Makalali - Wütendes Löwengebrüll dringt aus dem Dickicht. Obwohl die Bäume und Büsche im Winter nahezu laubfrei sind, sind die Tiere nicht auszumachen. Plötzlich hetzt Andrew aus dem Busch, laut schreiend. Der Ranger ist nur mit einem großen Stein bewaffnet. Schleudert ihn in die Richtung, aus der das Brüllen der Löwen dröhnt. In den beiden großen, offenen Jeeps jenseits der Büsche blickt mit weit aufgerissenen Augen ein Dutzend Volontäre auf die Szenerie, die ziemlich bedrohlich wirkt. Alle hämmern laut kreischend an die blechernen Außenwände der Fahrzeuge. Das verschreckt die Löwen. Sie kehren zurück zu ihren gerademal acht Wochen alten Babys und zu ihrer Beute. Zwei wichtige Dinge, die die Muttertiere eisern verteidigen. Andrew steht der Schweiß auf der Stirn. An den Umgang mit wilden Tieren gewöhnt, ist es diesmal doch ziemlich knapp. Zwei Löwinnen sind ihm so dicht auf den Fersen, dass er gerade noch fliehen kann. Als er am Jeep sein Gewehr aus der Hülle reißt, wäre es zu spät gewesen, wenn die flinken Katzen nicht kehrt gemacht hätten. Geschossen auf ein Tier hat Andrew allerdings noch nicht. Bestenfalls mit dem Betäubungspfeil. Die Bewaffnung ist für den äußersten Ernstfall. Der Ranger weiß selbst, dass er heute vielleicht ein bisschen zu weit gegangen ist. Aber es demonstriert allen Volontären, dass wir uns strikt an die Anweisung halten müssen, das Vehikel nicht zu verlassen oder aufzustehen, um ein besseres Foto zu ergattern. Somit würden die Raubkatzen ein Individuum ausmachen und hätten eine Angriffsfläche. Ansonsten stehe ich den riesigen Löwen momentan fast täglich gegenüber. Uns trennt nur das Seitenblech des offenen Jeeps.

Nashörner unter besonderem Schutz

Seit über einer Woche bin ich mittendrin im südafrikanischen Busch. In Makalali. Zum Arbeiten als Volontärin in "Siyafunda" - Wildlife and Conservation", eine Institution, die es seit 2004 gibt. In dem riesigen, 25.000 Hektar großen Areal, das von mächtigen Elektrozäunen von der Zivilisation abgetrennt ist, sorgen die Ranger dafür, dass die Wildtiere geschützt sind, dass niemand den so gefährdeten weißen und schwarzen Nashörnern auf die Pelle rückt. Aus diesem Grund wird es vom Rhinozeros keinerlei Fotos geben. Das ist die einzige Anweisung. Denn Wilderer sind den ein bis zwei Tonnen schweren Dickhäutern wegen ihres begehrten Horns auf den Fersen. Dazu aber in einem gesonderten Bericht. Keiner von uns Volontären, die wir für ein paar Wochen auf Tuchfühlung mit den wilden Tieren leben, möchte, dass eines der Lebewesen durch Unachtsamkeit zu Tode kommt. Und somit halten wir uns strikt an die Anweisung. Für meine private Sammlung allerdings habe ich wundervolle Fotos mit Nashörnern, die gerademal fünf Meter vom Jeep entfernt stehen. Es sind lediglich die Black Rhinos - die Spitzmaul-Nashörner -, die gern einmal ein Fahrzeug attackieren, wie Emma sagt. Sie können ziemlich aggressiv werden.

