Auch "Weird" könne man als eine solche Aneignung verstehen, findet Lang. Die Lektorin sieht darin eine Gegenbewegung etwa zu klassischen "Boy meets girl"-Erzählungen. In vielen Rom-Coms und Romance-Büchern gehe es noch immer oft um die Frage, wie ein Mann das Leben einer Frau besser machen könne. Die "Weird Girl Fiction" sprenge diese konservative Sicht auf die Welt und richte den Blick auf eine Weiblichkeit, die mehr sein dürfe als nur auf den Mann bezogen, findet sie.
Programmleiterin: Figuren leben Motive wie Wut und Rache aus
Dahinter liegt aus ihrer Sicht aber auch ein tiefer Wunsch von jungen Frauen, "echt sein zu dürfen mit all dem, was sie fühlen. Dass sie sich schlecht fühlen, manchmal hässlich fühlen, dass sie keinen Bock haben auf Erwartungen der Gesellschaft, die auf sie einprasseln". Diese Haltung zeige sich an den Figuren in den Büchern. Sie lebten Motive wie Wut und Rache ziemlich deutlich aus, sagt Lang.
"Es geht bei der Weird Girl Fiction auch viel darum, gegen das weibliche Klischee zu arbeiten, seltsam sein zu dürfen, nicht konsistent sein zu dürfen, nicht brav, nicht angepasst". Die Bandbreite reiche bis hin zu weiblichen Figuren, die sexuell überbordend oder gar überbordend in Bezug auf Gewaltfantasien seien. "Also all das, was männliche Protagonisten in der Kunst schon immer durften, haben sich die Frauen jetzt sozusagen geholt".
Ein unguter Beigeschmack?
Apropos männliche Protagonisten: "Die Zeit" betont in einem Text über das Phänomen, dass es "Sonderlinge" in der Literatur schon lange gibt - zum Beispiel in Patrick Süskinds "Das Parfum" oder in Frank Kafkas Erzählungen. "Nur käme da kaum jemand auf die Idee, von "Weird Boys" zu sprechen". Die Wochenzeitung fragt, ob das "Weirde" nicht einfach ein Teil einer Erzählung ist, in der es eigentlich um etwas anderes geht.
Oft sei es ein Umgang mit psychischen Abgründen, der verhandelt werde. "Dass die entsprechenden Protagonistinnen "Weird Girls" genannt werden, hat durchaus einen unguten, stigmatisierenden Beigeschmack", heißt es. Befeuert es also doch Stereotype?
Lang hält das Label nur für förderlich, wenn man verstehe, dass es sich bewusst angeeignet wurde. "An sich ist der Begriff "weird" oder "seltsam" natürlich falsch, aber durch das Reclaiming - ein bisschen vergleichbar mit "fotzig" - passt es wieder. Frauen stülpen sich diesen Begriff über, um zu sagen: Es ist doch auch etwas Normales, wir sind doch alle super weird. Jeder ist doch weird auf seine Art und warum dürfen wir das nicht ausleben?"