Mit dem "Wegweiser Kommune" versucht die Bertelsmann Stiftung in regelmäßigen Abständen, die Bevölkerungsentwicklung für die kommenden 15 Jahre vorherzusagen. Die aktuelle Ausgabe hält einige erschreckende Ergebnisse für den Landkreis Kronach bereit, zeigt in einigen Punkten aber auch, dass der Frankenwald auf dem richtigen Weg ist. Laut der Studie verliert der Landkreis weiter an Einwohnern und überaltert. Die Kommunen müssten einiges tun, um die Entwicklung zu verlangsamen oder umzukehren. Die Integration von Migranten ist für die Bertelsmann Stiftung ein wesentlicher Faktor für die Umkehr des Trends. Die detaillierten Ergebnisse gibt es auf www.wegweiser-kommune.de.

Bei der Bildung die Nase vorn

In Sachen Bildung kann sich Kronach durchaus mit dem Landesdurchschnitt vergleichen. Mit 27,1 Prozent besuchen genau gleich viele Schüler ein Gymnasium wie im Übrigen Freistaat. Allerdings beginnen 14,8 Prozent der Jugendlichen mit Abitur eine Ausbildung, im Landesvergleich sind es nur 8,6 Prozent. Dies könnte daran liegen, dass es im Landkreis keine Hochschuleinrichtung mit grundständigem Studiengang gibt. Junge Menschen, die in der Heimat bleiben wollen, beginnen vielfach wohnortnah eine Ausbildung.
Vorbildlich ist der Landkreis bei der Betreuung von Kleinkindern. 94,5 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen besuchen 2013 eine Kita. In Bayern sind es zum Vergleich nur 92,5 Prozent der Kinder. In Betreuungseinrichtungen für unter Dreijährige, die den ganzen Tag geöffnet haben, sind es im Frankenwald 27,7 Prozent der Kinder, im Freistaat hingegen 31,3 Prozent. Ein Indiz dafür, dass im Landkreis mehr Familien beruflich für die Erziehung der Kleinen zurückstecken. Ob das Angebot von Betreuungsplätzen den Bedarf deckt, geht aus der Studie nicht hervor.
Die Kronacher, die eine Ausbildung beginnen, schließen diese in er Regel auch ab. Mit 77,8 Prozent liegt der Wert derer, die im Frankenwald eine Berufsausbildung mit Abschluss verlassen, deutlich über dem Landesschnitt. Hier sind es nur 74,4 Prozent.

Weniger Einwohner

Die demografische Entwicklung ist und bleibt das größte Sorgenkind. Geburtendefizit und Sterbeüberschuss lassen die Bevölkerung im Landkreis schrumpfen. 12,8 Prozent weniger Kronacher wird es im Jahr 2030 geben. Die Bevölkerung sinkt von 69 080 im Jahr 2012 auf 60 220. Eine Entwicklung, die ganz klar gegen den Trend im gesamten Freistaat läuft. Hier rechnen die Statistiker mit einer Zunahme der Bevölkerung von 3,5 Prozent. Die Gewinner werden aber vor allem die urbanen Ballungsräume wie Nürnberg und München sein, sie müssen mit einem drastischen Anstieg der Bevölkerungszahlen fertig werden. In ganz Bayern ist der Trend deutlich: Der Verlierer ist klar der ländliche Raum. Hier nehmen die Einwohnerzahlen immer weiter ab. Besonders hart trifft es den Bezirk Oberfranken. Kronach gehört neben Kulmbach, Wunsiedel und Hof zu den wenigen Landkreisen in westdeutschen Bundesländern, deren Einwohnerzahl um mehr als zehn Prozent abnehmen wird. Genauso hart trifft es zahlreiche Kommunen in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen.
Eine positive Nachricht gibt es aus der Studie der Bertelsmann aber auch zu vermelden. Die Bilanz von Zuzügen und Wegzügen wird im Jahr 2030 positiv ausfallen. Verlor der Landkreis im Jahr 2012 noch 3,4 Einwohner pro Jahr durch den Überhang von Wegzügen, wird er in der Zukunft 1,5 durch vermehrte Zuzüge hinzugewinnen. Trotzdem wird die Bevölkerung im Landkreis zusehends älter. Das augenblickliche Durchschnittsalter liegt bei 47,6 Jahren, schon in zehn Jahren wird es bei 53 Jahren liegen und im Jahr 2030 ist der Kronacher im Durchschnitt 53,7 Jahre alt. Der Anteil der über 65-Jährigen wird ebenfalls rapide ansteigen: von 22,4 auf 32,4 Prozent.