Am Fuße der gigantischen Drakensberge

Zwei Wochen in der Wildnis liegen jetzt hinter mir und Leo. Mein plüschener Begleiter ist nun da, wo seine schwarz-weiß-gestreiften Brüder und Schwestern beheimatet sind. Und tatsächlich begegnen wir den Zebras im südafrikanischen Bus fern der Zivilisation auf Schritt und Tritt. Die nächtlichen Geräusche reichen vom lauten Trompeten der Elefanten und dem warnenden, knurrenden Antworten der Löwen bis zum Heulen der Hyänen und den Lauten vieler anderer Tiere. Mit dem Bus wären es 17 Stunden gewesen, die die Fahrt von Kapstadt ins nördlich gelegene Hoedspruit (afrikaans für "Hutfluss") gedauert hätte. Da ziehe ich bequemerweise einen Flug vor, der mich in gut zweieinhalb Stunden in den Norden des Landes befördert. Hoedspruit ist eine kleine südafrikanische Stadt auf 533 Metern Höhe am Fuße der gigantischen Drakensberge in der Provinz Limpopo. Der Ort ist in den vergangenen Jahren wegen seiner Nähe zu einigen privaten Wildreservaten östlich des Krüger-Nationalparks beständig gewachsen. Siyafunda ist eines jener privater Wildreservate in Makalali. Und hier werde ich insgesamt vier Wochen verbringen. Zusammen mit anderen Volontären aus aller Welt - von Australien über Schweden bis hin nach England und den USA. Daher ist Deutsch reden strikt verboten, auch wenn einige Deutsche gerade im Camp sind. Englisch lautet die Anweisung. Jeder soll jeden verstehen. Hoedspruit verfügt über einen Militärflugplatz, auf dem aber auch zivile Luftfahrt zugelassen ist und weshalb ich bis hierher fliegen kann. Während der Betriebszeit des Space Shuttle war dies ein möglicher Notlandeplatz im Falle einer außerplanmäßigen Landung.

Überpünktlich lande ich im Busch. Von oben sieht alles ziemlich wüst und trocken aus. Beim Aussteigen aus der kleinen Maschine nicht minder. Andrew, einer der Ranger, holt mich ab. Es ist Montag. Montag ist in den nächsten Wochen immer Bring- und Abholtag der Volontäre. Entweder müssen sie zum Flugplatz oder zur Busstation, um nach Johannesburg zu fahren, von wo aus die meisten heimfliegen oder ihre Reise fortsetzen. Es ist auch der große Einkaufstag. Denn im Busch gibt es nichts. Keinen Laden, keine Möglichkeit, etwas zu kaufen. Also gleich einmal eindecken mit Dingen des persönlichen Bedarfs: Wein, Cider und Bier. Und natürlich Süßigkeiten und einige Medikamente, denn seit meiner Ankunft leide ich unter einer ziemlich üblen Erkältung, die sich über die ganze erste Woche erstreckt. Unser Minibus, in dem alle weiteren Volontäre sitzen, mit denen ich die nächste Zeit verbringe, ist voll mit Dingen, die es sonst nicht gibt auf der Farm: Eben Bier, Wein und Naschereien. Denn zuweilen geht es abends feuchtfröhlich zu, ehe alle schon früh in die Federn oder Schlafsäcke auf dem Outlook sinken. Bald endet die Asphaltstraße, geht es neun Kilometer weit in den Busch nach Makalali, wie das Schild am Rande der blätterlosen, stacheligen Bäume und Büsche ausweist. Gut eine Stunde von Hoedspruit entfernt liegt die Farm. Zwei mächtige versperrte Tore müssen passiert werden, mit Hochstrom gesichert, damit Wildtiere nicht raus und Wilderer nicht rein können. Dann geht es noch einmal gut 20 Minuten über absolut holprige Wege, die mich die kommenden vier Wochen täglich stundenlang im Jeep durchschütteln werden. Und dann sind wir endlich da. Mittendrin im Nirgendwo. Mein neues Zuhause im südafrikanischen Busch.

