„Maria Stuart“ bei den Rosenberg Festspiele Ein Psychogramm der Macht

Sabine Raithel

Schillers „Maria Stuart“ überzeugt bei den Rosenberg Festspielen mit einmaliger Kulisse, großen Darstellern und der Konzentration auf das Spiel. Ein historisches Stück mit beklemmend aktuellen Bezügen.

Zum Auftakt der diesjährigen Rosenberg Festspiele setzt Intendantin Anja Dechant-Sundby eines der berühmtesten Dramen der Weltliteratur in Szene: Friedrich Schillers „Maria Stuart“. Ein Stoff, der etlichen Schüler-Generationen Pflichtlektüre war. Und so sieht man am Premierenabend einige Premierengäste mit abgegriffenen gelben Reklamheftchen. Sie habe das Heft noch aus der Schulzeit - und so könne sie den schwierigen Text besser nachlesen, bekennt eine Zuschauerin. Doch wer die letztjährige umwerfende Inszenierung des „Jedermann“ von Intendantin und Regisseurin Anja Dechant-Sundby noch in Erinnerung hat, der ahnt: Dieser Theaterabend wird alles andere als ein Zitat dessen, was man schon kennt.

Das Aha-Erlebnis lässt auch nicht lange auf sich warten. Bereits am Eingang erhalten die Zuschauer kleine Kugeln, die sie in eine Waagschale werfen dürfen. Mit ihrer Wahl entscheiden sie, welche der beiden Darstellerinnen - Sabine Rossbach oder Katja Klemt - die Rolle der Maria spielen wird. Sprich, wer am Ende sterben wird. Für die Schauspielerinnen bedeutet das: Sie haben sich jeweils auf zwei tragende Rollen vorbereitet und wissen bis wenige Minuten vor der Aufführung nicht, welche Figur sie darstellen werden.

Geniestreich der Intendantin

Ein Geniestreich der Intendantin, mit dem sie den Willen – und die Macht – des Publikums in das Stück einbezieht. Der Zuschauer wird zur entscheidenden Masse. Wie bei jeder Wahl wiegt hier jede einzelne Stimme schwer. Raunen und Diskussion auf den Rängen: Hätte man besser die eine oder die andere Wahl getroffen? Welches Gewicht hat die eigene Kugel bei der Menge an Stimmen? Lange Zeit bleibt die Waage im Gleichgewicht – doch dann, mit nur einer Kugel Unterschied, fällt die Wahl des Publikums auf Sabine Rossbach. Sie wird in den nächsten 105 Minuten die letzten drei Tage im Leben von Maria Stuart, der schottischen Königin durchleiden, während Katja Klemt in die Rolle ihrer Cousine, der englischen Königin Elisabeth, eintaucht.

1800 erstmals aufgeführt

Das Trauerspiel „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller wurde am 14. Juni 1800 im Hoftheater zu Weimar uraufgeführt. Schauplatz der Tragödie ist England im 16. Jahrhundert. Das Stück beginnt an dem Punkt, an dem das Schicksal Marias schon besiegelt ist. Seit fast zwanzig Jahren ist die „Queen of Scots“ Gefangene der englischen Königin. Nach einem tödlichen Attentat auf ihren Ehemann war die schottische Königin zur Flucht zu ihren Verwandten nach England gezwungen. Aus Angst, dass Maria ihren Anspruch auf den englischen Thron erheben könnte, lässt Elisabeth sie prompt auf Schloss Fotheringhay einsperren. Elisabeth, die „Virgin Queen“, die jungfräuliche Königin, steht unter Druck. Ihr Volk drängt sie zur Heirat und verlangt die Hinrichtung Marias. Auch ihre Berater nötigen sie, nach Jahren des Zögerns endlich zu handeln – Lord Burleigh (Gerald Weiß) fordert eine schnelle Hochzeit zum Wohl des Staates; Lord Shrewsbury (Volker Figge) der ehemalige Wächter Marias, mahnt zu Milde. Der janusköpfige, aalglatte Günstling, Graf Leicester (Bernd Beleb), indessen spekuliert selbst auf eine Heirat mit Elisabeth und pocht auf ein Treffen der beiden Königinnen. Während Elisabeth von allen Richtungen vereinnahmt wird, plant der junge Mortimer (Lukas Reinsch) auf Fotheringhay die gewaltsame Befreiung Maria Stuarts und treibt so die Geschichte ihrem unweigerlich blutigen Ende entgegen.

