Medizinische Versorgung Warum Coburger so lange auf Facharzttermine warten

Hier wartet höchstens der Arzt: Patienten, die ihre Termine nicht absagen, werden für Praxen zum Problem. Foto: picture alliance/dpa/Daniel Karmann

Durch unentschuldigtes Fehlen werden wertvolle Sprechzeiten blockiert. Betroffene Mediziner berichten.

Coburg - Elzbieta Bera ist sauer. Eigentlich wollten sich in der gynäkologischen Praxis ihres Mannes, Jan Bera, heute zwei neue Patientinnen vorstellen. Bei beiden handelte es sich um Schwangere, deren Versorgung aufwendig ist und für die sie ohnehin mehr Behandlungszeit eingeplant hatte. „Gekommen ist keine. Abgesagt wurde auch nicht“, ärgert sich Elzbieta Bera. Und das sei kein Einzelfall. Mehrmals in der Woche würden gerade neue Patientinnen ihre Termine nicht wahrnehmen. „Und das obwohl wir für sie mehr Zeit einplanen müssen“, so Bera.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie achtet sie darauf, dass das Wartezimmer nicht voll besetzt ist. Die Praxis ist so organisiert, dass Behandlungen pünktlich stattfinden können. Kommen dann aber Patientinnen nicht, bleibt wertvolle Sprechzeit ungenutzt. „Dabei geht es uns nicht darum, dass wir nichts zu tun hätten“, betont Elzbieta Bera. Vielmehr träfen die Folgen des unentschuldigten Fehlens andere Frauen. „Freie Termine für neue Patientinnen gibt es aktuell erst im August und September“, erzählt sie. Damit bestätigt sie das, was viele Frauen bei der Suche nach einem Gynäkologen oder einer Gynäkologin in Coburg erleben. In einigen Praxen herrscht sogar Aufnahmestopp. „Dabei hätten wir genug Kapazitäten, wenn die Patienten kommen oder zumindest absagen würden“, sagt Bera.

Weil sich die Situation in letzter Zeit verschärft hat, gibt es in der Praxis in der Löwenstraße jetzt einen genauen Ablaufplan, wie man mit jenen umgeht, die mehrfach nicht erscheinen. „Beim ersten Mal rufen wir an und bitten darum, in Zukunft doch bitte abzusagen. Dabei erklären wir auch, welche Auswirkung das Wegbleiben für andere hat“, so Elzbieta Bera. Verstreicht auch ein zweiter Termin, erfolgt wieder ein Anruf. „Dann kündigen wir an, dass wir beim nächsten Mal eine Ausfallgebühr in Rechnung stellen werden.“ Wirkt auch das nicht und die Patientin erscheint ein drittes Mal zur vereinbarten Zeit nicht, wird die Praxis keinen neuen Termin vergeben. „Gleichzeitig haben wir eine Liste zum Vorbuchen“, sagt Bera. Es gebe jede Menge Frauen, die „überglücklich sind, wenn wir ihnen dann einen freigewordenen Termin anbieten können.“ Bei lange im Voraus geplanten Untersuchungen ruft das Praxisteam sogar standardmäßig die Patientinnen an, um an den Termin zu erinnern. „Das ist zwar Aufwand, aber es lohnt sich“, so Elzbieta Bera.

Ein leeres Wartezimmer, weil Erkrankte nicht kommen – so drastisch ist die Situation bei Dr. Helmut Keller, Kardiologe im Esco-Park in Coburg zwar nicht, doch auch der Internist bemerkt, dass immer wieder Patienten und Patientinnen den Terminen fernbleiben. „Fünf Prozent kommen nicht und sagen auch nicht ab“, erklärt er. Zum Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 sei das Problem bei ihm allerdings akuter gewesen. „Damals hatten sogar zehn bis 20 Prozent der Patienten ihre ausgemachten Termine nicht wahrgenommen“, erinnert er sich. Vor einem Jahr sei die Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus der Grund für die hohe Ausfallrate gewesen. „Selbst Akutpatienten haben Probleme ausgesessen“, weiß der Internist – und die Zahlen geben ihm recht. So wurden im Jahr 2020 bis zu 40 Prozent weniger Herzinfarkte in Krankenhäusern behandelt. Das bedeutet allerdings nicht, dass es weniger Infarkte gab, sondern eher, dass diese vermutlich zu Hause ausgehalten wurden. „Wir appellieren daher an unsere Patienten, ihre Untersuchungen wahrzunehmen und nehmen vor dem Termin telefonisch Kontakt zu jedem auf“, so Helmut Keller. So ließe sich auch ein Stück weit vermeiden, dass Patienten unentschuldigt fernbleiben.

Als Vorsitzender des Facharztvereins Coburg sind Dr. Helmut Keller die langen Wartezeiten bei den Fachärzten bekannt. „Auf eine Dickdarmspiegelung wartet man derzeit zwei bis drei Monate“, weiß er. Umso wichtiger sei es, dass ein Termin, der nicht wahrgenommen werden kann, abgesagt und so für andere freigemacht werden kann. „Man sollte schon erwarten, dass die Menschen stornieren“, so Helmut Keller.

Wie groß das Problem in Zahlen ausgedrückt ist, das weiß man bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) zwar nicht. Allerdings, so betont Axel Heise, Pressesprecher der KVB auf Anfrage, dass den Beratern im Servicezentrum Oberfranken ein solches Verhalten immer wieder von Fach- und auch von Hausärzten berichtet wird, „so dass man nicht von Einzelfällen sprechen kann“. Die KVB rät Medizinern, solche Patienten und Patientinnen an die Kasse zu melden, „auch, um Beschwerden vorzubeugen, es gäbe keine Termine“. Außerdem könnten Praxisverwaltungssysteme genutzt werden, die eine Erinnerungsfunktion etwa per Mail oder per SMS anbieten. „Disziplinierend wirkt auch oft eine telefonische Erinnerung an den Termin am Tag vorher, da SMS oder Mail gerne übersehen werden“, so der Pressesprecher.

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