Wichtiger Beitrag zum Schutz der Wildtiere

"Siyafunda - Wildlife and Conservation" widmet sich vor allem der Volontärs-Arbeit. "To Learn and To Teach” heißt "Siyafunda" aus der Sprache der Zulu übersetzt. Zu lernen und zu lehren. Denn was die Volontäre hier lernen, soll auch transportiert werden nach außen. Es ist eine wichtige Aufgabe, die die vornehmlich jungen Menschen - ich bin hier eher ein Dinosaurier - leisten, um den Rangern in dem riesigen Areal bei ihrer Arbeit zu helfen, die Population der Tiere im Griff zu behalten und die bedrohten Tiere vor dem Aussterben zu bewahren und sie vor Wilderern zu schützen. Bei ihrer täglichen Arbeit gewinnen die Volontäre ein größeres Verständnis für die Wildtiere, um den Rangern als Assistenten zur Hand zu gehen. Unsere wichtigste Aufgabe ist das Sammeln von Daten, von frühmorgens um sechs Uhr bis abends gegen sieben. Dazwischen haben wir mal zwei, mal fünf Stunden Pause. Das kommt auf die Begegnung mit den Tieren an und wie lange wir sie im Auge behalten. "Wir brauchen die Daten heute, um für die nächsten zwei bis drei Jahre planen zu können", erklärt Ranger Andrew. Denn nur so könne ein ausgewogenes Verhältnis hergestellt werden. Das erklärt zudem die internen wie externen Elektrozäune, die nicht nur Wilderer stoppen sollen.

So gibt es im Schutzgebiet Makalali das weltweit älteste Projekt mit der größten Erfahrung in Sachen Empfängnisverhütung bei Elefanten. "Wir haben momentan 70 Elefanten", erläutert Andrew das Projekt, das im Jahr 2000 im 45 Kilometer entfernten Krüger-Nationalpark gestartet worden und dann auf Makalali übertragen worden ist. Auf 25.000 Hektar ist so ein Projekt überschaubarer denn auf der Fläche von 2,5 Millionen Hektar, die der weltberühmte Krüger-Park zählt. Doch wie funktioniert Empfängnisverhütung bei den mächtigen Dickhäutern? Andrew klärt die Volontäre auf. "Mit einem Pfeil, in dem das Serum sitzt, werden die Elefantendamen nach ihrem ersten Baby ,beschossen'. Das PZP (porcine zona pellucida) sorgt für eine Empfängnisverhütung über etwa zwei Jahre." Dann müssten die Tiere erneut geschützt werden, so die Population es erfordert, informiert der Ranger. Elefanten werden 50 bis 60 Jahre alt, "und sie sterben, wenn sie ihren letzten Zahn verlieren", fährt er fort. Um alles im Gleichgewicht zu halten, würden die Elefanten in Makalali strengstens überwacht. PZP habe keinerlei Nebenwirkungen.

Feuerholz sammeln und Daten erfassen

Ich gehöre in der ersten Woche "Team 1" an und bin neben dem Erfassen von Daten über Hyänen und Leoparden - nicht sehr anstrengend, weil die sich selten oder gar nicht blicken lassen - für das Sammeln von Feuerholz zuständig. Sonst gäbe es abends kein Lagerfeuer für das Dutzend Volontäre und die Ranger, mit denen wir zusammen auf einer Farm leben, wo wir uns selbst versorgen. Als die erste halbwüchsige Giraffe bei unserer ersten Tour ihren langen Hals aus dem Gebüsch streckt, gerate ich nahezu aus dem Häuschen. Alle anderen nehmen kaum Notiz von ihr, zücken nicht einmal mehr ihren Fotoapparat. Gut, sie sind seit drei Wochen hier. Einen Tag und etliche Giraffen später bin ich weit abgeklärter, die Woche darauf lasse auch ich meist die Kamera stecken, es sei denn, etwas Spektakuläres bietet sich in der südafrikanischen Tierwelt. Der erste Tag hat schon so viel zu bieten, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als dass Chap dies mit mir erleben könnte. Mein geliebter Mann wäre ebenso begeistert - nein, noch mehr als ich. Denn Tiere konnte er stundenlang beobachten und darüber oft herzlich lachen, jede kleine Eigenart spaßig interpretieren. Dies alles gemeinsam mit ihm zu erleben, wäre nicht mit Gold aufzuwiegen. In der Einsamkeit der weiten Wildnis habe ich wieder einmal viel Zeit, über alles nachzudenken. Und seit Langem rollen während der endlos rumpeligen Fahrten mit dem offenen Jeep wieder häufiger die Tränen über meine Wangen, wenn ich die Schönheiten dieser südafrikanischen Wildheit inhaliere. Wer erzählt, die Zeit heile alle Wunden, irrt.

