Coburg – „Zuerst habe ich gedacht, es wäre ein Schneepflug. Gegen 22.15 Uhr war das. Aber dann sind die Schleif- und Quietschgeräusche immer lauter geworden.“ Am Vormittag danach ringt Claus Wollandt immer noch um Fassung. Er wohnt in der Kleinen Rosenau, einer engen Sackgasse im Coburger Weichengereuth. Wie lange es gedauert hat, weiß Wollandt gar nicht mehr so genau. Wahrscheinlich eher Sekunden als Minuten. Als er aus seinem Schlafzimmer an die Grundstückseinfahrt läuft, ist jedenfalls schon alles vorbei. Und von wegen Winterdienst. Auf dem kleinen Wendeplatz vor seinem Haus schaut es aus wie auf einem Autofriedhof.
Dass dort – wie auf der ganzen Route quer durch vier Landkreise – nur Autos geschrottet worden sind, gleicht einem kleinen Wunder. Zurückgelassen hat das Bild der Verwüstung ein Lastwagen-Fahrer, der sich am Dienstagabend eine filmreife Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert hat. Dabei raste der 38-Jährige aus Schleswig-Holstein mit seinem 26-Tonner mehr als 80 Kilometer über Landstraßen und die A 73, rammte mehrere Fahrzeuge und die Leitplanke, verletzte fünf Personen, drängte einen Lastwagen von der Straße ab und fuhr als Geisterfahrer auf die B 4. Schließlich gelang es einem Großaufgebot der Polizei, ihn mit Hilfe eines Hubschraubers bei Untersiemau zu stoppen. Der Sattelzug war mit einem Überseecontainer beladen und sollte Maschinenteile von Österreich nach Hamburg transportieren.
„Kurz nach 21 Uhr ging bei der Einsatzzentrale Mittelfranken die Information über einen unfallflüchtigen, Schlangenlinien fahrenden Sattelzug auf der Autobahn A 73 bei Erlangen ein“, sagt Anne Höfer, Sprecherin beim Polizeipräsidium Oberfranken in Bayreuth. Als die Beamten den Fahrer kontrollieren wollten, habe er sich geweigert anzuhalten und bei Ebensfeld im Landkreis Lichtenfels einen anderen Lastwagen von der Straße gedrängt.
Zu diesem Zeitpunkt hat die Polizei bereits den Geschäftsführer der Spedition in Niedersachsen kontaktiert, die den Sattelzug betreibt. „Ich wurde am Abend angerufen und die Polizei fragte nach der Handynummer des Fahrers“, erzählt Jens Oehlrich am Mittwoch am Telefon noch immer hörbar aufgebracht. Ob die Beamten den Mann erreichen konnten, sei ihm nicht bekannt. Ihm sei mitgeteilt worden, dass einer seiner Wagen in Schlangenlinien unterwegs sei und dabei das Licht immer wieder an- und ausgeschaltet werde. Der Fahrer sei erst seit Montag Mitarbeiter seiner Firma gewesen. „Das war seine erste Tour“.
Zurück zur Flucht seines Fahrers. Der setzt seine Fahrt bei Ebensfeld fort, ohne sich um den von der Fahrbahn gedrängten anderen Lastwagen zu kümmern. Mehrere Polizeifahrzeuge folgen ihm ins Stadtgebiet Coburg, wo sich der 38-Jährige mit seinem Gespann in der Kleinen Rosenau festfährt.
Als er realisiert, dass seine Amokfahrt in dem Coburger Wohngebiet vorzeitig enden könnte, dreht er das 26-Tonnen-Gespann auf dem Wendeplatz ohne Rücksicht auf Verluste. Platz schafft er sich, indem er ein fast neues BMW-Coupé der 4er-Reihe kurzerhand in eine Hecke dahinter drückt. Gesehen hat das Claus Wollandt, der Anwohner, der zunächst an einen Schneepflug geglaubt hatte, nicht. Dafür umso mehr gehört. Die ganze Siedlung ist inzwischen vom Blaulicht hell erleuchtet. Die Polizei versucht, das waghalsige Wendemanöver zu stoppen und versperrt dem Fahrer mit zwei Streifenwagen den Weg. Einer ist noch besetzt, als sich der Amokfahrer freie Bahn verschafft und mit seinem Gespann die Einsatzfahrzeuge rammt und erheblich beschädigt.
