Diekmann versteht dann auch die Aufregung um Berndts Höcke-Gespräch nicht, sondern lobt den Ansatz des Podcasts: "Es ist zwar teilweise unerträglich, manchmal auch unerträglich seicht, Björn Höcke viereinhalb Stunden lang zuhören zu müssen. Aber er gewährt einen unverstellten Blick auf sein Denken, wenn er von Migrationspolitik als Mordkomplott oder von Schuldkult spricht."
Der Boulevardjournalist sieht das Versäumnis beim Höcke-Podcast eher auf der Seite der Medien. "Sie müssten so ein Gespräch destillieren und die schlimmsten Passagen zum Thema machen", sagte Diekmann der Deutschen Presse-Agentur. Berndt habe Höcke mehr entlarvt als die "choreografierten Interviews der Hauptstadtblasen-Journalisten mit ihren ritualisierten Fragen, die vor allem die eigene Tugendhaftigkeit beweisen wollen. Dort würde Höcke nie so offen reden".
Abgrenzung von klassischen Medien
Eine andere prominente Journalistin, Melanie Amann, Chefredakteurin Digital der Funke-Mediengruppe und lange beim "Spiegel", ließ sich sogar von Berndts Format "ungeskriptet" inspirieren. Ihr Podcast heißt "Amann unframed" (auf Deutsch sinngemäß "unvoreingenommen"). Beide luden sich auch gegenseitig in ihre Podcasts an. Amann betonte dabei aber, wie wichtig journalistische Einordnung bei Gästen wie Höcke sei. Berndt dagegen sagt: "Ich unterhalte mich einfach mit Menschen, so wie wir das seit Jahrtausenden tun."
Berndt erklärt seinen Ansatz so: "Viele Journalisten halten sich für neutraler als sie tatsächlich sind." Deshalb würde, so Berndt, "ein Quoten-AfDler in jeder Redaktion dem Journalismus guttun. Das ist aktuell die erfolgreichste Partei in Deutschland und gleichzeitig die unbeliebteste in vielen Redaktionen. Wenn dort Menschen säßen, die diese Perspektive wirklich verstehen, würde das helfen".
Hier wird das Erfolgsgeheimnis des Podcasts sichtbar: Es ist die Abgrenzung vom etablierten Mediengeschäft. Berndt, der mit 14 anfing, mit Computerteilen zu handeln, und mit Mitte 30 mit einem Start-up für Babytragen zum Millionär wurde, handelt ökonomisch. In der Gesellschaft kontrovers gesehene Gäste treiben die Abonnentenzahlen hoch und damit gemäß der Logik der Digitalplattformen die Einnahmen.
Wunschgäste: Elon Musk und Wladimir Putin
Solange das so ist, öffnet sich ihm ein weites Geschäftsfeld bis tief ins politisch rechte Spektrum. Und Berndt ist fleißig. Mitunter zwei Podcasts an einem Tag nimmt er in seinem Studio in einem Kölner Vorort auf. Damit schafft er sich auch den familiären Freiraum, um sich mit seiner berufstätigen Verlobten bei der Betreuung des gemeinsamen Kindes abzuwechseln.
Längst hat sich Ben Berndt neue Ziele gesetzt. Ein neues, größeres, repräsentativeres Studio wird gerade fertig. Und auf der Gäste-Wunschliste stehen nun Elon Musk, Wladimir Putin, Joe Rogan und Benjamin Netanjahu.
Berndt: "Ich arbeite dran, dass das irgendwann passiert." Am meisten Spaß machten ihm Gespräche, wenn beide Seiten wirklich Lust darauf hätten. "Wenn ein Gast sich freut, dass er da ist, und ich mich freue, dass er kommt, dann ist das wie Kindergeburtstag."