Sieben Zebras tauchen auf im atemberaubenden Morgenrot, 15 Antilopen springen scheu vor dem Jeep aus dem Gebüsch, um im gegenüberliegenden wieder abzutauchen. Was nicht ganz gelingt, zumal der Winter die Bäume leergefegt hat und uns grandiose Einblicke in die sonstigen Verstecke schenkt. Jeder ist für irgendein Tier zuständig. Taucht eines auf, stoppt der Jeep. Dann werden die GPS-Daten abgerufen, um genau festzuhalten, wo das entsprechende Individuum gerade unterwegs ist. Männlich oder weiblich, welches Verhalten, Uhrzeit und Anzahl - all das wird akribisch festgehalten und abends in den Computer eingegeben, damit die Ranger jederzeit Zugriff auf alles haben. Am Straßenrand - Straße ist zuviel gesagt, zumal es sich hier nur um äußerst holprige Staubpisten handelt - entdeckt Rangerin Emma frischen Nashorn-Kot. Wer will, darf den Finger in die warme Hinterlassenschaft stecken. Es ist nichts weiter als Gras, das das Breitmaul-Nashorn - das White Rhino - hinten wieder herausgelassen hat, also nichts Ekliges. Und wenn man die Nase reinsteckt, ist es auch nicht unangenehm. Es riecht nach frischem Heu.

Immer den Gewehren hinterdrein

Wir sind gerade zu Fuß unterwegs. Immer Emma hinterher und Mike. Mike gehört ein riesiges Areal hier in Makalali, er ist quasi der Chef der Farm. Beide bilden mit scharf geladenen Gewehren die Spitze, wähend sechs Volontäre im Gänsemarsch im Abstand einer Armlänge hinterdrein marschieren. Wir müssen auf jedes Handzeichen reagieren. Ansonsten könnte es lebensgefährlich werden. Die Gewehre haben sie bislang nie eingesetzt, wie Emma sagt. Aber zur Not müsste es sein, um die Menschen zu schützen, sollte ein Tier wirklich einmal außer Kontrolle geraten. Tatsächlich: Die warme Nashorn-Scheiße weist uns den Weg zu den streng unter Schutz stehenden Dickhäutern. Gerademal hundert Meter weit weg stehen drei weiße Nashörner. "Sie können uns nicht riechen", versichert Emma, während wir mit fast angehaltender Luft hinter den Dornenbüschen verharren. Mit dem Feuerzeug zeigt sie, dass der Wind in die andere Richtung weht. Wie viele Rhinozerosse es in Makalali gibt, ist ein ebenso streng gehütetes Geheimnis wie Fotos von den Tieren. Doch das ist eine eigene Geschichte.

Im ausgetrockneten Flussbett zupfen 13 Elefanten genüsslich die Äste von den Marula-Bäumen. Die Blätter werden erst in den kommenden Wochen wachsen. Momentan verabschiedet sich der Winter allmählich im südafrikanischen Busch. Der Marula-Baum wird auch „Elefantenbaum“ genannt, weil die duftenden und häufig schon gärenden Früchte des Baumes gerne von Elefanten gefressen werden. Ich werde während meiner Auszeit im Busch jedoch nicht mehr in den Genuss kommen, dies zu erleben. Vielleicht aber erlebe ich die Blütezeit der Bäume noch. Äußerst interessant ist das Ringen zweier Elefantendamen zu erleben, die nahe unseres Jeeps einen zähen Kampf ausfechten und sich nichts schenken.
Mit Löwen-Expertin Dom auf der "Jagd"

