Aber mal ehrlich, wann hätte man je von einem Bariton oder Bass mit Allüren gehört? Und dennoch: Tenöre gelten von jeher als das Geschenk ans (weibliche) Publikum. In den großen Opern sind Sänger mit der höchsten männlichen Stimmlage meist die Helden und Liebhaber (Cavaradossi, Tamino, Florestan, Tristan, Siegfried); die Schurken (Scarpia, Don Giovanni, Don Pizarro, Alberich, Jago) bleiben dagegen in aller Regel den tieferen Stimmlagen vorbehalten. Zwei Ausnahmen sind der verschlagene Monostatos aus der "Zauberflöte"- ein Tenor; und der edle Gurnemanz im "Parsifal" - ein Bass. In der richtigen Welt ernten jene Sänger, die auf der Bühne scheinbar mühelos höchste Töne erreichen und minutenlang aushalten können, den meisten Applaus: Das "hohe C" lässt die Hörer erschauern, und seine Ritter werden zutiefst verehrt. Solche Stimmlagen - eigentlich unmännlich, vor allem, wenn es bis ins Extrem eines Countertenors reicht - scheinen einen besonderen Sex-Appeal zu haben. Dem "Mythos Tenor" geht am Freitag ab 19.05 Uhr bei BR-Klassik die Kulturjournalistin Kathrin Hasselbeck in einem Radio-Feature auf den Grund. Sie zitiert darin einen, der es von Berufs wegen wissen muss: den Komponisten Hector Berlioz, der den Tenören attestierte, "kein Wesen von dieser Welt", sondern gar "eine Welt für sich" zu sein. Tatsache ist, dass einem Klassikliebhaber, nach unsterblichen Sänger-Legenden gefragt, spontan vor allem Tenöre einfallen: Enrico Caruso, Joseph Schmidt, Fritz Wunderlich, Luciano Pavarotti ...; das gilt übrigens auch für noch aktuelle Stars: Jonas Kaufmann, Rolando Villazón Andreas Scholl, José Carreras, René Kollo oder Plácido Domingo.
Meinungen Eine Welt für sich
Von Kerstin Starke 25.06.2015 - 00:00 Uhr