Soziale Aspekte des Wandels

Auch im sozialen Bereich zeigt sich im Landkreis Kronach ein anderer Trend als im Übrigen Bayern. An diesem Punkt wagt die Bertelsmann Stiftung keinen Blick in die Zukunft. Laut Homepage seien hier die Indikatoren zu wage, denn die konkrete wirtschaftliche Entwicklung eines Landkreises ließe sich nicht im Voraus berechnen. Für das Jahr 2013 wird die Kaufkraft in Kronach mit 44 809 Euro angegeben, in Bayern hat ein durchschnittlicher Haushalt 48 363 Euro zur Verfügung. Knapp die Hälfte der Kronacher verfügt nur über ein statistisch gesehen niedriges Einkommen, genau sind es 46,2 Prozent. Demgegenüber steht ein Anteil von 43,9 Prozent in Bayern. Als niedrig ist das Einkommen immer dann anzusehen, wenn es deutlich unter dem Durchschnitt des Ortes liegt.
Mit 5,8 Prozent liegt der Anteil der arbeitslosen Bevölkerung, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen könnte, im bayernweiten Vergleich nicht sehr hoch, im gesamten Land sind es 5,4 Prozent. Zu bedenken ist jedoch, dass bei dieser Zahl auch andere strukturschwache ländliche Gebiete eingerechnet sind. Im Ballungsraum der Landeshauptstadt München ist im Augenblick von einer statistischen Vollbeschäftigung auszugehen.
Die größte Herausforderung für die Zukunft wird es laut Bertelsmann Stiftung sein, gut ausgebildete Fachkräfte in der Region zu halten. Nur 5,5 Prozent der Beschäftigten im Landkreis sind im Moment als hochqualifiziert anzusehen. In ganz Bayern sind das 12,6 Prozent. Von den 5,5 Prozent mit einer Arbeitsstätte im Frankenwald leben allerdings nicht alle hier, das sind nur 5,3 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 0,2 Prozent der hochqualifizierten Arbeitnehmer in einem anderen Landkreis leben und nach Kronach pendeln.

Finanzielle Probleme

Viele Kommunen im Landkreis fühlen sich stark abgehängt. Ihre wichtigste Einnahmequelle ist die Gewerbesteuer. Diese ist in Bayern äußerst unterschiedlich verteilt. Gemeinden und Städte in den boomenden Regionen in Oberbayern und Mittelfranken locken mit niedrigen Sätzen große Unternehmen an und können sich über hohe Einnahmen freuen. Im Frankenwald finden sich Gemeinden, die fast ohne Einnahmen aus diesen Steuern leben müssen. Nordhalben ist hier ein drastisches Beispiel. Laut Bürgermeister Michael Pöhnlein sind die Einnahmen sehr gering, da es nur wenige Unternehmen am Ort gebe. Der größte Arbeitgeber sei der Genossenschaftsladen, der von einer Gruppe aktiver Bürger gegründet wurde. Einige Gemeinden und Städte im Landkreis Kronach können keinen genehmigungsfähigen Haushalt mehr aufstellen und sind faktisch nicht mehr handlungsfähig. Jede Ausgabe muss mit der Aufsichtsbehörde abgesprochen werden. Genehmigt wird laut Pöhnlein meist nur, was unbedingt notwendig ist. Investitionen in den Auf- und Ausbau der kommunalen Infrastruktur gehören dazu dem Bürgermeister zufolge meist nicht. Dabei müsste in den vom demografischen Wandel betroffenen Orten dringend etwas geschehen. Sie müssen, so ein Fazit der Studie der Bertelsmann Stiftung, attraktiver werden, um wieder junge Menschen anzulocken.

Ausländer integrieren

Im Landkreis Kronach lebten laut Zensus 2011 zu diesem Zeitpunkt 1892 Menschen ohne deutschen Pass. Das entspricht einer Quote von 2,8 Prozent, die deutlich unter dem bayerischen Durchschnitt von 9,6 Prozent liegt. Wie viele Personen eingebürgert wurden, konnte die Bertelsmann Stiftung aufgrund der geringen Fallzahl nicht ermitteln. Wie sich die Situation durch die gegenwärtige Flüchtlingskrise verändern wird, lässt sich nicht sagen. Niemand weiß, wie viele Menschen dauerhaft im Landkreis bleiben werden.
Integriert sind die in Kronach lebenden Migranten, betrachtet man die Zahlen, sehr gut. Ohne Abschluss verließen nur 4,2 Prozent von ihnen die Schule, das liegt nur leicht über dem Durchschnitt im Freistaat, der 3,5 Prozent beträgt. Nur 5,2 Prozent der Zugezogenen besuchen eine Förderschule – eine Zahl die deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 10,1 Prozent liegt. Ein Wehrmutstropfen in der Statistik ist die geringe Zahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die hier ein Abitur machen. Die Zahl ist so gering, dass die Stiftung sie nicht ausweisen kann. Im Freistaat sind es im Durchschnitt elf Prozent der jungen Zuwanderer, die den höchsten Schulabschluss erwerben.
Allerdings scheinen die Familien mit Migrationshintergrund die Betreuungseinrichtungen für Vorschulkinder kaum zu nutzen. Nur 10,9 Prozent der Kinder besuchten einen Kindergarten. Im gesamten Freistaat sind es mit 26,3 Prozent mehr als doppelt so viele.