Täglich sind wir auf der "Jagd" nach den Löwinnen und ihren Jungen, die wir gleich am ersten Tag mehr als aktiv erlebt haben. Mit Dominique haben wir eine 23-jährige Löwen-Expertin unter den Volontären. Die hübsche Studentin aus Sydney in Australien bleibt neun Wochen in Makalali, um das Verhalten der Raubkatzen zu studieren und zu dokumentieren. Daher sind wir stets mit zwei großen Jeeps auf Tour, in denen bis zu zehn Leute Platz finden. Leider sitze ich ausgerechnet im faschen Jeep, als Dom - so nennt sie sich in aller Kürze - auf die Löwinnen und ihre fünf nicht einmal acht Wochen alten Babys stößt. Nur fünf Meter vom Vehikel entfernt, erleben die Volontäre eine einmalige Fress-Show, nachdem die Muttertiere ein Kudu gerissen haben. Dom stellt mir dankenswerterweise ihre genialen Fotos zur Verfügung. Ich hoffe sehr, die Jungen während meiner Zeit im Busch noch erleben zu können. Immer wieder stoßen wir auf Löwen, die sich müde auf irgendwelchen Felsen niederlassen - doch die Kleinen sind schwer auszumachen. Wenn wir wirklich auf die Löwinnen stoßen, so sind die Jungen meist hinter dichtem Gebüsch oder Felsen versteckt.

Während die Ranger die Population der Löwen tunlichst genau unter die Lupe nehmen und sehr gespannt darauf aus sind, welches Geschlecht die fünf Jungen haben, ist das bei den Hyänen nicht notwendig. Die erlebe ich mehrmals nachts, deren Geräusche sowieso, aber tagsüber nicht. Es gibt die getupfte und die braune Hyäne. Letztere habe ich auch noch nicht gesehen. "Wir haben um die 45 getupfte und zwischen zwölf und 20 braune Hyänen", erzählt Andrew. "Die Population brauchen wir nicht zu überprüfen, das übernehmen die Löwen für uns." Quasi die natürliche Auslese. Anders verhält es sich mit den Büffeln, von denen es momentan 24 gibt, die sich in einem abgeschlossenen riesigen Revier vermehren dürfen. Es sind mit die wertvollsten Tiere in Makalali, muss immerhin eine halbe Million Rand (über 32.000 Euro) auf den Tisch gelegt werden für eines von ihnen. Sobald sich die Tiere so stark vermehrt haben, dass die Zahl 50 erreicht ist, sollen auch die Büffel in dem 25.000 Hektar großen Areal integriert werden. "Momentan ist es noch zu früh, da würden die Löwen die Herde zu schnell dezimieren", erläutert Andrew.

80 Kameras zur Tierbeobachtung

Auch wenn wir häufig Leopardenspuren verfolgen, so bleibt das scheue Tier für uns doch unsichtbar. Aus diesem Grund installieren wir in Makalali zusammen mit der Institution "Panthera" 80 Kameras, mit deren Hilfe die Tiere verfolgt werden können. "Jede Kamera kostet 200 Dollar", sagt Ross, mit dem wir zu fünft - zwei Ranger und drei Volontäre - unterwegs sind, um sämtliche Kameras mit dem bösartigen, dornigen Gestrüpp abzuschirmen. Acacia heißen die Büsche und Bäume, deren lange Äste wir mit der Machete abschlagen. Entsprechend zerkratzt sind Hände und Beine. Jede Woche müssen die Kameras kontrolliert, die Fotos ausgewertet werden. "Die Tiere spielen schon mal gern mit den Kameras, vor allem die Paviane untersuchen sie interessiert", sagt Ross. Daher gibt es immer wieder mal witzige Schnappschüsse mit lustigen Tiergesichtern. "Dank dieser Kameras habe ich den bislang größten Leoparden gesehen", fährt Ross fort. "Und das war hier in Makalali." Der Leopard ist Mitglied der berühmten "Big Five" - das sind Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard - und für mich ein großes Bedürfnis, ihm zu begegnen. Er wäre nämlich das letzte Glied in der Big-Five-Kette hier in Makalali. Alle zehn Tage müssen die Batterien der 80 Kameras im Busch ausgetauscht werden. Es steckt also jede Menge Arbeit hinter diesem Beobachtungs-Projekt.