Frauen gegeneinander ausgespielt

Die Kronacher Inszenierung arbeitet das Drama im Spannungsfeld zwischen religiöser Moral, Sinnlichkeit und Staatsraison heraus. Die beiden Herrscherinnen Maria und Elisabeth werden nicht von eigenem Hass geleitet, sondern von ihrem Umfeld zu Rivalinnen gemacht. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, die Frauen gegeneinander ausspielt und das fatale Narrativ vorantreibt, dass es an der Spitze nur eine geben kann.

Auf der neu befestigten Bühne des Kronacher Freilichttheaters stehen zwei große Schauspielerin-nen: Katja Klemt und Sabine Rossbach leben als zentrale Figuren die gesamte Klaviatur menschlicher Emotion aus - von machtbesessen, neidisch, eifersüchtig, unterkühlt, über zaudernd, zögerlich und zerrissen, angstgepeinigt, hoch verzweifelt und letztlich abgeklärt, verzeihend, liebevoll und auch bedauernd. Es ist alles drin. Dabei zeichnet Regisseurin Anja Dechant-Sundby einen großartigen Spannungsbogen. Sie setzt auf ein wohltuend reduziertes Bühnenbild. Ihr Augenmerk gilt der Wucht der Worte und der Kraft des Spiels. Den Schiller’schen Text hat sie zuschauerfreundlich verschlankt. Mit Ruth Pulgram hat sie eine kongeniale Ausstatterin an ihrer Seite, die die Brücke zwischen klassischem Stoff und moderner Inszenierung vorzüglich in Szene setzt. Große plissierte Krägen erinnern daran, dass es jeder Figur letztlich an den Selbigen gehen könnte.

Angedeutete historische Zitate

Räume und Kostüme sind skizzenhaft angedeutete historische Zitate, schaffen Raum für suggestive Bilder. Die imposante, in der Nacht beleuchtete Festung bildet den ebenso faszinierenden wie authentischen Rah-men. Die beiden Königinnen stehen auf zwei stilisierten Türmen - jeder taugt zum Schloss, zum Kerker und zum Schafott. Von dort führen sie die Dialoge mit ihren Vertrauten, intriganten Liebhabern und machtbesessenen Vasallen. Die emotionale Zerreißprobe findet jedoch ihren Höhepunkt im direkten Dialog der beiden Rivalinnen. Schreie der Verzweiflung, Hadern, Umgarnen, Hass, Machtwille, Bösartigkeit. Tragisch sind beide. Opfer und Täter zugleich. Geliebt und gehasst, ausgebeutet und ausbeutend. In diesem Menschheitsdrama kann es weder Siegerin noch Verliererin geben. Auch wenn Maria wie ein erbarmungswürdiges Häufchen Elend im Keller ihres Verlieses schmachtet und Elisabeth sich einer stürmischen Liebesnacht hingibt, so bleibt offen, wer wahrhaftig geliebt wird und wer den wahren Kerker erlebt. Auf dem Blutgerüst wird am Ende nur ein Zwischenstand exekutiert.

Alle Männerrollen sind Nebenrollen: Bernd Beleb (in einer Paraderolle als Leicester), Artur Hieb (Paulet), Gerald Leiß (Burleigh), Volker Figge (Shrewsbury), Gregor Nöllen (Davison) und Lukas Reinsch (herausragend als Mortimer). Allgegenwärtig - und das macht einen Teil des Schauderns aus - gehört ihnen jedoch die Macht.

Aktueller denn je

Selten rang Friedrich Schiller so leidenschaftlich um die Fragen, die ihn ein Leben lang umtrieben, wie in seinem Trauerspiel „Maria Stuart“: Wie lassen sich Recht und Gerechtigkeit angesichts der Widersprüchlichkeit des Menschen durchsetzen? Wie ist es um die Freiheit des Einzelnen bestellt? Was ist politische Macht und wo endet sie? In welchem Staat wollen wir leben? Welche Durchsetzungskraft haben weibliche Macht und Herrschaft in einem patriarchalen System? Fragen, die angesichts der aktuellen politischen Lage drängender sind denn je. Großartig, dass die Macher der Rosenberg Festspiele diese Themen mit Schillers Theaterklassiker aufgreifen. Und sie tun es erfrischend neu und anders. Die angestaubten Reklamheftchen können also getrost zuhause bleiben.

Weitere Termine

Weitere Aufführungen am 25. Juni (22.30 Uhr), 3. Juli (18 Uhr) sowie jeweils um 20.30 Uhr am 7. Juli, 17. Juli, 22. Juli, 28. Juli, 6. und 7. August. Tickets gibt es unter anderem in der Kronacher Tourist-Information, Telefon 09261/97236, oder unter www.rosenbergfestspiele.de

 

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