Die Prager Botschaft ist für sie und ihren Freund die Chance, ihrem bisherigen Leben den Rücken zu kehren. Auf der Fahrt im Flüchtlingszug hat sie ein aufwühlendes Erlebnis: "Wir fuhren durch Reichenbach im Vogtland, meine Heimatstadt. Das Haus meiner Eltern lag direkt an der Bahnstrecke." An den Gleisen sieht sie ihren Vater stehen, ganz allein. "Er wollte sich von mir verabschieden." Im Haus sieht Beckmann ihre Mutter am Fenster, links und rechts neben ihr die Geschwister. Sie winken. "Ich dachte: Oh Gott, wann sehe ich die bloß wieder? Es war ein so unglaublich trauriger Moment." Bei einem entfernten Verwandten in Bremen kommt Manuela Beckmann unter, findet Arbeit bei einem Großhandel, der Freund bekommt einen Job bei Mercedes-Benz. Trotzdem: Der Westen, er ist nicht das Paradies. "Mir war klar: Ein schönes Leben muss man sich erarbeiten." Der Freund fühlt sich in Norddeutschland nicht wohl, das Paar zieht nach Nürnberg, näher an die Heimat. Die Grenze ist ja inzwischen offen. Doch auch das ist dem jungen Mann nicht nah genug. Er will zurück ins Vogtland, Manuela Beckmann entscheidet sich für Franken. "Er war eine große Liebe. Aber ich war selbstbewusst genug, um zu sagen: Ich bleibe. Also trennten wir uns." Heute wohnt die 43-Jährige in Eckental bei Erlangen, arbeitet in einem kleinen Zeitungsverlag, hat eine Familie - auch ihr Mann stammt aus Ostdeutschland - und einen einander treu verbundenen Freundeskreis, "eine Nachbarschaft, wie wir sie aus dem Osten kannten". Ihre Eltern und Geschwister, denen sie vor 25 Jahren in Reichenbach zum Abschied für immer zuwinkte, trifft sie regelmäßig. R. M.
Länderspiegel "Oh Gott, wann sehe ich die bloß wieder?"
Redaktion 03.10.2014 - 00:00 Uhr