Tierbeobachtung ist die oberste Aufgabe von Siyafunda in Makalali. Täglich gilt es, ein anderes Tier zu zählen, jeden Freitag sind eine Stunde lang alle Tiere entlang unserer Route durch den Busch an der Reihe. Jedes Tier ein Stopp. Peinlichst genau wird alles notiert. Wir haben alles an Bord in der Black Box, in der sich neben dem GPS auch spezifische Bücher über die Tiere und sämtliche Listen finden, in denen wir alles festhalten. Ob Antilope, Gnu, Geier, Zebra, Elefant oder Giraffe. Ebenso schwer zu sichten wie der Leopard ist der Gepard. Auch er hat sich bislang noch nicht vor unserer Linse blicken lassen. Wir geben die Hoffnung nicht auf und fahnden mit Argusaugen nach dem scheuen Tier, das in den Weiten Makalalis seine Beute jagt. Zu meinen Lieblingsvögeln - "wir haben hier 220 verschiedene, im Sommer bis zu 300 Vögel", sagt Andrew - zählt der Lilac Breasted Roller. Ein Vogel, dessen knalliges Türkisblau bei ausgebreiteten Flügeln einen ehrfürchtig die Wunder der Natur vor Augen führt. Auch die Hornbills, die mit lautem Gekreische durch die Lüfte schweben, sind herrliche Vögel mit ihren grellgelben, riesigen, gebogenen Schnäbeln. Sie legen stets zwei Eier im Abstand von vier Tagen. Und wie Andrew erzählt, beißt das größere Junge in der Regel das kleinere tot. Deshalb gibt es in Makalali auch das Mabula Ground Hornbill Project. Nach 45 Tagen nehmen die Ranger ein Ei aus dem Nest, um es nach Johannesburg fliegen zu lassen. Dort wird das Ei bis zum Schluss ausgebrütet. "Und wir haben eine große Chance, dass zwei junge Vögel überleben."

Mit Macheten durchs Dickicht

Doch nicht nur den Tieren selbst, auch deren Lebensraum gilt der Fokus der Ranger in Makalali. So müssen Aliens regelmäßig ausgemistet werden. Wilde Pflanzen, die hier nichtsverloren haben, werden vernichtet. Oder Flussbetten von Müll gereinigt. Wir dürfen nicht einmal eine Bananenschale oder einen Apfelgrips in die Wildnis werfen, auch wenn es organischer Müll ist. "Das wächst hier nicht, das hat hier nichts verloren", stellt Emma klar. Einmal in der Woche steht Busch-Reinigung auf dem Programm. Ausgerüstet mit Handschuhen, Stiefeln - die sind immer ein Muss in dem unwegsamen Gelände - und Macheten machen wir uns an die Arbeit, eine Trasse entlang der Strommasten freizuschlagen. Das Wasser läuft in Strömen. Vor der Motorhaube unseres Jeeps baut sich gerade äußerst interessiert eine Elefantendame auf. "Don't touch my car", schimpft Emma mehr liebevoll als böse mit dem riesigen Dickhäuter. Der versucht noch zweimal mit dem Rüssel Kontakt zu uns und dem Blech aufzunehmen, ehe er ablässt und von dannen zieht. "Sie ist 18 und im Teenageralter", weiß Emma genau, mit wem sie es zu tun hat. "Da testet man halt die Grenzen aus", grinst die erfahrene, erst 23-jährige Rangerin aus England, die es nach Südafrika verschlagen hat. Gleich in der Nähe lässt sich ein Giant Kingfisher auf einem Ast nieder. "Das ist der größte, den es in Afrika gibt", erklärt Andrew. Die Wunder der Natur sind hier schier unerschöpflich.

