Kunst und Corona Wie freischaffende Künstler leiden

Designerin und Künstlerin Melina Müller bei der Gestaltung ihres „Osterwunsches“ Foto: /Günther Geiling

Für die Hofheimer Designerin Melina Müller ist Schreiben mehr als nur Mittel zum Zweck. Sie zaubert aus Schriften Gefühle und Kunst. Corona macht ihr aber derzeit einen Strich durch die Rechnung.

Hofheim - Freischaffende Künstler und Solo-Selbstständige leiden derzeit unter der Corona-Krise dramatisch, weil sie bei Förderungen meist auch noch durch alle Raster fallen. Sie müssten Hartz IV beantragen und da regt sich Widerstand, denn sie wollen ja am liebsten arbeiten. Der Grafikdesignerin Melina Müller aus Hofheim sind quasi von einem Tag auf den anderen Kurse und Workshops und damit auch Einnahmen weggebrochen. Mit kreativen Ideen versucht sie sich über Wasser zu halten.

Das Handwerk wurde ihr anscheinend schon in die Wiege gelegt. „Ich war von klein auf auffällig künstlerisch tätig. Eine Lehrerin hat mein Potenzial erkannt und mich von Anfang an unterstützt. So habe ich schon in der Schule in der Aula Wände gestaltet“, erinnerte sie sich. Die Mutter war Goldschmiedin und der Vater Zahntechniker. Sie kam mit ihren Eltern nach Pfaffendorf, weil diese dort im Jahre 1983 einen Reiterhof kauften.

Meisterhaftes Handwerk von der Pike auf gelernt

Nach der Schulzeit war sie ein Jahr lang als Schauwerbegestalterin in England tätig, bevor sie dann den Beruf einer Raumausstatterin erlernte und als Jahrgangsbeste im Regierungsbezirk Oberfranken abschloss. Anschließend erfolgte ihre Ausbildung an der Akademie für Gestaltung und Denkmalpflege in Ebern, die mit einem Meistertitel gekrönt wurde und im Jahre 2002 wurde sie auch noch mit dem Meisterpreis „Gestalterin im Handwerk“ ausgezeichnet.

Danach folgten Berufsjahre im Produktdesign für Kindermöbel oder auch beim Marketingportal „marcapo“ in Ebern, bevor sie sich im Jahre 2005 selbstständig machte und als Grafikdesignerin die Logos für Brillen Künzel, Vera Cruz, die Leseinsel oder für das Friedrich-Rückert-Gymnasium entwarf.

Im Jahre 2008 zog sie nach Königsberg und fand bei einem Kurs im Schüttbau in Rügheim den Weg zur Kalligrafie. Nahezu zehn Jahre lang besuchte sie dann immer wieder Workshops bei internationalen Lehrern wie Dennis Brown und hat die Kalligrafie, „die Kunst des Schönschreibens“, zu einem ihrer Markenzeichen gemacht in einer Zeit, in der Menschen nur noch selten zu Füller oder Feder greifen und durch den täglichen Einsatz von Handy und PC-Tastatur auch schreibfaul würden.

„Einer der klassischen Schriftzüge stammt von Coca-Cola“

„Ich fand aber Schriften schon immer interessant und einer der klassischen Schriftzüge stammt ja von Coca-Cola“, bemerkt Melina Müller dabei. Wer heute schreibe, tue das meistens schnell mit einer Notiz, aber wer schön schreiben wolle, müsse sich darauf einlassen. „Alle, die mit Schrift zu tun haben, ziehen sich gerne etwas zurück. Um die Harmonie nämlich auf die Fläche zu bringen, braucht man erst die innere Harmonie.“

Genau das zeigt sie, wie sie gerade über einem Entwurf für einen schönen Ostergruß an die Hofheimer Bevölkerung konzentriert arbeitet, der die Ostertage über in der Hauptstraße von Hofheim auf einer Fahne mit „Frohe Ostern“ zu sehen ist. „Mir sagen die Leute immer wieder, dass ich Schönheit in die Welt bringe“, freut sich Müller. Das wolle sie auch, denn es gebe gerade jetzt auch so viel Angst und Frust.

Natürlich sei die Kunst des Beschriftens von Werbetafeln Metzgereien oder Wirtshäusern als Kunst etwas verblasst. Anwendungsmöglichkeiten erhält sie doch noch bei der Gestaltung von Urkunden, Plakaten oder Eintragungen in Goldene Buch von Städten. „Aber auch hier ist der letzte Eintrag lange zurück, weil durch das Abstandsgebot auch keine namhaften Politiker mehr empfangen werden.“

Und im Familienbereich erinnert sie an die Gestaltung von schönen Stammbäumen, die früher in Schlössern oder besonderen Familien nie fehlten, an Schriftstücken zur Hofübergabe, an Chroniken oder an Wandbemalungen und sogar Segenssprüchen an den Häusern, über die man sich heute in manchen kleineren Städten noch freuen kann.

Kalligrafie gerne auch politisch genutzt

Über ihr „Faible“ für Schriften kam sie in letzter Zeit auch zur „Asphaltkalligrafie“, wo sie bei der Braumanufactur Weyermann, dem Weltmarktführer für Spezialmalz, auf dem Gelände fluoreszierende Schriften fertigte, die bei Nacht „magische Effekte“ zeigten oder auch mit Beschriften von Archivtüren Biersorten vorstellten. Aber auch für Straßenmalereien bei „Parents4Future“ in Haßfurt sei sie tätig gewesen mit wasserlöslicher Kreide. Eine Besonderheit auf ihrem Werktisch sind sicherlich einige Schnapsflaschen, für die Melina Müller die Etikette mit ihrer Handschrift gestaltet und die unterschiedlichen Obstsorten und Prozente des Brandes festhält.

Inspiriert von historischer italienischer Klöppeltechnik habe sie auch als Beitrag zum Fasching „Carnevale di Venezia“ in Spitzen-Lettering-Optik mit weißem Acryl-Maker auf Leinwand gezaubert und gerade dieses Bild muss man ganz aus der Nähe betrachten und befühlen, um hier nicht einer wirklichen Spitzentechnik auf den Leim zu gehen.

Corona hat alles auf Eis gelegt

Auf der anderen Seite begegnet der aufmerksame Wanderer Tafeln und Stelen im Naturpark Haßberge und auf dem „Burgenwinkel-Weg“, welche durch das Design von Melina Müller entstanden sind. „Ich habe wirklich vieles gemacht, was das Bild vom Landkreis prägt, aber jetzt fehlen die Aufträge und ich darf ja nichts machen, obwohl ich viele Ideen habe“, sagt sie etwas nachdenklich.

Melina Müller verweist darauf, dass ihr in diesem Jahr 26 Kurse abgesagt wurden, bis hin zu Firmen in München, Stuttgart oder Augsburg. „Auch mit Schriften im Raum kann man tolle Sachen machen und lief es vor Corona gut, aber nun ist alles auf Eis gelegt. Dabei habe ich viele Ideen und bin auch offen für Impulse von Institutionen oder Firmen. So hoffe ich, dass bald wieder Kurse, Workshops und persönliches Schaffen möglich sind.“

Um die Künstler und Kulturschaffenden in der Corona-Pandemie zu unterstützen, hat der Landkreis die besondere „Spendenaktion Kulturbeutel“ ins Leben gerufen, bei der eine bedruckte Baumwolltasche für einen Stückpreis von 5 Euro erhältlich ist. Auch sie sei daraus mit einem kleinen Beitrag bedacht worden.

 

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