacht der „Hexerei“ stand, wurde dies bald tunlichst unterlassen. Mit dem technischen Fortschritt geriet der Pilz weiter in Vergessenheit. Schwefelhölzer verdrängten den Zunder beim Feuermachen; Pharmazie und Medizin fanden industriell herstellbare Arzneimittel, die den Baumpilz ersetzten. Im Frankenwald, in dem vor allem Fichtenmonokulturen angesiedelt wurden, verschwand der Pilz fast völlig.

Bis zu 30 Jahre kann er alt werden, der Zunderschwamm. Gut drei Jahre dauert es, bis ein Fruchtkörper für die Ernte interessant ist. Der Pilz wächst hufförmig bzw. konsolenartig an Baumstämmen und bringt - je nach Alter - bis zu 15 Kilogramm auf die Waage. Von seiner Rückkehr profitiert nicht nur der Mensch. Manche bereits nahezu ausgestorbene Käfer finden sich im Frankenwald wieder; der Schwarzstorch integriert den terrassenartigen Vitalpilz beim Bau seines Nestes und Bienen werden durch die Aufnahme des Pilzmyzels in ihrer Immunabwehr gestärkt. Forscher erhoffen sich sogar, dass mit der Wiederkehr des „Wunderschwamms“ dem zunehmenden Aussterben wilder Bienenvölker Einhalt geboten werden kann.

Daniel Gareis und Ralf Bartoniek wissen um das sensible biologische Gefüge im Wald. „Nachhaltigkeit ist uns ein wichtiges Anliegen. In enger Abstimmung mit dem bayerischen Staatsforst ernten wir nur maximal jeden fünften Pilz - eine verschwindend geringe Menge.“ Auf „Pilzjagd“ gehen die beiden, aus Rücksicht auf die Brutzeit des Schwarzstorchs, nur von September bis März. Die Wiederentdeckung des Zunderschwamms ist eine Win-Win-Situation für alle: für Mensch, Tier und Natur.

Daniel Gareis und Ralf Bartoniek haben sich mit ihrer Zunderschwamm GmbH in der Kategorie „Gründung“ um den Cranach Unternehmerpreis beworben.