Gegenentwurf zum Doomscrolling
"Die App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie möglich an sie binden soll – es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen", sagt Schubert. "Sie ist in gewisser Weise ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist; und eine der wenigen Apps, bei der die Beziehungen zu Freunden wirklich noch den Mittelpunkt bildet."
Neben Letterboxd spielen auch YouTube und TikTok eine Rolle dabei, wie junge Menschen Filme entdecken. Der 26 Jahre alte Regisseur von "Obsession", Curry Barker, wurde mit YouTube-Videos berühmt. TikTok erreicht unter dem Hashtag FilmTok ein junges Kinopublikum.
Doch das Vertrauen in die Inhalte dort schwindet ein wenig. Das Magazin "Vulture" und andere US-Medien haben gerade dazu recherchiert, wie Agenturen Kampagnen in den sozialen Netzwerken starten, um Begeisterung für Filme und andere Kulturprodukte zu simulieren.
Mit dem Aufkommen von KI-generierten Inhalten weiten sich Manipulationsmöglichkeiten aus, wie Yorck-Sprecherin Schubert ausführt. "Das Vertrauen des Publikums, dort Inhalte zu finden, wird sicherlich weiter schwinden." Letterboxd hingegen gilt – noch – als authentisch. Das macht die Scores dort zu einer ernstzunehmenden Währung: Wer heute einen Film sehen will, schaut davor oft auf Letterboxd – oder den Webseiten Rotten Tomatoes und Metacritic, welche die Kritiken von Zeitungs- und Onlinemedien zusammenfassen.
Die Kehrseite von Letterboxd
Das hat wiederum finanzielle Konsequenzen. "Schlechte Kritiken sind viel schneller ein Todesstoß für einen Film als früher", sagt Schubert. Die alte Branchenweisheit, dass man einen mittelmäßig bewerteten Film noch übers erste Wochenende retten kann, gelte nicht mehr. Schlechtes "Word of Mouth" könne heute einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten.
Das Gegenbeispiel existiert allerdings auch: Der "Super Mario"-Film war trotz durchwachsener Kritiken ein riesiger Kassenerfolg, wie Schubert sagt. Im Mainstream-Kino zählen Letterboxd-Scores weniger. Im Arthouse – dem Terrain der Yorck-Kinos – umso mehr.
Dass einzelne Plattformen so eine Macht haben, ist natürlich auch bedenklich. Schubert – die darauf verweist, dass Yorck nach ihren Angaben als erstes deutsches Unternehmen einen Letterboxd-Account hatte – sieht ein Risiko darin, "sich zu sehr von einer einzelnen Plattform abhängig" zu machen. "Diese kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, und dann steht man im Regen. Wir versuchen daher, mehrere Kanäle zu bespielen."
Aktuell aber ist Letterboxd der Favorit vieler Kinofans. Manche Nutzer sagen, die Möglichkeit, einen Film auf der App als "Gesehen" zu markieren, motiviert sie erst dazu, diesen zu schauen. Es ist natürlich etwas ironisch, dass das "echte" Erlebnis damit im digitalen Raum rückgekoppelt wird. Zumindest endet der Kinogang auch bei der "Classic Sneak" damit, dass viele Leute im Anschluss direkt ihr Smartphone zücken.