Riesiges Elefanten-Treffen

Ein riesiges Spektakel erleben wir, als wir mittags eine Pause in der Farm einlegen wollen. Ein Elefant nach dem andern marschiert auf Twines, unser Zuhause, zu. Gleich neben unserem Haus ist ein riesiges Regenwasserbecken, das randvoll ist. Bei über 34 Grad streben die Tiere gierig dem Wasserspeicher entgegen. Ein gigantisches Erlebnis. Wir zählen insgesamt 42 Elefanten aus vier verschiedenen Herden. Fünf gibt es insgesamt in Makalali. Die Riesen können bis zu 700 Kilogramm täglich fressen.
Doch nicht immer steht Arbeiten auf dem Programm. Wir haben auch mal Freizeit, zwar nicht letzten Sonntag, wo wir acht Stunden lang Kameras in der Wildnis installieren. Dafür am Sonntag zuvor, wo wir im Blyde Canyon Swadini vor der atemberaubenden Kulisse der Drakensberge auf Tour und einige von uns unterm eiskalten Wasserfall baden gehen. Ich verzichte auf den etwa 16 Grad kühlen Spaß. Den haben wir stattdessen abends, wo wir allesamt mit dem Minibus in eine Busch-Kneipe kutschiert werden, die von Einheimischen - da Wochenende - äußerst gut besucht ist. Den Mint-Schnaps mit Amarula-Schaum hätte es wirklich nicht gebraucht - meint zumindest mein Kopf am nächsten Morgen.

Besonders ruppig sind unsere Fahrten, wenn wir mit Toko unterwegs sind. Der Ranger gehört dem Stamme der Zulu an und lebt im Busch-Camp, also wirklich mitten in der Wildnis. Toko rumpelt mit dem Jeep gnadenlos ins Dickicht, so dass wir uns nur durch beherzte Duck-Aktionen vor den dornigen Büschen und Bäumen schützen können. Aber immerhin kommen wir den Löwen so doch in fast greifbare Nähe.

Im Schlafsack unterm Sternenhimmel

Ein ganz besonderes Erlebnis ist eine Nacht unter dem traumhaften Sternenhimmel, als der Vollmond gerade noch hell auf uns herabscheint. Zusammen mit der deutschen Studentin Miriam und der französischen Ingenieurin Caroline richte ich mir mein Nachtlager auf dem etwa dreieinhalb Meter hohen Deck auf dem Gelände unserer Farm ein und verzichte auf mein Bett im Zimmer, das ich mit Dom teile. Eine steile hölzerne Leiter führt nach oben auf die Plattform, von der aus wir die Tiere beobachten können. Doch weder Elefant noch Löwe lassen sich in dieser herrlichen Nacht blicken. Der Gang zur Toilette - strengstens verboten angesichts der nachts umherstreifenden Wildtiere - ist ziemlich abenteuerlich. Dass die Blase ausgerechnet dann schlapp macht, wenn man es am allerwenigstens braucht, ist ja wohl klar. Also Lage mit der Stirnlampe checken, dann eiligst die Leiter hinabsteigen und das Geschäft unterm Deck so schnell wie möglich verrichten, um schleunigst wieder nach oben zu klettern. Zweimal bringe ich dieses Abenteuer hinter mich, ehe ich den Rest der Nacht im Schlafsack schlummere, während unter uns irgendein Tier hindurch rast und zwei Hyänen die Gegend durchstreifen.

Gut, dass wir diese Nacht genutzt haben, denn die Quecksilbersäule sinkt tags darauf um 20 Grad, und es ist wahrhaft kein Spaß, stundenlang nass im offenen Jeep durch den Busch zu schaukeln, um Tiere zu beobachten. Denn die lassen sich vorsichtshalber gar nicht erst blicken und suchen Schutz. Während der Kälte haben wir noch ein weiteres Problem: Die Solaranlage quittiert ihren Dienst. Und durchfroren, wie wir nach den viel zu heißen Wintertagen mit über 30 Grad sind, hat keiner Lust, eine kalte Dusche zu nehmen. So fahren wir nach zwei Tagen ohne in eine benachbarte Lodge, um dort das heiße Wasser genießen zu können. Inzwischen läuft das Wasser wieder - als Schweiß unsere Körper hinab.

Jetzt geht es noch tierischer zu: Denn für eine Woche fahren wir mit Toko ins Busch-Camp. Ohne Strom und Internet. Leo und ich werden sieben Tage lang im Zelt übernachten, noch näher dran an den wilden Tieren als bisher.