„Ich habe die Polizisten wild durcheinander rufen hören“, erzählt Claus Wollandt. Die Beamten im Fahrzeug hätten sich nur kurz vor dem Zusammenprall noch aus dem Fahrzeug retten können. Wollandt schüttelt den Kopf und ist fassungslos. „Etwas Ähnliches habe ich wirklich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt.“
Auf seinem Rückweg von der Siedlung in Richtung B 4 kommt das Gespann auch am Haus von Werner Schökl vorbei. Er wird ebenfalls von den lauten Geräuschen geweckt. „Das war ein unglaublich schnelles, rücksichtsloses Wendemanöver“, sagt er. Und er weiß, wovon er spricht. Werner Schökl war selbst einmal Fernfahrer. Man müsse normalerweise sehr präzise fahren, um auf dem kleinen Platz zu wenden. Das brauche Zeit. „Das geht nur, wenn dort kein anderes Auto steht.“ Schökl, der das gleiche Modell wie der Amokfahrer auf deutschen Straßen bewegt hat, ist den schmalen Weg immer nur ohne Auflieger hochgefahren. Auch an der Einmündung der B 4 macht der Flüchtige keinen Halt vor einem parkenden Polizeiwagen. Schökl beobachtet, wie das Gespann das Einsatzauto rammt, als ein Beamter aus dem Wagen steigt: „Der Polizist wurde durch den Aufprall in das Gebüsch vor dem Bahndamm geschleudert.“ Anschließend hilft ihm ein Anwohner wieder auf die Beine. Kurz darauf trifft ein Krankenwagen am Einsatzort ein.
Der 38-Jährige setzt derweil seine Flucht auf der B 4 in den Landkreis Haßberge fort, wo er durch seine Fahrt in Schlangenlinien weitere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringt. In Maroldsweisach steuert er seinen Lastwagen offenbar absichtlich gegen ein stehendes Auto auf der Gegenfahrbahn. Dessen Fahrer wird glücklicherweise nur leicht verletzt. Zurück geht es über die B 303 in den Landkreis Coburg. Bei Tambach prallt der Lkw gegen eine Leitplanke, anschließend fährt das Gespann ohne Beleuchtung weiter. Bei der Einmündung der B 303 auf die B 4 vor Coburg nimmt der 38-Jährige die falsche Auffahrt und begibt sich als Geisterfahrer Richtung Untersiemau.
Dort gelingt es der Besatzung eines Polizeihubschraubers, den Fahrer mit einem gezielten Einsatz des Scheinwerfers zu blenden und damit zum Anhalten zu zwingen. Sofort sind die Beamten am Führerhaus, schlagen die Scheibe der Beifahrerseite ein und gelangen so ins Innere. Sie bringen den Fahrer ins Freie und nehmen ihn sofort fest.
„Er sitzt mittlerweile wegen versuchten Mordes in vier Fällen in Untersuchungshaft“, betont Polizeisprecherin Anne Höfer. Eine derartige Verfolgungsjagd mit der Gefährdung von Menschenleben und einem beträchtlichen Sachschaden im sechsstelligen Bereich sei auch für die Polizeibeamten ein Ausnahmefall. „Wiederholt missachtete der Mann sämtliche Anhaltesignale und die Maßnahmen der Polizeifahrzeuge“, sagt Anne Höfer. Dass ein Terrorist den Lkw in seine Gewalt gebracht haben könnte, sei für die Beamten kein Thema gewesen. Schließlich sei es in erster Linie darum gegangen, dass sich der Fahrer der Kontrolle verweigert habe.
Nach bisherigen Erkenntnissen stand der Fahrer unter dem Einfluss von Drogen. Bei seiner Flucht verletzte er laut dem derzeitigen Ermittlungsstand fünf Menschen und beschädigte mehrere Fahrzeuge. Die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Coburg haben die Ermittlungen aufgenommen.
Fahrzeugführer, die der Lkw-Fahrer gefährdet hat, werden gebeten, sich mit der Kriminalpolizei Coburg in Verbindung zu setzen unter: 09561/6450