Landgericht Bamberg Rentner wegen Vergewaltigung angeklagt

Udo Güldner
Er galt als der liebe Onkel – doch er verging sich an seinen Nichten. Nun steht er vor Gericht. Foto: picture alliance /dpa/Maurizio Gambarini

Ein Mann aus dem Haßbergkreis muss sich vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Er hatte sich an seinen beiden Nichten vergangen. Ein Geständnis erspart den Mädchen die Aussage – senkt aber auch die zu erwartende Strafe.

Bamberg - Viele Jahre schien er der „liebe Onkel“ aus den Haßbergen zu sein. In der Nacht zum Ostersonntag aber zeigte der 66-jährige Mann sein wahres Gesicht. Nun muss sich der Rentner wegen der Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Außerdem soll er die behinderte Schwester des Mädchens mehrere Male sexuell belästigt haben – als die noch ein Kind war.

Fünf Uhr früh ist es, als die Mutter verdächtige Geräusche an der Haustüre hört. Im Nachthemd geht sie nachsehen. Es sind aber keine Einbrecher, die ins Gebäude wollen, sondern ihre 16-jährige Tochter, die verzweifelt versucht hinauszugelangen. „Sie hat geweint und gezittert.“ Nur mit Mühe kann die Mutter ihr Kind ins Wohnzimmer lotsen. Dort versucht sie, herauszufinden was denn los ist. „Ich kann es nicht sagen. Dann geht alles kaputt.“ Nach diesen wenigen Worten stürmt das Mädchen doch noch aus dem Haus.

„Ich dachte erst, es sei eine Jungs-Geschichte, irgendein Liebeskummer,“ so die Mutter im Gerichtssaal. Draußen auf einer einsamen Parkbank findet sie ihre in Tränen aufgelöste Tochter wieder. „Ich wurde angefasst. Ich kann nicht sagen wo“ ist das Einzige, das das Mädchen noch hervorbringt. Sie schreibt den Vornamen des Täters ins Smartphone. Um die Körperstelle zu bezeichnen, tippt sie das Symbol einer Katze. Da ist der Mutter alles klar. „An diesem Tag hat sich das ganze Leben geändert.“

Die Ermittlungen der Kripo Schweinfurt bringen es an den Tag. In der Nacht hat sich der „liebe Onkel“ dem schlafenden Mädchen genähert. Der Teenager hat nach einem Besuch bei der Tante in deren Wohnung übernachtet. Auf einer Matratze liegt sie. Er nutzt ihre schlafende Lage, um sie mehrfach unsittlich zu berühren. Dabei dringt er gegen ihren Willen mit seinen Fingern auch in ihren Körper ein, was als Vergewaltigung gewertet wird. Auch die Gegenwehr des Mädchens hält ihn nicht davon ab. Sie kann erst fliehen, als er nach einer „Zigarette danach“ endlich eingeschlafen ist. Noch am selben Morgen wird das Unglück dann komplett. Denn auch die zweite Tochter öffnet sich - nach Jahren des Schweigens. „Sie hat mich in den Arm genommen und geschrien: Mama, jetzt ist alles aus.“ Doch ihrer Mutter die Geschichte erzählen, das kann oder will das zweite Mädchen nicht – bis heute. Nur so viel: „Ich wollte Euch alle nur beschützen.“ Dann wird sie ohnmächtig. Den Polizeibeamten berichtet das Mädchen später von mehreren Vorfällen, bei denen der „liebe Onkel“ sie begrapscht hat. Offenbar hat er dabei darauf spekuliert, dass das Mädchen, das seit seiner Geburt gehandicapt ist, die sexuellen Belästigungen über sich ergehen lassen und man ihr später einmal nicht recht glauben würde. Passiert ist es auf Fahrten zur Schule, zum Einkaufen oder zu einer logopädischen Praxis. Da ist das Mädchen zwischen acht und 14 Jahre jung. „Die Hand war da, wo sie nicht hätte sein dürfen,“ fasste Rechtsanwalt Glabasnia es in seiner Erklärung zusammen. Für Staatsanwalt Dietze sind es insgesamt zehn Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des sexuellen Übergriffs.

Am ersten Verhandlungstag vor der Jugendschutzkammer hat der 66-jährige Angeklagte ein letztes Mal das Heft des Handelns in der Hand. Er bestimmt durch sein Verhalten, ob die beiden Mädchen noch einmal ihre traumatischen Erlebnisse erzählen müssen. Wenn er alles bestritte oder schwiege, müssten die Schwestern berichten und sich möglicherweise auch peinliche Fragen des Rechtsanwaltes Maximilian Glabasnia aus Bamberg gefallen lassen.

Woran der Strafverteidiger selbst wenig Interesse hat. Sein Geständnis lässt sich der Angeklagte teuer abkaufen. Statt der sieben Jahre, die sich Staatsanwalt Frank Dietze als Strafe vorgestellt hat, läuft es nach einer Verständigung auf irgendetwas zwischen drei Jahren neun Monaten und vier Jahren neun Monaten hinaus. Damit können sich auch die von den Schrecken gezeichneten Eltern der Mädchen abfinden, die von Rechtsanwalt Thomas Drehsen aus Bamberg vertreten werden.

Denn nun bleibt den Opfern, die seit den Übergriffen und deren Entdeckung unter Ess-, Angst- und Schlafstörungen, Schuldgefühlen und Versagensängsten leiden, der öffentliche Auftritt erspart. „Es geht ihnen schlecht,“ so die Mutter.

Das vergewaltigte Mädchen erlitt lange Zeit nach dem Vorfall sogar einen völligen Nervenzusammenbruch. Auch die Ehe der Eltern der beiden Mädchen brach auseinander. „Die Situation war für uns alle zu belastend.“ Und dann ist da noch die Lebensgefährtin des „lieben Onkels“, mit der er drei gemeinsame Kinder hat. Sie ist die Schwester der Mutter. Obwohl man seit über einem Jahrzehnt ein Paar ist, hat die Frau ihren Nichten geglaubt und keinen Moment gezögert, ihn sofort vor die Türe gesetzt. Seither sitzt der Mann in Untersuchungshaft in der JVA Bamberg. Vorerst bis zum 7. Dezember, wenn am Landgericht Bamberg das Urteil erwartet wird.

 

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